Produktion

"Selbstregulierung ist immer besser"

Mitten in der Pandemie stehen die filmtechnischen Dienstleister im Zentrum einer bundesweit einmaligen Initiative - und hoffen nicht zuletzt deswegen auf Unterstützung. Ein Gespräch mit VTFF-Geschäftsführer Achim Rohnke.

26.11.2021 14:27 • von Marc Mensch
VTFF-Geschäftsführer Achim Rohnke (Bild: VTFF)

In seiner Zeit als Geschäftsführer der Bavaria Studios saß Achim Rohnke lange Zeit im Vorstand des Verbands technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF), Anfang September ist er als Geschäftsführer zurückgekehrt - in einer spannenden, aber auch enorm herausfordernden Zeit. Ein Gespräch über den Umgang mit der Pandemie und das Steben nach Nachhaltigkeit.

BLICKPUNKT: FILM: Laut einer Umfrage, deren Ergebnisse im März veröffentlicht wurden, erwarteten die VTFF-Mitglieder für 2021 kaum bessere Zahlen als im ersten Pandemiejahr. War diese Skepsis berechtigt?

ACHIM ROHNKE: Die meisten unserer Mitglieder hatten zum Zeitpunkt der Befragung ein katastrophales Corona-Jahr hinter sich. Bei etlichen ging es über weite Strecken vor allem darum, liquide zu bleiben, da wurden Fahrzeuge stillgelegt, Versicherungen gekündigt, da wurde gespart, wo es nur ging - trotzdem litt die Kapitalbasis in etlichen Fällen ungemein. Diese Situation hat sich im damaligen Stimmungsbild klar gespiegelt, Skepsis war zu Beginn des zweiten Pandemiejahres sicherlich nachvollziehbar. Nun ist die Situation natürlich weiterhin alles andere als entspannt, ich kann von unserer kürzlich abgehaltenen Jahreshauptversammlung aber berichten, dass sich die Stimmung aufgehellt hat, auch wenn die Pandemie leider andauert und wir uns gerade in einer vierten Welle befinden. Aber mit der deutlichen Wiederbelebung, die die Film- und TV-Produktion Anfang des Jahres erfuhr, hat sich natürlich auch die Situation der Dienstleister wieder verbessert. Im Spätsommer hätten Sie in den Lagern der Rentals vermutlich kaum eine Kamera vorgefunden, die Postproduktion war ausgelastet, die Studios voll. Egal was die kommenden Wochen noch passiert, wird 2021 für die filmtechnischen Dienstleister ein besseres Jahr werden als 2020.

B:F Wie wichtig waren in diesem Kontext die beiden Ausfallfonds - und bedarf es angesichts der aktuellen Situation neuer Instrumente?

ROHNKE: Es war und ist in dieser Situation selbstverständlich ganz entscheidend, ein Sicherheitsnetz zu haben, auch wenn wir grundsätzlich hoffen, dass es mit konsequenten 2G-Konzepten keine großen Pandemie-bedingten Produktionsausfälle mehr geben muss. Die Filmbranche war von Anfang an hochsensibel, was Schutzmaßnahmen und die Erfüllung von Auflagen anbelangte - und wir alle haben in den vergangenen zwei Jahren nur hinzugelernt. Der VTFF unterstützt seine Mitglieder bei der Bekämpfung der Pandemie mit einem detaillierten Papier zu Arbeitsprozessen unter Pandemiebedingungen, das alle denkbaren Bereiche umfasst. Die entsprechenden Standards werden je nach Lage und hinzugewonnenen Erfahrungen laufend angepasst, weswegen wir absolut überzeugt sind, sämtliche sich noch stellenden Herausforderungen im Zusammenwirken mit den Produzenten handhaben zu können. Arbeiten unter Corona-Bedingungen bleibt anstrengend, bleibt zeit- und kostenaufwändig. Aber ich spüre keine Katastrophenstimmung angesichts der sich wieder verschärfenden Situation. Denn wir werden damit umgehen können.

B:F Der Preisdruck beschäftigt den VTFF seit vielen Jahren. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Situation wurde zuletzt wieder zu mehr Fairness im Wettbewerb aufgerufen - trägt die Initiative der VTFF-Mitglieder Früchte?

