Produktion

Veronica Ferres & Nora Fingscheidt: "Ein wahrgewordener Traum"

"The Unforgivable" von Nora Fingscheidt ist ein Ausnahmefilm, der gestern in ausgewählten deutschen Kinos angelaufen ist und am 10. Dezember bei Netflix startet: Die erste Netflix-Produktion mit einem Hollywoodstar in der Hauptrolle, die von einer deutschen Frau inszeniert und einer weiteren deutschen Frau mitproduziert wurde. Wir sprachen mit Nora Fingscheidt und Veronica Ferres.

26.11.2021 10:50 • von Barbara Schuster
Power-Duo: Veronica Ferres und Nora Fingscheidt (Bild: Michael De Boer, Philip Leutert)

The Unforgivable" von Nora Fingscheidt ist ein Ausnahmefilm, der gestern in ausgewählten deutschen Kinos angelaufen ist und am 10. Dezember bei Netflix startet: Die erste Netflix-Produktion mit einem Hollywoodstar in der Hauptrolle, die von einer deutschen Frau inszeniert und einer weiteren deutschen Frau mitproduziert wurde. Wir sprachen mit Nora Fingscheidt und Veronica Ferres.

Was hat Sie, Frau Ferres, als Produzentin daran gereizt, den ITV-Dreiteiler "Unforgiven" von 2009 noch einmal neu zu erzählen, als Spielfilm?

Veronica Ferres: Ich kannte Graham King schon einige Jahre und war begeistert, weil er ein großartiger Filmemacher und sehr erfahrener Produzent ist. Beim ersten Treffen in seinem Büro in Santa Monica stellte er mir ein paar Stoffe vor. Es war sofort eine kreative, sehr tiefe Verbindung zwischen uns. Einer dieser Stoffe war besagter britischer Dreiteiler, "Unforgiven". Ich solle ihn mir unbedingt ansehen, meinte Graham, und ihm sagen, ob mich das interessieren würde. Das habe ich getan. Ich bin sofort in die Geschichte eingetaucht, konnte sie mir auf Anhieb als großen Film, auf eine globale Ebene gehoben, vorstellen. Es ist ein sehr frauenbestimmter Stoff über Schuld und Vergebung zwischen Geschwistern. Ich war Feuer und Flamme.

Das Projekt hat dank Ihnen Fahrt aufgenommen...

Veronica Ferres: Die Entwicklung zog sich über vier Jahre hin. 2015 zog ich für ein Jahr nach Los Angeles und habe mit Graham Kings Head of Development, Denis O'Sullivan, sehr eng und intensiv die Entwicklung des Buchs begleitet. Es fand ein mehrfacher Wechsel der Autoren statt, wie das manchmal eben so ist, und jedes Mal haben wir mit Spannung auf die neue Fassung gewartet. Bezüglich der Herausbringungen wägten wir verschiedene Optionen ab, ob als Kinofilm oder nicht vielleicht doch über eine Streamingplattform. Mir war es nur sehr wichtig, den Regieposten mit einer Frau zu besetzen. Ich erstellte eine Liste mit potenziellen Kandidatinnen und habe mich auch mit vielen getroffen. Dann kam die Berlinale 2019, und mein guter Freund Uri Singer schwärmte mir von Nora Fingscheidts Systemsprenger" vor. Als ich mir den Film angesehen hatte, wusste ich: Sie ist die richtige, sie ist die einzige für unsere Geschichte! Wir trafen uns zwischen Tür und Angel am Hamburger Flughafen in der Backabteilung von Rewe. Ich war wahnsinnig aufgeregt, diese wunderbare, faszinierende Frau endlich kennenzulernen. Nach unserem Gespräch rief ich Graham King an und sagte ihm: Nora ist es! Du musst sie treffen! Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits grünes Licht für "The Unforgivable", mit Sandra Bullock als Mitproduzentin und Hauptdarstellerin unter dem Dach von Netflix. Die anfänglichen Diskussionen, ob man eine doch noch recht unerfahrene Regisseurin auf ein Projekt dieser Größe setzen darf, waren nach den Treffen mit Graham und Netflix sofort vom Tisch. Nora war die beste und einzige Möglichkeit.

Hört sich ganz einfach an...

