Kino

DAS WAR 2021 - Best of Kino: Thomas Schultze, Chefredakteur

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, Zeit auch für die Redaktion, es Revue passieren zu lassen und die ganz persönlichen Favoriten zu benennen. Hier wirft Thomas Schultze, Chefredakteur, einen Blick auf seine zehn liebsten Kinoproduktionen.

15.12.2021 09:55 • von Jochen Müller
Der Kino-Favorit des Jahres 2021 von Chefredakteur Thomas Schultze: "Lovers Rock" (Bild: BBC)

Ich blicke auf meine Bestenliste und schüttle selbst den Kopf: so eklektisch, so eigen, so elitär. Aber was soll man machen? Es ist nicht meine Schuld, dass meine Nummer eins, "Lovers Rock" (und mit ihr auch die Nummer sechs, "Mangrove"), zwar 2020 in der offiziellen Auswahl von Cannes war, bei den Filmfestivals von New York und London gefeiert wurde und eben im Vorjahr bei vielen Kritikern in deren Bestenlisten ganz oben landete, in Deutschland aber ohne jegliche Ankündigung oder Werbung im Januar einfach in den PVoD-Diensten zum Kaufen aufpoppte: Selten habe ich einen besseren Film gesehen. Oder die Nummer zwei, American Utopia": Spike Lees Konzertfilm über die gefeierte Show von Talking-Heads-Frontmann David Byrne hatte 2020 das Toronto International Film Festival zu hymnischen Besprechungen eröffnet und wurde seinerseits von vielen Kollegen in deren Jahreslisten bedacht, konnte man dann in Deutschland aber auch erst - ohne Werbung oder Ankündigung - als Download auf den entsprechenden Plattformen erstehen. Jetzt noch kriege ich eine Gänsehaut, wenn ich an die Schlüsselmomente des Films denke, die flammende Anklage "Hell You Talmbout" und das vereinende "Road to Nowhere". Ich kann auch nichts dafür, dass meine Nummer 4, Das Ereignis" von Audrey Diwan, zwar den Goldenen Löwen in Venedig gewinnen konnte und anschließend in Deutschland erstmals auf dem Filmfest Hamburg gezeigt wurde, kommerziell aber erst im kommenden Frühjahr in die Kinos kommt. Was für ein unvergesslicher, eindringlicher Film. Ganz spät erst schlich sich zur Versöhnung der vermutlich konventionellste Film meiner Top ten in die Liste: "West Side Story" war das für mich elektrisierendste Leinwanderlebnis in diesem Jahr ("Lovers Rock" und "American Utopia" habe ich nur Zuhause gesehen), einer Erinnerung, wie schön und erquickend Kino sein kann. In einem gewiss nicht einfachen Jahr, das aber auch ein großartiges Jahr für das Weltkino war - mit so vielen tollen Filmen, dass ich mühelos drei Top-Ten-Listen füllen könnte. Im Zweifelsfall musste man einfach ein bisschen suchen, bevor man sich begeistern und überwältigen lassen konnte.

1. "Lovers Rock"

Ein Tag in den späten Siebzigerjahren in West London, ein Mädchen feiert im Haus seiner Eltern seinen 17. Geburtstag. Mehr passiert nicht im zweiten Film von Steve McQueens Small Axe"-Anthologie, und doch erzählt er in 75 Minuten alles, was Leben und Liebe ausmacht. Die zehnminütige "Silly Games"-Sequenz ist unübertreffbar.

2. "American Utopia"

David Byrne lädt Spike Lee ein, seine Off-Broadway-Show "American Utopia" als Film festzuhalten. Das Ergebnis ist ein Fest, das daran erinnert, dass es besser ist, wenn man die "Road to Nowhere" nicht allein beschreiten muss.

3. "West Side Story"

155 Minuten pures Gänsehaut-Kino, orchestriert und zelebriert von einem Meister auf der Höhe seiner Schaffenskunst. Verbeugt sich vor dem Original von 1961, und macht doch einfach alles besser.

4. "Das Ereignis"

Man erwartet einen kleinen Film und wird getroffen wie von einem Hammer. Audrey Diwans Verfilmung des autobiographischen Romans von Annie Ernaux ist so nah an ihrer Hauptfigur und ihrem Dilemma, dass man hautnah mitfühlt und -leidet.

5. Cruella"

Was für ein Spaß, vom ersten bis zum letzten Bild. Die Ursprungsgeschichte der besten Disney-Nemesis atmet die Energie des Punk, ist subversiv und widerborstig und hat mit Emma Thompson eine Gegenspielerin für die Ewigkeit.

6. "Mangrove"

Das zweite Meisterwerk unter den "Small Awxe"-Filmen, eine eindringliche Nachstellung einer wegweisenden Gerichtsverhandlung im Jahr 1969, in der sich Einwanderer aus den westindischen Inseln gegen die britische Obrigkeit zur Wehr setzen.

7. The Father"

Wie es ist, den Faden im eigenen Leben zu verlieren, verhandelt Florian Zeller in der Verfilmung des eigenen Theaterstücks, ein Meisterwerk der Desorientierung mit %Anthony Hopkins%, der nie in seinem Leben so gut und grandios war wie hier.

8. "Große Freiheit"

Ein Gefängnisfilm über einen historischen Skandal, aus dem sich behutsam, nach und nach, eine Liebesgeschichte schält, die einem zu Herzen geht - vielleicht genau deshalb, weil man nie mit ihr gerechnet hätte.

9. Helden der Wahrscheinlichkeit"

Und wieder eine dänische Delikatesse von Anders Thomas Jensen, der vom Rachefeldzug der Nerds gegen eine Rockergang erzählt, aber doch die Fragilität des modernen Mannes meint, mit dem und über den man herzhaft lachen darf.

10. Benedetta"

Auch jenseits der 80 Jahre zieht Paul Verhoeven unverdrossen zu Feld gegen Prüderie und Bigotterie, wenn er von einer historisch verbürgten Nonne, ihren lesbischen Liebschaften und gewaltsamen Jesus-Visionen erzählt. Ebenso plakativ wie subversiv.