Kino

Gastkommentar von Julia Gaugusch-Prinz: "Kinolockdown Nr. 3 und wir kämpfen weiter!"

Die österreichische Kinobetreiberin und Vizepräsidentin des Österreichischen Kinoverbands, Julia Gaugusch-Prinz, blickt mit großer Sorge auf die aktuelle Lage und die drohende 2G-Plus-Regelung für alle Kinos nach dem neuerlichen Lockdown.

06.12.2021 14:47 • von Barbara Schuster
Julia Gaugusch-Prinz (Bild: Waldviertler Kinos/privat)

Die österreichische Kinobetreiberin und Vizepräsidentin des Österreichischen Kinoverbands, Julia Gaugusch-Prinz, blickt mit großer Sorge auf die aktuelle Lage und die drohende 2G-Plus-Regelung für alle Kinos nach dem neuerlichen Lockdown.

Seit 22. November 2021 befindet sich Österreich wieder im bundesweiten Lockdown, der für alle Bürger*innen gilt, bereits eine Woche davor, mit 15. November 2021, trat der Lockdown für ungeimpfte Personen in Kraft. Die Auswirkungen für das Kino waren gravierend: Betreiber meldeten einen Besucherrückgang von bis zu 50 Prozent. Die Kinos in der Bundeshauptstadt Wien, deren Bürgermeister ein strengeres COVID-19 Konzept als das restliche Österreich verfolgt, standen durch die eingeführte 2G-Plus-­Regelung vor einer zusätzlichen Herausforderung. 2G Plus bedeutet: genesen oder geimpft plus negativer PCR-Test. Das führt bei den Kinogästen zu großer Verärgerung und Unverständnis und ist de facto nichts anderes als ein indirekter Lockdown.

Dass genau jene 2G-Plus-Regelung nun im Raum für die Zeit nach dem derzeitigen Lockdown steht, lässt im österreichischen Kinoverband die Alarmglocken schrillen. "Es kann nicht sein, dass die Gastronomie (dort gilt die 2G-Regelung) gegenüber dem Kino besser gestellt ist, das macht einfach keinen Sinn", bringt es Christian Dörfler, Präsident des Verbandes, auf den Punkt. Alle Kinobetreiber haben durch die Umsetzung der strengen Präventions- und Hygienekonzepte dazu beigetragen, dass das Kino ein sicherer Ort ist. Jetzt sehen wir uns aber mit der Tatsache konfrontiert, dass politische Entscheidungsträger offensichtlich die Meinung vertreten: Kino = Veranstaltung = die wollen wir nicht, da ist die Ansteckung sehr hoch = somit müssen strenge COVID-19-Sanktionen gelten.

Kinobesuche sind Veranstaltungen, natürlich, aber regelmäßige, mit durchdachten Konzepten, mit zugewiesenen Sitzplätzen und können nicht einfach mit einmaligen Events, sei es einem Konzert oder einer Hochzeit, in einen Topf geworfen werden. Die Gleichstellung mit der Gastronomie ist die zentrale Forderung, die der Kinoverband immer wieder kommuniziert und bei den zuständigen Stellen deponiert. Mit österreichweit 1,2 Millionen Besuchern im Oktober 2021 haben uns die Gäste gezeigt, dass Kino noch immer die erste Wahl für ein tolles Filmerlebnis ist. James Bond sei Dank, und die Tatsache, dass viele tolle Produktionen am Start stehen, hat uns zuversichtlich gestimmt. Egal ob Eventkinos in den großen Städten oder klassische Kinos im ländlichen Raum: es hat sich Optimismus breit gemacht und viele Sorgen der letzten Monate verringert.

Wir haben uns auf Weihnachten vorbereitet, Content-Pläne für Social Media erstellt, Gutscheinaktionen ausgetüftelt und nicht zuletzt mit viel Einsatz und Improvisation gecheckt, dass wir in der Concession das Angebot wie gewohnt halten können.

Nun stehen wir vor der Tatsache, dass wir einerseits wieder mit Filmverschiebungen konfrontiert sind, und andererseits nicht wissen, ob es unsere Kernzielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen überhaupt in die Kinos schafft. In Österreich werden Schüler*innen dreimal wöchentlich in den Schulen getestet und erhalten Sticker in den "Ninja-Pass", der ihnen einen 2G-Status verschafft. Während der Weihnachtsferien fallen diese Testungen weg und gerade die ab 12-Jährigen sind jene Zielgruppe, bei der die Durchimpfungsrate noch sehr gering ist. Weihnachten ohne Jugendliche und Familien? Das ist kaum vorstellbar und doch ein Szenario, das uns droht.

