Kino

Kino-Neustart: Es geht ans Eingemachte

Zumindest ging es am vergangenen Wochenende nicht noch weiter nach unten: Vor allem "House of Gucci" sorgte mit einem unter den gegebenen Umständen bemerkenswerten Start dafür, dass die Besucherzahlen gegenüber dem vergangenen Wochenende wieder leicht stiegen. Unterdessen wurde zwar endlich die Gesamtbesucherzahl aus 2020 überschritten, Prognosen aus dem Spätsommer wird der deutsche Kinomarkt zum Ende des Jahres aber meilenweit verfehlt haben.

06.12.2021 17:01 • von Marc Mensch
Topstart am nächsten schlimmen Wochenende: "House of Gucci" (Bild: Universal)

Erneut wartete ein Kinowochenende mit gruseligen Zahlen auf, erneut zeigt sich überdeutlich, welch ein Besuchskiller 2G Plus (außer nach Berliner Definition!) ist, erneut ging die Zahl der geöffneten und erfassten Kinos in der Filmsource-Auswertung von Comscore zurück - und erneut verschwanden in den letzten Tagen diverse Titel von den Startlisten. Diesmal sind es allerdings (mit Ausnahme etwa von Sing - Die Show Deines Lebens") in der Regel nicht die großen internationalen Titel, die hektisch umterminiert werden - sondern vor allem die deutschen Produktionen. Was wohl weniger daran liegt, dass man glaubt, große Studioproduktionen könnten den desolaten Rahmenbedingungen noch am ehesten trotzen. Sondern vielmehr an globalen Auswertungsstrategien, bei denen Deutschland (oder besser: der deutschsprachige Raum, in Österreich etwa läuft ja noch ein kompletter Lockdown) mitgezogen wird.

Übrigens gilt dies nun auch mit Sicherheit für "Spider-Man: No Way Home". Die Tatsache, dass der Vorverkauf in Deutschland auf sich warten ließ, nährte Spekulationen, der Film könne hierzulande doch noch verschoben werden - allerdings ist der Vorverkauf nun auch hierzulande gestartet.

Eine wirkliche Besserung der Lage in Deutschland ist derzeit nicht in Sicht, auch wenn sich z.B. in Bayern die Zahl der Hotspots zuletzt drastisch reduziert hat. Allerdings wirkt 2G Plus ohne Ausnahmen für Jugendliche beinahe so hart wie ein Lockdown - die kulturfeindliche Corona-Strategie Bayerns lässt sich auch im Ländervergleich deutlich ablesen. Ein klein wenig Erleichterung bieten bereits seit dem Wochenende Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg: Dort entfällt die Testpflicht im Rahmen von 2G Plus für Menschen mit Booster-Impfung. Weitere Bundesländer erwägen den Schritt, wollten aber die Beratungen der Gesundheitsminister*innen am heutigen Montag abwarten - von dort sind allerdings noch keine Signale gekommen. Ohnehin ist der Anteil an "Geboosterten" noch so niedrig, dass sich der Effekt noch in Grenzen halten dürfte, eine Maßnahme aus der Reihe "Besser als Nichts".

Immerhin konnten sich die Zahlen gegenüber der miserablen Vorwoche ein klein wenig verbessern, Comscore zählte gut 532.000 Besucher und 4,8 Mio. Euro Umsatz, ein Plus von 5,1 bzw. sogar 12,1 Prozent gegenüber der Vorwoche. Erzielt wurden diese Zahlen in 988 erfassten Häusern, vor einer Woche waren es noch 1009...