ROHNKE: Unsere Mitglieder haben insbesondere auch die Corona-Monate genutzt, um an vielen begleitenden Leitplanken zu arbeiten. So haben etwa die Ton- und Außenübertragungsunternehmen weiter an allgemeingültigen AGB-Empfehlungen gefeilt, um klare Regeln für die Zusammenarbeit vorzulegen. Die AGBs tatsächlich durchzusetzen, kann mühsam sein, schließlich müssen die Kunden diese akzeptieren - und gerade die großen Sender sitzen da an einem recht langen Hebel. Aber wir arbeiten daran. Die technischen Betriebe sind entschlossen, für mehr Fairness zu sorgen. Gleichzeitig wurden in den vergangenen Monaten auch an anderer Stelle Hausaufgaben erledigt, die den Kostendruck adressieren - und auch hier zählt die AÜ-Gruppe zu den Vorreitern. Gemeinsam mit dem TÜV Rheinland hat man eine Zertifizierung für Servicequalität ausgearbeitet, in deren Zuge eigene Prozesse kontinuierlich geprüft und optimiert werden. Ziel ist es, sich gegenüber Anbietern, die derart hohe Standards nicht erfüllen, noch besser positionieren zu können. Und selbstverständlich setzen wir uns kontinuierlich für Rahmenbedingungen ein, die den Produktionsstandort Deutschland wettbewerbsfähiger machen, zuletzt mit unserem Forderungspapier zur Reform der Filmförderung.

B:F Wie steht es generell um das Spannungsverhältnis zwischen unabhängigen Unternehmen und Sendertöchtern?

ROHNKE: Wir reden da von Spannungen, die vor etlichen Jahren primär von Einzelpersonen geschürt wurden. In der Zwischenzeit wurden die Beteiligungsportfolios teilweise zugunsten einer Fokussierung auf die Kerngeschäfte bereinigt - und gerade als "Rückkehrer" zum VTFF, wo ich ja lange Zeit im Vorstand saß, nehme ich bei den mittlerweile über 50 Mitgliedern große Geschlossenheit wahr. Die meiner Ansicht nach gut daran getan haben, sich zusammenzuschließen, gemeinsame Forderungen aufzustellen und somit umso entschiedener für eine Verbesserung ihres Status im Konzert der Film- und Fernsehproduktion eintreten zu können. Das einstige "Spannungsverhältnis" gibt es nicht mehr. Der VTFF wächst.

B:F Dem Vernehmen nach soll zumindest die "Prüfung" eines stärker steuerbasierten Fördersystems Eingang in den Koalitionsvertrag finden (Das hat sich mittlerweile bestätigt, Anm.d.Red.). Wie wichtig wäre dies, um den Standort - und seine Unternehmen - international wettbewerbsfähig zu halten?

ROHNKE: Im Prinzip ist es ganz einfach: Wenn man am Produktionsstandort Deutschland Exzellenz will, wenn hier die großen Projekte stattfinden sollen, wenn man Beschäftigung sichern und Know-How-Transfer ausbauen will, dann wäre natürlich eine entsprechende Unterstützung von politischer Seite gut, um international wettbewerbsfähig zu sein. Das gelingt nicht mit begrenzten Fördersummen, gekappten Fördertöpfen und der Notwendigkeit des Fördertourismus. Sondern nur mit einem dynamisch skalierenden System. Dieser Schritt zu gehen, wäre also elementar, nicht umsonst steht er im Zentrum unserer Forderungen. Und er würde schon per se mehrere wesentliche Punkte auf einmal adressieren: Die Förderquoten würden verbessert, die Antragstellung vereinfacht und es würde endlich Planungssicherheit geschaffen. Ob man sich da nun am Modell der "tax incentives" oder jenem des "tax shelters", wie wir es aus Belgien kennen, orientiert, ist im Grunde fast zweitrangig. Entscheidend ist, dass sich die Politik in diese Richtung bewegt - und tatsächlich handelt es sich ja auch um eine Forderung, die die Filmwirtschaft in bemerkenswerter Breite an die Politik heranträgt.

B:F In bemerkenswerter Breite hat die Branche auch den Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit beschritten. Unter ihrer Führung waren die Bavaria Studios schon vor zehn Jahren ein Vorreiter. Welche Lehren lassen sich speziell aus diesem Engagement ziehen?

