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REVIEW KINO: "House of Gucci" von Ridley Scott

Am kommenden Donnerstag startet ein Highlight für das erwachsene Publikum in den deutschen Kinos: "House of Gucci" von Ridley Scott mit Lady Gaga ist die Mühen von 2G+ allemal wert. Hier unsere Besprechung.

26.11.2021 09:46 • von Thomas Schultze
Eine Goldgräberin unter Narren: Lady Gaga in "House of Gucci" (Bild: Universal)

Am kommenden Donnerstag startet ein Highlight für das erwachsene Publikum in den deutschen Kinos: House of Gucci" von Ridley Scott mit Lady Gaga, Adam Driver und Jared Leto ist die Mühen von 2G+ allemal wert. Hier unsere Besprechung.

Wie I, Tonya" aussehen würde, wenn man den Film als italienische Oper inszenierte. Wie eine Staffel von Succession" mit dem dekadenten Glamour-Charme von Old Europe und dem Wissen, dass es sich nicht um eine Satire, sondern eine wahre Geschichte handelt. Ridley Scott hat Spaß an dem Niedergang und der Wiederauferstehung des Modehauses Gucci, an den Intrigen, Charaden, Täuschungen und schließlich einem Mord. Und warum sollte er nicht? Der Brite ist (in vier Tagen) 84 Jahre alt, er muss sich nichts mehr beweisen, und er hat aus den Boxoffice-Erfahrungen mit dem ganz nah verwandten thematischen Vorgänger Alles Geld der Welt" - sein Thriller über die Dynastie der Gettys, ebenfalls angesiedelt in Italien und den USA - gelernt, dass man zwar ernste Elegien über Reichtum und Macht und Gier und die Flüchtigkeit von allem drehen kann, sie aber mit reichlich Razzle Dazzle verpacken muss, um sie beim großen Publikum funktionieren zu lassen.

Also an der Oberfläche erst einmal dem Affen den verdienten Zucker geben, das wahre Drama wird messerscharf hinter den knalligen Bildern uneingeschränkter Luxuspornografie vermessen. Die Parade der Hauptfiguren, gespielt von Stars wie Lady Gaga, Adam Driver, Al Pacino, Jared Leto und Jeremy Irons jederzeit in Vollbesitz ihrer beträchtlichen Starpower, ähneln den realen Protagonisten dieser Tragödie, aber sie sind doch auch Karikaturen, krasse Zerrbilder ihrer selbst wie in der Commedia dell'arte, Narren und lächerliche Gestalten allesamt, Spielbälle eines Spiels, das sie zu steuern glauben, über das sie aber keine Kontrolle haben. Am Ende gewinnt die Bank. Weiß man doch. Und doch gerieren und spreizen sie sich, immer angetan mit den Insignien der Gucci-Macht, Gürtel mit Logoschnallen und elegante Loafers, reden mit bizarren italienischen Akzenten, im Spannungsfeld zwischen italienischen Arien und billigem italienischen Plastikpop. Und sie machen es immer zum Gaudium des Publikums - "Are you not entertained?" -, während sie mit Vollkaracho aufs Kliff zusteuern.

War "Alles Geld der Welt" Scotts Variation von Citizen Kane", so folgt "House of Gucci", basierend auf dem gleichnamigen Buch von Sara Gay Forden aus dem Jahr 2001, den Motiven von Der Pate", nur eben erzählt als Farce über Maurizio Gucci, den Sohn des Patriarchen Rodolfo, der Michael Corleone dieser Geschichte, der nichts mit dem Geschäft zu tun haben und Anwalt werden will, dann sich aber 1978 in Mailand in Patrizia Reggiani verliebt, die Tochter eines Spediteurs und eine Goldgräberin, die den Fehler macht, sich in den Mann zu verlieben, den sie ausnehmen will: Lady Gaga ist großartig in der Rolle, aber "House of Gucci" ist nicht ihr Film, sie ist nicht Lady Macbeth oder Cruella DeVil, auch wenn der Trailer das andeuten mag: Vielmehr ist sie nur eine tragende Nebenfigur in ihrer eigenen Geschichte. Als sie den Mord an ihren Mann in Auftrag gibt, hat sie schon nichts mehr mit dem Imperium zu tun, das sie mit aller Macht versucht hat an sich zu reißen. Aber auch Maurizio, und das ist das Tragische, nicht mehr, der mit Patrizias Hilfe zu einem Gucci werden und die Familienkonkurrenz aus dem Weg räumen konnte: Von der Gnadenlosigkeit der Macht, dem Sieg des Turbokapitalismus über alles, was einmal Wert und Schönheit besessen haben mag, erzählt Ridley Scott. Und er macht es brillant.

Thomas Schultze