Nora Fingscheidt: Das Treffen im Rewe-Bäcker werde ich nie vergessen. Ich war überrascht, wie locker es vonstatten ging, wie wir auf Plastikstühlchen saßen und Veronica mir von diesem und vielen anderen Projekten erzählte. Ich hatte Veronica zu diesem Zeitpunkt als Schauspielerin auf dem Schirm, überhaupt nicht als Produzentin. Ich war fasziniert, welche Bandbreite an Projekten aller Genres, aller Inhalte sie in den letzten Jahren gemacht hat. Als sie mir das Drehbuch von "The Unforgivable" anbot, dachte ich: OK, ich lese es mal aus Interesse, wie sich überhaupt ein Hollywood-Drehbuch liest. Mehr nicht. Dass es wirklich etwas mit mir zu tun haben könnte, kam mir überhaupt nicht in den Sinn. Veronica fragte, ob sie "Systemsprenger" an Graham King weiterleiten dürfe. Was für eine Frage! Allein, dass dieser Mann "Systemsprenger" schaut, ist für mich schon ein Zehner im Lotto, so ein kleiner Film, der außerhalb der Ländergrenzen Deutschlands gesehen wird, von einem der größten Produzenten Hollywoods noch dazu. Wir hatten ihn bis dahin nur in Deutschland gezeigt und ahnten nicht, was da noch kommen würde.

Was hat Sie bei "The Unforgivable" aufhorchen lassen?

Nora Fingscheidt: Ich weiß noch, wie mir Veronica das Thema ihres Stoffes als bedingungslose Geschwisterliebe pitchte. Da war mein Interesse sofort geweckt. Ich habe eine Schwester und einen Bruder, und ich würde alles für sie tun. Als ich das Buch gelesen hatte, war ich sehr berührt. Veronica riet mir noch, "Bird Box" anzuschauen, um eine ganz andere Sandra Bullock zu erleben. Denn auch "The Unforgivable" liest sich erst mal nicht wie ein klassischer Sandra-Bullock-Film. In all dieser Zeit konnte ich mir immer noch nicht vorstellen, dass dieses Projekt irgendetwas mit meiner Lebensplanung zu tun haben, dass ich jemals auf dem Regieposten landen könnte. Doch als ich schließlich zu einem Treffen mit Graham King nach London flog, änderten sich die Dinge schlagartig: Wir verstanden uns gut, alles lief super. Und am Ende meinte er: "So, Nora, jetzt musst du aber nach Los Angeles kommen, Sandra und die Leute von Netflix treffen"!

Veronica Ferres: Nora hat alle überzeugt. Daraufhin rief ich Graham an und bläute ihm ein: Du unterstützt Nora, bitte! Wenn ich bei Dreharbeiten bin und nicht da sein kann, bist du persönlich für sie verantwortlich. Du machst es auch möglich, dass ihr Mann und ihr Kind mitkommen können.

Frau Ferres, mit Ihrer Construction Film haben Sie schon das ein oder andere Projekt produziert. "The Unforgivable" gehört sicherlich zu den bislang größten. Welche Erfahrungen haben Sie hierbei als Produzentin an der Seite von Graham King gemacht?

Veronica Ferres: Graham King sagt immer, dass es den Film ohne mich nicht geben würde. Die Zusammenarbeit lief sehr partnerschaftlich. Er ist ein unglaublich erfahrener Produzent. Ich habe all die Jahre der intensiven Entwicklung so viel von ihm gelernt. Es war eine unglaubliche Schule, die ich mitmachen durfte und die ich keine Sekunde missen möchte. Ich bin dankbar für diese Erfahrung.

Mit Ihrem Langfilmdebüt "Systemsprenger" haben Sie die Berlinale 2019 aufgemischt und einen großen Erfolg in den deutschen Kinos gefeiert. Dennoch ist es ein kleiner Film, auf den sogleich Hollywood folgte. Wie surreal war die Erfahrung?

Nora Fingscheidt: Ziemlich surreal. Das kurz zusammenzufassen, ist schwer. Auf der einen Seite stand ich natürlich den anderen Dimensionen von Filmsets, von Vorbereitung gegenüber, alles in einer anderen Sprache... Auf der anderen Seite stand Corona. Die Pandemie hat uns mitten im Dreh lahmgelegt, wir mussten eine fünfmonatige Pause einlegen, die wir glücklicherweise kreativ nutzen konnten. Es folgte die Postproduktion, die mich mit unfassbar talentierten Leuten wie Editor Joe Walker oder Komponist Hans Zimmer zusammenbrachte. Die Erfahrung war überfordernd und großartig zugleich. Zudem hatte das Projekt tiefgreifende familiäre Konsequenzen: Ich habe in den USA mein zweites Kind bekommen, das nun die US-Staatsbürgerschaft besitzt, habe geheiratet, damit mein Mann und mein großer Sohn ein Visum bekommen konnten. Die Erfahrung wird mich sicherlich die nächsten Jahre begleiten, und ich werde rückwirkend immer andere Dinge daraus ziehen.

Bei "Systemsprenger" haben Sie bereits mit tollen Schauspielern gearbeitet. Jetzt folgte Sandra Bullock. War das ein anderes Level? Weiß jemand wie Sandra Bullock ohnehin nicht alles besser als der Regisseur?

