Produktion

Wortmeldung: "Mehr Mut zum Risiko"

Wie können Kino und Kinofilm in einer Zeit relevant bleiben, in der sich unabhängige Produzent*innen mit immer größeren Herausforderungen konfrontiert sehen? Ein Beitrag im Namen des Produzentenverbands.

03.12.2021 14:10 • von Marc Mensch
Vorstand und Geschäftsführer des Produzentenverbandes: Tobias Walker, Christiane Sommer, Andrea Schütte, Jakob Weydemann, Christian Beetz, Ingo Fliess, Alexandra Krampe und GF Erwin M. Schmidt (Bild: Maximilian Probst/Produzentenverband)

In einem exklusiven Beitrag für Blickpunkt: Film haben sich die Vorstandsmitglieder Ingo Fliess, Alexandra Krampe und Christiane Sommer im Namen des Produzentenverbandes Gedanken über die Zukunft des Kinofilms und die notwendigen Rahmenbedingungen gemacht. Hier können Sie ihn im Wortlaut lesen:

"Das Kino ist tot, es lebe das Kino. Aber welches? Das Kino in Deutschland kämpft um seine Relevanz - inhaltlich, gesellschaftlich, kulturell und nicht zuletzt wirtschaftlich. Viele unabhängige Produzent*innen sehen im Kinofilm ihre DNA. So wird die Frage nach der Situation des Kinos und der Filmkultur für uns sehr schnell zu einer existentiellen und persönlichen. Überleben wir auf der kleinen Insel des Arthouse-Films oder stürzen wir uns in das riesige Meer der Plattformen, das scheinbar Nahrung für alle bietet - oder doch nur die kleinen Fische schluckt?

Streamer lösen Goldgräberstimmung aus, locken mit schnellen Entscheidungen und üppiger Finanzierung aus einer Hand. Längst finden sich Autor*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen bei den Plattformen wieder, sind vollbeschäftigt und verhandeln eigene Verträge. Die Produzent*innen werden zu Lieferant*innen, denn es gibt viel zu tun, um endlose Stunden von Serien herzustellen. Das ist in der heutigen Zeit eine willkommene Geschäftsgrundlage, doch allein dafür sind wir nicht angetreten. Wir wollen Filme entstehen lassen, die das Publikum unterhalten, fordern und begeistern, Dokumentarfilme und Spielfilme, die ein Spiegel unserer Gesellschaft sind, ein wesentliches Abbild von dem, was wir sind, was wir sein werden, was wir sein könnten, die das Publikum in eine bekannte und unbekannte Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft entführen. Zwei Stunden Filmmagie, in denen eine originelle Idee und eine gute Geschichte noch etwas zählen.

Kinofilme bedeuten Vielfalt. Sie entstehen in unterschiedlichen kreativen Milieus, weil Produzent*innen Gefallen finden an ersten Ideen und Handschriften von Autor*innen und Regisseur*innen unterschiedlichster Herkunft und sich mit den kreativen Talenten, ganz unabhängig davon, ob etabliert oder am Karriereanfang, auf eine Reise mit Hindernissen begeben. Dafür braucht es Vertrauen, für mehr Experimente und um radikaler zu werden. Sich auf das Unbekannte einzulassen - inhaltlich, ästhetisch, personell. Um diese Wagnisse einzugehen braucht es Anreize, es muss sich lohnen, jahrelange Entwicklungen ins Ungewisse voranzutreiben. Am Ende muss ein Pioniergewinn möglich sein, eine faire Beteiligung an den Erlösen, um Innovation überhaupt finanzieren zu können.

Und es braucht verlässliche Partner. Der deutsche Kinofilm hatte diese einst. Doch in Konkurrenz mit den Streamern leiten die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Etats zunehmend in die Mediatheken um. Der Kinofilm ist zwar prestigeträchtig, aber im Grunde inkompatibel: zu lang, zu unbequem, keine horizontale Zuschauerbindung. Geltende Sperrfristen führen zu zeitlich verzögerter Ausstrahlung. So verschwindet der Kinofilm aus der ersten und zweiten Primetime und damit auch aus den Budget-Planungen der Programmstrategen.

Aber verabschieden sich die Sender damit nicht auch von einem Bereich, in dem sie bisher erfolgreich tätig waren? Viele Talente, die heute für Streamer arbeiten, haben ihre kreative Handschrift im Kino entwickelt. Ihre ersten Filme sind meist unter Beteiligung von ARD und ZDF entstanden. Hier wurden aufstrebende Regisseur*innen, Autor*innen und Produzent*innen entdeckt. Der Rückzug der Sender aus der Kinoproduktion ist folgenreich und kann für die unabhängigen Kinoproduzent*innen und die Vielfalt des Kinos existenzbedrohend werden. Denn wie kann die entstehende Lücke gefüllt werden?