Hauptverantwortlich für den leichten Anstieg ist Ridley Scotts Meisterwerk House of Gucci", dessen knapp 141.000 Besucher (ohne Previews) zwar massiv unter dem liegen dürften, was der Film unter anderen Bedingungen hätte erreichen können - die unter den gegebenen (desolaten) Umständen aber nahezu einem Triumph gleichkommen. Auch die Rückgänge der Bestandstitel haben sich gegenüber dem Unisono-Absturz vom vergangenen Wochenende, als 2G Plus in rund einem halben Dutzend Bundesländern zum Tragen kam (neben dem Lockdown im Bundesland mit der schlechtesten Impfquote...), wieder in deutlich moderatere Bahnen bewegt. Ein Junge namens Weihnacht" etwa schrieb quasi identische Zahlen zur Vorwoche, Encanto" baute um gerade einmal 23 Prozent ab - und Keine Zeit zu sterben" kämpft sich mit einem Besucherrückgang von 34,7 Prozent (Vorwoche 54,3 Prozent) eisern auf die Sechs-Millionen-Besucher-Marke zu, die er - hätte ihm Corona nicht noch ein Bein gestellt - längst erreicht hätte.

Ein durchaus beachtenswerter Start gelang noch Clifford - Der große rote Hund" mit gut 38.000 Besuchern und einem Debüt auf Platz 5 nach Umsatz und sogar Platz 3 nach Besuchern, ansonsten waren die Neustarts eher ein Fall für die Abteilung "Trauerspiel".

Immerhin: Obwohl Comscore für diese Filmsource-Auswertung wieder bei nur 75 Prozent geöffneter regulärer Kinos angekommen ist, lag der Gesamtmarkt noch um 25 Prozent nach Besuchern und 32 Prozent nach Umsatz über dem katastrophalen Wochenende vom 19. April 2018 - dem schlechtesten Wochenende der fünf Jahre vor Corona. Ein denkbar schwacher Trost zu Beginn des traditionell stärksten Kinomonats des Jahres... Die Gower-Street-Prognose aus dem September (47,1 Mio. Besucher im Gesamtmarkt) werden die deutschen Kinos jedenfalls um Längen verpassen, so viel steht bereits fest. Da verkommt auch zur Randnotiz, dass die Vorjahreszahlen nun auch nach Besuchern endlich erreicht sind, mit knapp 35,2 Mio. Gesamtbesuchern endete der 2. Advent mit einem Vorsprung von 0,4 Prozent auf das Jahresendergebnis 2020...

Während sich der österreichische Markt unterdessen komplett im Lockdown befindet, haben die Corona-Maßnahmen in den Niederlanden vergleichbare Effekte auf die Kinos: Die Sperrstunde ab 17 Uhr (!) ließ die Kinobesuchszahlen um satte 23 Prozent unter jene des schlechtesten Wochenendes der fünf Jahre vor der Pandemie fallen.

Noch kurz der Blick auf die einzelnen Bundesländer, wobei Sachsen wegen des Lockdowns an dieser Stelle einmal ausgeklammert sei. Die niedrigste Öffnungsquote weist (basierend auf den Rückmeldungen für die Filmsource-Auswertung) mit nur 56 Prozent das 2G-Plus-Land Mecklenburg-Vorpommern (Bayern hat den zweitschlechtesten Wert mit 69 Prozent) auf - und die geöffneten Kinos blieben dort um ganze 28 Prozent unter der unteren Benchmark des schwächsten Wochenendes vor Corona. Ebenfalls unterschritten haben diese denkbar niedrige Hürde die 2G-Plus-Länder Bayern (minus sieben Prozent) und Niedersachsen (minus fünf Prozent). Die höchste Öffnungsquote weist mit 96 Prozent das 2G-Land Hamburg auf. Mit Besucherergebnissen der geöffneten Häuser von 80 Prozent über der unteren Benchmark musste man sich nur dem 2G-Nachbarn Schleswig-Holstein (plus 83 Prozent) geschlagen geben. Thüringen zeigt mit plus 30 Prozent erneut, dass die auf Veranstaltungen mit etwas größerer Teilnehmerzahl begrenzte Anwendung von 2G Plus den Kinos zumindest minimal Luft zum Atmen lässt.