ROHNKE: Manchmal ist man seiner Zeit einfach voraus... Mit der Hinwendung zu Geothermie, Solarenergie und Hydropower und der damit einhergehenden Reduzierung des CO2-Fußabdrucks um über 90 Prozent waren die Bavaria Studios tatsächlich das erste "Green Studio" weltweit. Diese Positionierung ist damals noch auf einige Skepsis gestoßen, obwohl ich damals gerade auf Geschäftsreisen in Hollywood feststellen konnte, wie sehr sich die Einstellung zur Nachhaltigkeit wandelt. Vor jedem Studio standen da schon etliche Hybridfahrzeuge - man ahnte, was kommt. Es waren dann tatsächlich auch die Erfahrungen, die ich mit der Bavaria gemacht hatte, auf deren Basis ich zusammen mit Carl Bergengruen eine Initiative gestartet habe, die er mit sehr großem Erfolg fortgeführt hat. Parallel zu den Münchner Medientagen wurden für das "Green Shooting" branchenweite ökologische Mindeststandards in Form einer Selbstverpflichtung veröffentlicht. Ich denke es gibt kaum eine andere Branche, die eine derart weitreichende Agenda verabschiedet hat.

B:F Kann man die Film- und TV-Branche als Treiber nachhaltigen Handelns betrachten?

ROHNKE: Das will diese Selbstverpflichtung, zu der sich unter anderem alle relevanten Sender und großen Produzenten bekannt haben, bewirken. Auch die Mitglieder des VTFF unterstützen sie aus voller Überzeugung, denn es ist immer besser, eine Selbstregulierung auf den Weg zu bringen, als auf den Gesetzgeber zu warten. Die Unterstützung des VTFF ist auch ganz maßgeblich, denn die Frage, ob diese ökologische Transformation zum Erfolg wird, hängt im Wesentlichen von den Service- und Kreativdienstleistern ab. Sie sind es, die die notwendigen Millioneninvestitionen in nachhaltige Technologien und neues Equipment stemmen müssen. Das kann natürlich nur gelingen, wenn es maßgeschneiderte, einfach zugängliche Instrumente gibt, ähnlich wie es bei den KfW-Zuschusspaketen im privaten Bereich bereits der Fall ist. Das Thema gehört auf die To-Do-Liste der neuen Bundesregierung.

B:F Welche Veränderungen erwarten Sie sich für die VTFF-Mitglieder durch den Trend hin zur "virtuellen Produktion"?

ROHNKE: Grundsätzlich spielt das den Dienstleistern natürlich in die Hände, die dabei an vorderster Front stehen. Wir sprechen nicht zuletzt von einer engeren Verzahnung von Rental und Post Production. Allerdings sehe ich auch insofern eine Herausforderung, als diese Entwicklung den Trend hin zu mehr Studioproduktionen nur verstärkt, es wird also auch zu einer Kapazitätsfrage werden. Die Studiofläche ist in Deutschland in den vergangenen Jahren ja eher geschrumpft als gewachsen - und je stärker sich das Verhältnis zwischen Außen- und Studiodrehs zugunsten der Arbeit mit virtuellen Sets verlagert, desto eher werden wir da an Grenzen stoßen. Zudem wirft die notwendige hochtechnologische Aufrüstung auch noch ein Schlaglicht auf einen anderen Themenkomplex: den Fachkräftemangel.

B:F Wie ernst ist die Situation - und wie wäre ihr abzuhelfen?

ROHNKE: Der Fachkräftemangel war tatsächlich Hauptthema bei der VTFF-Jahreshauptversammlung, denn der "war for talent" ist gerade auf der technologischen Seite voll im Gange, zumal wir vor allem zu Beginn der Pandemie erlebt haben, dass Fachpersonal in andere Bereiche abwanderte. Die Film- und Fernsehindustrie muss mit anderen Branchen um die besten Köpfe wetteifern, wobei wir eigentlich in keiner schlechten Position sind - gerade der Trend zu technisch immer anspruchsvolleren Produktionen bietet auch "High Performern" tolle Herausforderungen und Jobperspektiven. Da gibt es unserer Ansicht nach ein echtes Vermittlungsproblem, tatsächlich gibt es seitens des VTFF Überlegungen, dieses mit einer nationalen Social-Media-Kampagne zu adressieren. Denn wir müssen offensichtlich stärker nach Außen kommunizieren, dass unsere Branche nicht an Attraktivität verloren hat, sondern in vielen Bereichen ganz vorne mit dabei ist, nicht nur bei der Nachhaltigkeit. Und selbstverständlich bedarf es weiterer Ausbildungsinitiativen wie etwas jener, die die Constantin voranbringt. Auch die Kooperation von HFF München und Hochschule Ansbach für einen gemeinsamen Bachelorstudiengang begrüßen wir ausdrücklich. Über allem steht aber, dass interessante Projekte in ausreichender Zahl verlässlich nach Deutschland kommen müssen, damit Unternehmen entsprechend langfristige Perspektiven bieten können. Damit schließt sich der Kreis - auch das muss die Politik verstehen.

Das Gespräch führte Marc Mensch