Kino

Kino-Neustart: Abgewürgt

Das vergangene Kinowochenende in Deutschland war erwartungsgemäß das mit Abstand schlechteste seit dem Neustart im Sommer. In den Bundesländern mit undifferenzierter 2G-Plus-Regel für Kulturveranstaltungen waren die Zahlen schlicht verheerend.

29.11.2021 16:56 • von Marc Mensch
"Encanto" trotzte den Rahmenbedingungen noch gut 90.000 Besucher ab (Bild: Walt Disney)

Die Betrachtung der Wochenendzahlen lässt sich mit drei Worten auf den Punkt bringen: Absturz mit Ansage. Recht viel mehr gibt es beinahe nicht zu sagen. Beinahe.

Immerhin gelang mit Encanto" ausgerechnet jenem Film, für den Disney nur ein 30-Tage-Fenster fährt, mit knapp 83.000 Besuchern (gut 90.000 inklusive dem Mittwochsstart, aber ohne Previews) ein Nummer-1-Debüt, das man unter den gegebenen Umständen durchaus solide nennen kann. Ebenfalls neu in den Top Ten sind auf Platz 6 Resident Evil: Welcome to Raccoon City" (knapp 28.000 Besucher), ein Reboot der Reihe, das sich enger an der Videospielvorlage orientieren soll, als bisherige Teile, und auf Platz 9 Respect" mit rund 15.000 Zuschauern. Ebenfalls noch in die Top 20 schaffte es ein vierter Neueinsteiger: "A la Carte!" mit rund 8500 verkauften Tickets.

Bei den Bestandstiteln gab es selbst in den Top 10 ausschließlich Besucherrückgänge zwischen 44,7 (Ein Junge namens Weihnacht") und 58,1 Prozent (Eternals" und Die Schule der magischen Tiere"), das neuerliche Kopf-an-Kopf-Rennen auf den Medaillenrängen zwischen Keine Zeit zu sterben" und Ghostbusters: Legacy" entschied "Bond" nach Umsatz, die Geisterjäger nach Besuchern für sich. Im weiteren Verlauf der Top 20 fallen die Rückgänge nicht geringer aus (ganz im Gegenteil), nur auf Rang 14 gibt es eine Anomalie: Eiffel in Love" legte tatsächlich um 40 Prozent gegenüber dem Startwochenende zu.

Gezählt wurden an dem mit Abstand schlechtesten Kinowochenende seit der bundesweiten Wiedereröffnung im Juli laut Filmsource-Auswertung von Comscore insgesamt 503.957 verkaufte Tickets und ein Boxoffice von knapp 4,3 Mio. Euro. Obwohl der Gesamtumsatz des Kinojahres 2020 bereits am vergangenen Wochenende endlich übertroffen werden konnte (aktuell beträgt der Vorsprung gut vier Prozent), verhinderten die miserablen Zahlen dieses Wochenendes, dass selbiges auch nach Besuchern vermeldet werden kann. 1,4 Prozent beträgt die Lücke noch - und auch wenn man davon ausgehen darf, dass die knapp 500.000 Zuschauer, die noch fehlen, bis Ende des kommenden Wochenendes erzielt sein werden, wird das Rennen vermutlich eher eng. Denn während die nächsten Bundesländer angekündigt haben, für Kinos auf 2G Plus zu gehen, sollen Tests zumindest für private Anbieter angeblich langsam knapp werden...

Wie schwer 2G Plus wiegt - insbesondere dann, wenn man Ausnahmen für Jugendliche (fast) nur in der Gastronomie macht, zeigt Bayern selbstverständlich mustergültig. Während die geöffneten regulären Kinos (Sachsen ist an dieser Stelle also nicht Teil der Zählung) wenigstens noch Ergebnisse einfahren konnten, die nach Besuchern um 27 Prozent über den Zahlen des schlechtesten regulären Wochenendes der fünf Jahre vor Corona lagen, unterschritt Bayern selbst diese untere Benchmark um 32 Prozent. Wohlgemerkt: Das galt für die Kinos, die geöffnet waren, diverse Häuser hatten in den Hotspots gleich ganz schließen müssen.

Schlechter schnitt nur noch das 2G-Plus-Land Mecklenburg-Vorpommern (minus 36 Prozent) ab, im 2G-Plus-Land Baden-Württemberg lagen die geöffneten regulären Kinos um 18 Prozent unter dem Vergleichswert des "schlechtesten Wochenendes". In Thüringen, wo 2G Plus erst bei Veranstaltungen ab 50 Personen greift, konnte man hingegen um 52 Prozent über der Benchmark bleiben.

Exemplarisch beschreibt übrigens anhand konkreter Zahlen Cinecitta-Betreiber Wolfram Weber an dieser Stelle die Auswirkungen von 2G und 2G Plus auf seinen Standort. "Minus 80 Prozent" lautet die knappe Zusammenfassung...

Besserung ist am kommenden Wochenende definitiv nicht in Sicht - mit dem Saarland und Niedersachsen werden wenigstens zwei weitere Bundesländer auf 2G Plus setzen, von den morgigen Bund-Länder-Beratungen sind eher weitere Verschärfungen zu erwarten. Bis hin zu Plänen für Lockdowns, sollte das Bundesverfassungsgericht in diesem Sinne urteilen.

Ein solcher herrscht landesweit in Österreich, in den Niederlanden hingegen ist am Sonntag eine vorerst auf drei Wochen angelegte Sperrstunde ab 17 Uhr in Kraft getreten, die die Kinozahlen laut Comscore ebenfalls in den Keller getrieben hat, nachdem sie bis einschließlich Samstag noch sehr solide waren.