Die wirtschaftlichen Folgen der letzten beiden Lockdowns, 2G-Plus-Regelungen und das drohende Ausfallen einer wichtigen Zielgruppe zu Weihnachten sind enorm. Einige Kinobetreiber haben noch nicht die zugesagten Förderungen des letzten Lockdowns erhalten, und stehen nun vor der Frage, wie es weitergehen kann. Die teils beträchtlichen Preiserhöhungen im Buffeteinkauf sowie die steigenden Betriebs- und Personalkosten müssen abgedeckt werden. Nach einem durchaus guten Geschäftsjahr 2019 konnten die ersten beiden Lockdowns besser bewältigt werden, doch nun sind einige Kinobetriebe deutlich geschwächt und fragen sich, wie sie die enormen wirtschaftlichen Herausforderungen schaffen sollen. Wie hoch das Kino in der Gunst des Publikums - noch immer - steht, beweist der Erfolg einer Imagekampagne, die der österreichische Kinoverband gemeinsam mit wichtigen Partnern und dem Hitradio Ö3 im September 2021 umgesetzt hat: »Hitradio Ö3 und die österreichischen Kinos laden Sie auf ein Jahr lang Kinovergnügen ein«. Der Radiosender hat eine tägliche Reichweite von 2,5 Millionen Hörer*innen und einen Marktanteil von 40 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen (Quelle: ORF). Vom 13. bis 16. September 2021 wurden über Ö3 insgesamt neun »Ö3-Kinopässe« (für jedes Bundesland einer) verlost. Die glücklichen Gewinner dürfen nun ein Jahr lang kostenlos ins Kino gehen: so oft sie wollen, wo sie wollen und das gemeinsam mit einer Begleitperson. In Summe wurde die Aktion mit 30 Einbindungen im Ö3 Nachmittagsprogramm gesendet und konnte damit die sensationelle Zahl von 12.370 Anmeldungen für das Gewinnspiel erzielen.

Dieser überwältigende Erfolg ist ein enorm wichtiges Zeichen in mehrfacher Hinsicht. Die österreichischen Kinos haben aufgezeigt, welch wichtiges Standing sie in der Freizeit- und Kulturlandschaft haben. Doch immer noch werden sie oft in der Kulturlandschaft als Randerscheinung betrachtet. Die Ausweitung von Kulturförderungen auf die gesamte Kinolandschaft, angelehnt an bereits bestehende Förderungen zum Beispiel für Programmkinos, wäre im Sinne des Erhalts der Branche enorm wichtig. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Kinos nicht nur im innerstädtischen Gebiet wichtig sind, so sind sie oft im ländlichen Raum doch die einzigen kulturellen Nahversorger, die ganzjährig geöffnet haben.

An dieser Stelle sei meinerseits, Betreiberin von zwei Drei-Saal-Kinos am Land, ein Appell an alle Akteure der Kino- und Filmwirtschaft gerichtet. Wir leisten mit unserem Einsatz einen nicht zu unterschätzenden Beitrag, Kino als einen wichtigen Teil der Freizeitgestaltungen von Kindern und Jugendlichen zu implementieren. Wir sorgen dafür, dass dieses Publikum die Filme gemeinsam mit Freunden im Kino sehen will. Und genau das machen diese jungen Leute auch, wenn sie älter werden und zum Studium oder zur Arbeit in eine Großstadt ziehen. Für sie ist Kino ein selbstverständlicher Teil ihrer Freizeit geworden. Doch egal ob Provinzkino oder Eventkino in der Großstadt, so haben sie doch auch Gemeinsamkeiten: floppt ein Film, tut er dies im Multiplex genauso wie im kleinen Kino. Die Abhängigkeit von Hollywood-Produktionen spüren wir in Österreich leider oftmals noch viel mehr als in anderen europäischen Ländern. 2,8 Prozent, das ist der Umsatzanteil des österreichischen Films am Gesamtergebnis von 2019. Da ist leider kein Tippfehler dabei. Wir diskutieren dieses Problem im Kinoverband immer wieder und sind der Meinung, dass dies nur durch eine Änderung der Förderpraxis in Österreich erreicht werden kann. Um den Prozentsatz zu erhöhen sollte darauf geachtet werden, auch Produktionen zu fördern, die ein breites Publikum ansprechen. Wir brauchen ganz dringend breitenwirksame heimische Filme, damit wir wieder ein Teil von Europas Spitze in Bezug auf Besucherzahlen werden.

Der Ausbruch der Pandemie hat vieles auf den Kopf gestellt und Prioritäten deutlich verrückt. Die Regierung hat uns in einigen Punkt sehr unterstützt (Kurzarbeit, Ausfallsbonus, Fixkostenzuschuss etc). und doch auch gezeigt, welchen Schaden sie durch falsche Kommunikation, fehlende Abstimmung in den eigenen Reihen und übertriebenen Föderalismus anrichten kann. Als überzeugte Unternehmer versuchen wir täglich die COVID-19-Regelungen bestmöglich umzusetzen und kämpfen so um jeden ­Kinobesucher. Doch das schaffen wir alleine nicht mehr. Die Beibehaltung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für 2022, die Gültigkeit von 3G-Nachweisen für Kinobesuche und die Ausweitung von Förderprogrammen für die gesamte ­Kinolandschaft sind die wichtigsten Forderungen von uns an die Politik.

Kino ist ein Ort der Gemeinsamkeit, gemeinsam lachen und weinen, sich gemeinsam fürchten und gemeinsam großartige Action auf der großen Leinwand erleben. Das wollen wir alle wieder, Kinogäste wie Kinobetreiber. Und zum Abschluss möchte ich noch meinen Lieblingsslogan zitieren: "Kino, dafür werden Filme gemacht!"

Julia Gaugusch-Prinz:

Die engagierte Theaterleiterin stieg 1998 in das elterliche Drei-Saal-Kino Stadtlichtspiele Gmünd ein. 2008 erfolgte der Kauf des Zentral Kino Zwettl mit ebenfalls drei Sälen und die Etablierung der Marke "Waldviertler Kinos Gmünd Zwettl". Gaugusch-Prinz ist Vize­präsidentin des Österreichischen Kinoverbands.