Nora Fingscheidt: Überhaupt nicht. Sie hatte auch "Systemsprenger" geschaut und war wirklich von Herzen begeistert. Ihr, wie allen Mitstreitern, war es ein großes Anliegen, mich bestmöglich zu unterstützen, indem ich erfahrene Teammitarbeiter an die Seite gestellt bekommen habe. Mit ihr persönlich war es sehr angenehm zu arbeiten, weil sie das Projekt sowohl als Schauspielerin wie auch als Produzentin von meinem Tag eins in Amerika bis zum allerletzten Moment der Fertigstellung mit großer Leidenschaft begleitet hat. Klar gab es manchmal Unstimmigkeiten oder verschiedene Sichtweisen. Diese wurden jedoch immer in einen konstruktiven Dialog getragen, bei dem sich alle Seiten gegenseitig herausgefordert haben, um das bestmögliche Ergebnis für den Film zu erreichen. Einmal fragte sie mich wie ihre Figur Ruth die Welt sieht und wie die Welt Ruth sieht und wie man das wiederum in Bilder übersetzen kann. Eine solche Fragestellung ist für die Regie großartig! Ich habe gerne meine Hausaufgaben gemacht, weil ich auch angewiesen war auf ihre Hollywood-Erfahrung. Unser erster Rohschnitt zum Beispiel war noch viel eher ein europäischer Arthousefilm. Aber in Hollywood herrschen andere Spielregeln, die ich logischerweise nicht beherrsche. Dafür war der enge Austausch mit Sandra und Graham super.

Wie war die Zusammenarbeit mit Netflix bei einem Projekt, das eigentlich als Kinofilm geplant war - und, wenn man ehrlich ist, immer noch Kino ist?

Nora Fingscheidt: Als ich an Bord kam, war das Projekt schon bei Netflix. Das habe ich nie in Frage gestellt. Die Erfahrung mit Netflix war super, weil wir so viel kreative Freiheit genossen. Partner an der Seite zu wissen, die so mutig sind, einer Newcomerin wie mir die Regie bei einem solch großen Projekt anzuvertrauen, war toll. Mir ging selbst hin und wieder der Gedanke durch den Kopf, ob sie wirklich wissen, worauf sie sich da eingelassen haben. Ich gestehe, dass ich meinen Regieassistenten ab und zu leise fragen musste, was bestimmte Leute am Set eigentlich machen... Es war aber auch befreiend, nicht alles zu wissen, weil man sich ganz auf die Regiearbeit konzentrieren konnte, die im Kern dieselbe ist wie bei jedem anderen Film. Ich habe Netflix als sehr filmemacherfreundlich erlebt, sie haben uns freie Hand gelassen. Auf der anderen Seite waren sie aber da, wenn wir sie brauchten. Zum Beispiel bei den Überlegungen, wie es nach der Corona-bedingten Pause weitergeht, oder als absehbar war, dass wir mehr Zeit in der Postproduktion benötigen würden... Das Team des Streamers war vollends unterstützend.

Veronica Ferres: Für mich ist ein Traum wahrgeworden mit dem Projekt, bei dem mit Nora und Sandra zwei Frauen im Schulterschluss so etwas Tolles erschaffen haben. Netflix hat uns vertraut, hat mir mit der Wahl Noras vertraut.

Wie lief der Dreh allgemein? Wie haben Sie die Dreharbeiten in Vancouver erlebt, die durch Corona unterbrochen werden mussten?

Nora Fingscheidt: Ganz toll war zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Kameramann Guillermo Navarro, der Filme wie "From Dusk Till Dawn" gedreht hat, den ich als Teenagerin gesehen habe. Auch, dass ich so großartige Schauspielerinnen und Schauspieler inszenieren durfte, war ein Traum. Dann kam Corona und die große Ungewissheit, wann es weitergeht. Wir haben die Zwangspause genutzt und begannen mit dem Schneiden des vorliegenden Materials. Glücklicherweise durfte ich meinen guten Freund Editor Stephan Bechinger, mit dem ich seit über zehn Jahren zusammenarbeite, mit zum Projekt nehmen. Gemeinsam schnitten wir einen fragmentarischen halben Film und konnten dadurch sehr gut beurteilen, was funktionierte und was nicht. Daraufhin wurde sogar das Drehbuch geändert und teilweise neue Figuren eingefügt, wie etwa die Mutter der beiden Brüder.

Es schloss sich der wieder aufgenommene Dreh unter Coronabedingungen an...