Bei den Filmförderungen konkurriert der Arthouse-Film mit dem zunehmenden Mainstream um öffentliche Gelder. Unabhängige Verleiher, die es für erfolgreiches Marketing braucht, investieren immer weniger. Budgets sinken, obwohl sie steigen müssten und der Fachkräftemangel, für den die Branche bisher keine Lösung hat, tut ein Übriges, die angespannte Lage für unabhängige Kinoproduzent*innen weiter zu verschärfen.

Was also brauchen wir? Mehr Mut zum Risiko. Vielfalt - der Budgets, der Geschichten, der Genres, der Handschriften. Künstlerische Freiheit. Ja, wirtschaftlich braucht das Kino hochbudgetierte Mainstreamfilme, aber auch den Arthouse-Film. Denn Monokultur vermag kurz- und mittelfristige Gewinne zu versprechen, auf lange Sicht ist sie ungesund.

Kino hat, wie kaum ein anderer kultureller Raum, das Potential, Menschen in ihrer Vielfältigkeit zusammenzubringen. Das Filmtheater fungiert als Ort der schichten-übergreifenden Begegnung, des Diskurses, des kollektiven Erlebnisses. Im kleinen Programmkino wie im Multiplex. In der Stadt und auf dem Land. Ein Gemeinschaftserlebnis, das auf dem heimischen Sofa so nicht möglich und in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung unverzichtbar ist.

Allerdings konkurrieren heute so viele Freizeitangebote wie noch nie mit dem Kino. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit lässt Social Media, TV, Mediatheken und Streaming klar im Vorteil erscheinen, sind sie doch leicht konsumierbar und in Zeiten der Pandemie stets zur Hand. Im Vergleich dazu ist ein Kinobesuch wesentlich aufwändiger. Und sind sie im Kino, müssen Zuschauer*innen ihre Wahl "aushalten", sich dem herausfordernden, berührenden Seherlebnis und der im besten Falle in Erinnerung bleibenden Kraft des Kinos stellen.

Wie kann also das Kino den Kampf um Aufmerksamkeit überhaupt gewinnen? Allein hohe Produktions- und Herausbringungsbugdets, wie sie immer wieder gefordert werden, sind keine Garanten. Es ist die Vielfalt, durch die das deutsche Kino überzeugen muss, inhaltlich und ästhetisch. Mainstreamkino, Arthouse, unkonventionelle Filmkunst. Aller Gattungen und Genres sowie für jedes Alter. Filme, die nur auf der Leinwand ihre ganze Kraft entfalten und nicht genauso gut auf dem Bildschirm oder Mobiltelefon funktionieren. Aber um diese Filme sichtbar zu machen, brauchen wir auch die richtigen Orte dafür, Kinos, die nicht nur mit bequemen Sesseln locken, sondern vor allem mit gut kuratierten Programmen und die wissen, für wen sie ihre Filme programmieren. Nur dann wird das Publikum den Bildschirm ausschalten und sich der vielbeschworenen Magie des Kinos hingeben.

Tot ist der Kinofilm nicht, aber auch nicht in der besten Verfassung. Was müssen wir tun, um Top-Autor*innen, Regisseur*innen, Schauspieler*innen und andere Kreative für öffentlich geförderte Kinofilme zurück zu gewinnen? Wir brauchen kleine, diverse, regelmäßig wechselnde Gremien, die schnelle, kompetente Entscheidungen treffen, mehr Kriterien-basierte, automatische Förderungen, eine Talentförderung, die diesen Namen wieder verdient, Investitionen in unabhängige, lokale Produktionen durch die Streamer, die durch ihren gewaltigen Umsatzzuwachs als Gewinner der Krise dafür in der Verantwortung stehen, um Marktpluralität und Programmvielfalt zu sichern.

Was passiert, wenn wir nicht umsteuern und den digitalen Wandel nutzen, um diese Branche von Grund auf zukunftsfähig zu gestalten? Soll die eigentliche Forschungsabteilung, in der neue Vielfalt entstehen kann, die Talentförderung, geschlossen werden - oder glaubt jemand ernsthaft, dass die ersten Filme zukünftiger Talente bei Streamern entstehen? Wir wollen uns nicht daran gewöhnen müssen, dass neue deutsche Filme für internationale Festivals in der kompletten Bedeutungslosigkeit verschwinden. Und das Kino als Ort seine Existenzgrundlage verliert oder in Räume für andere Freizeitaktivitäten umgewandelt wird. Ganze kreative Milieus würden arbeitslos, eine gewaltige Wertschöpfung könnte verschwinden.

Diese Entwicklung kann verhindert werden, durch Rahmenbedingungen, die Produzent*innen in ihrer Unabhängigkeit und Vielfalt stärken und alle an der Entstehung und Auswertung Beteiligten angemessen an Erfolgen partizipieren lassen. Der deutsche Kinofilm soll leben und atmen können, seine künstlerische, gesellschaftliche, nationale und internationale Relevanz zurückgewinnen, denn die besten Filme sind die, die nur im Kino erzählt werden können."