Kino

Deutscher Kurzfilmpreis vergeben

Auf die Seitenhiebe der scheidenden Kulturstaatsministerin gegen Kinos hätte man gerade in diesen Tagen bestens verzichten können. Aber davon abgesehen: Kurzfilme erfuhren an diesem Abend in der HFF München eine Wertschätzung, wie sie häufiger angebracht wäre.

26.11.2021 07:51 • von Marc Mensch
Die scheidende Kulturstaatsministerin Monika Grütters mit Adrian Figueroa, einem der beiden Preisträger für "Proll!" (Bild: HFF München/Simone Hörmann)

Warum Monika Grütters einen ihrer letzten öffentlichen Auftritte als Kulturstaatsministerin nutzte, um zu spalten, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Jedenfalls ließ sie bei der Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises noch einmal sehr deutlich durchblicken, wofür ihr Herz schlägt - und wofür nicht. Er weigere sich, Film als Industrieprodukt zu sehen, habe Michael Haneke einmal gesagt - und habe damit einen Anspruch formuliert, der sich nicht ganz mit dem vieler Kinobetreiber decke, eröffnete sie eine kleine Tirade gegen den "Mainstream", die man als wenigstens unnötig, in Zeiten wie diesen sogar als ärgerlich betrachten durfte. Gerade in Bayern, wo Kinos zum Teil wieder zwangsgeschlossen, zum Teil mit unverhältnismäßig hohen Auflagen belegt wurden. Für deren dramatische Situation fand die BKM indes keine Worte

Aber gut, Monika Grütters hatte auch schon bei anderen Gelegenheiten wie der Verleihung der BKM-Kinoprogrammpreise mehr als deutlich gemacht, dass ihr eine strikte Abgrenzung zwischen E und U im Blut liegt - man darf hoffen, dass ihre designierte Nachfolgerin Claudia Roth einen etwas breiteren Kulturbegriff pflegt.

So bedauerlich dieser Teil der Rede von Grütters auch war - und es gibt vermutlich gute Gründe dafür, dass die entsprechenden Passagen nicht in den für die offizielle Pressemitteilung ihres Büros ausgewählten Zitaten auftauchen - so recht hatte sie natürlich damit, den Kurzfilm als "höchst innovative Filmgattung" zu loben. Denn selbstverständlich ist der Kurzfilm eine enorm wichtige Spielwiese, eine Ausdrucksform, die abseits jeglicher Konventionen bietet, was manche Langfilme (womöglich wegen zu enger Blickwinkel von Förderjurys?) vermissen lassen: Ideen, Kreativität, Mut.

Und auch wenn sich Grütters' Rede stellenweise nicht so ganz damit vertragen wollte, dass sie selbst angeprangert hatte, die von ihr durchgesetzten Fördererhöhungen - für die ihr zweifelsohne Dank gebührt - hätten sich nicht in entsprechende Zahlen für den deutschen Film übersetzt: Ihre Klage, dem deutschen Kurzfilm werde nicht die verdiente Bühne zuteil, und ihren Appell an Kinobetreiber und Senderverantwortliche, dem Kurzfilm mehr und prominenteren Raum zu geben, darf man sicherlich unterschreiben. Denn wie schon HFF-Präsidentin und Gastgeberin Bettina Reitz bei ihrer Eröffnungsrede bemerkte: Gerade der deutsche Kurzfilm ist international hoch angesehen. Bei der Vergabe der Studentenoscars ist er seit vielen Jahren bestens vertreten - und auch 2021, als ganze sechs der 16 Nominierten aus Deutschland kamen, gab es am Ende Gold und Silber.

Damit aber zu den eigentlichen Stars des Abends, den Gewinnern des Deutschen Kurzfilmpreises, der bedeutendsten und höchstdotierten Auszeichnung für die filmische Kunstform in Deutschland, die in diesem Jahr mit insgesamt 275.000 Euro dotiert war.

Die Auszeichnung für den besten Spielfilm von mehr als zehn Minuten bis 30 Minuten Laufzeit ging an Florian Schewe und Adrian Figueroa für den Film "Proll!". (Ebenfalls nominiert waren "Fluffy Tales" von Alison Kuhn, "No" von Bruno Manguen sowie "X" von Mareike Wegener)

Die goldene Lola in der Kategorie Spielfilm bis zehn Minuten Laufzeit gewannen Melissa Byrne und Anna Roller für den Film "Gör". (Ebenfalls nominiert war "Salidas" von Virginia Martin und Michael Fetter Nathansky)

In der Kategorie Dokumentarfilm bis 30 Minuten Laufzeit wurde Clara Helbig für "disjointed" ausgezeichnet. (Ebenfalls nominiert war "Genosse Tito, ich erbe" von Olga Kosanovic)

Für den besten Animationsfilm bis 30 Minuten Laufzeit erhielten Hannah Stragholz und Simon Steinhorst den Deutschen Kurzfilmpreis für ihren Film "Doom Cruise". (Ebenfalls nominiert war "Obervogelgesang" von Ferdinand Ehrhard und Elias Weinberger).

In der Kategorie Experimentalfilm bis 30 Minuten Laufzeit konnten Michel Balagué, Bárbara Wagner und Benjamin De Burca mit ihrem Film "One Hundred Steps" die goldene Lola gewinnen. (Ebenfalls nominiert war "Das Glitzern im Barbieblut" von Ulu Braun)

Den Sonderpreis des Deutschen Kurzfilmpreises erhielt Nicolaas Schmidt für den Film "First Time [The Time For All But Sunset - VIOLET]".

Insgesamt waren aus 236 wettbewerbsfähigen Vorschlägen zwölf Filme nominiert worden, alleine die Nominierung ist mit einem Preisgeld von 15.000 Euro verbunden. Weitere 15.000 Euro erhalten die Gewinner*innen, die Prämie für den Sonderpreis beträgt 20.000 Euro. Die Prämien sind zweckgebunden für die Herstellung, Projektentwicklung oder -vorbereitung eines neuen Films mit künstlerischer Qualität zu verwenden.

Die Gewinnerfilme in den Kategorien Spielfilm bis 10 Minuten Laufzeit, Spielfilm von mehr als 10 Minuten bis 30 Minuten Laufzeit, Animationsfilm bis 30 Minuten Laufzeit und Dokumentarfilm bis 30 Minuten Laufzeit sind zudem automatisch für das Auswahlverfahren zu den Oscars qualifiziert.

Traditionell werden sämtliche nominierten und prämierten Kurzfilme eines Jahrgangs im Folgejahr im Rahmen der "Kurz.FilmTour" deutschlandweit in kommunalen Kinos präsentiert, aufgrund der Einschränkungen während der ersten beiden Corona-Jahre soll es im dritten Corona-Jahr eine Erweiterung der Tournee um die Filme der Jahrgänge 2020 und 2019 geben.