Nora Fingscheidt: Das war eine ziemliche Herausforderung unter mehrerlei Gesichtspunkten. Es war plötzlich Sommer, die erste Hälfte hatten wir im Winter gedreht. Natürlich drehten wir nicht chronologisch. Wir mussten uns überlegen, wie man das zusammenbekommt. Die Statisten mussten zwei Meter Abstand zueinander halten. Wie kriegt man das hin, dass es nicht komisch wirkt, nicht auffällt? Die Schauspieler durften nur exakt 15 Minuten pro Tag näher als zwei Meter ohne Maske arbeiten. Da stand jemand mit der Stoppuhr daneben! All das erforderte drei Mal mehr Vorbereitung und Handwerk als bei einem Dreh unter normalen Bedingungen. Jede Szene wurde daraufhin abgeklopft, ob sie nach draußen verlegt werden kann. Ich erinnere mich an die Szene mit Viola Davis und Vincent D'Onofrio, die ja ein Ehepaar spielen, und einem der Söhne, wie sie alle zwei Meter Abstand zueinander haben mussten und wir damit beschäftigt waren, sie so zu choreographieren, dass es nicht auffällt. Eine Szene mit Sandra und Viola haben wir vors Haus verlegt. Im Nachhinein wirkt zwar alles stimmig, aber es war ein wilder Ritt. Regie- und Schauspielcoach Sigrid Andersson, bei der ich vor vielen Jahren eine Ausbildung gemacht habe, hat mich über die Ferne professionell begleitet. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft.

Wird es nach dieser Erfahrung nicht langweilig, wieder in Deutschland zu arbeiten?

Nora Fingscheidt: Ich habe ja noch nicht viele Erfahrungen gesammelt in Deutschland. Aber die, die ich im Zuge von "Systemsprenger" machte, waren großartig. Ich durfte mit tollen Produzentenpartnern zusammenarbeiten und würde darauf gerne aufbauen. Insofern komme ich auf jeden Fall zurück und freue mich auch, wieder auf deutsch arbeiten zu können. Allerdings werde ich nicht ausschließlich in Deutschland arbeiten. So ist zumindest der Plan. Wenn es mehrgleisig ginge, wäre das ideal.

Frau Ferres, Sie haben schon viele große Stoffe gemacht, ob als Schauspielerin und/oder als Produzentin. Was macht "The Unforgivable" zu einem besonderen Projekt? Was ziehen Sie daraus? Was haben Sie gelernt?

Veronica Ferres: Ich schätze sehr, durch den Film eine moderne Sichtweise erlebt zu haben. Das meine ich auf Netflix gemünzt. Ted Sarandos hat immer seine schützende Hand über unser Projekt gehalten. Netflix setzt sich für die Kreativen ein, wie ich es noch nicht erlebt habe, tritt ihnen mit großem Respekt gegenüber. Für mich war diese Erfahrung ganz neu, eine gänzlich andere, als wenn man einen Film für einen traditionellen Sender herstellt, für traditionelle Fernsehgewohnheiten, wie wir sie seit Generationen kennen. Ich habe so viel gelernt, habe erlebt, wie ausschlaggebend es ist, vor wie hinter der Kamera die Besten der Besten zu versammeln und gemeinsam jede Sekunde auch sein Bestes zu geben. Aber klar: So ein Film ist auch ein Haufen Arbeit!

Der Produktionsmarkt boomt. Ist man als Kreative aktuell im Schlaraffenland?

Nora Fingscheidt: Durch den Aufbruch des Markts und die neuen Player entstehen viele neue Möglichkeiten. Das stimmt. Ich bin keine gute Analytikerin, das können andere besser beurteilen. Mein Herz gehört nach wie vor dem Kino und ich hoffe, dass es eine gesunde Koexistenz aller Ausspielwege geben wird. Ich bin ein intuitiver Mensch, nicht besonders strategisch. Wo man was unterbringt, kommt immer auf die Geschichte an und erfolgt ja auch in Abstimmung mit dem Produzenten. Ich habe das Gefühl, eine gute Zeit abbekommen zu haben, als Regisseurin arbeiten zu dürfen. Das wäre vor paar Jahren sicher noch schwieriger gewesen. Uns jungen Filmemacherinnen wurden die Wege ganz schön freigeboxt von den Filmemacherinnen vor uns!

Veronica Ferres: Man ist auf alle Fälle freier, für jede filmische Idee findet man die adäquate Umsetzung. Die Möglichkeiten sind größer geworden. Der Blick geht über den Tellerrand hinaus, der Markt öffnet sich international. Nora hat als professionelle deutsche Regisseurin bewiesen, dass es möglich ist, eine solche Geschichte global, für die ganze Welt zu erzählen. Davon konnten wir in unseren Anfängen nur träumen! Die Vielfalt ist unglaublich stark, ein Freudenfest für uns Kreative.

Das Gespräch führten Barbara Schuster & Thomas Schultze