Kino

"Wir brauchen keine Sonntagsreden"

Der Vorstand der AG Verleih zeigt sich angesichts der aktuellen Pandemiemaßnahmen nach eigenen Worten "fassungslos von der Planlosigkeit" der Politik in Bund und Ländern. Erneut stünden den unabhängigen Verleiher "existenzbedrohende Verluste" ins Haus - umso wichtiger sei nun die ganzheitliche Konzeption von Hilfsmaßnahmen.

25.11.2021 15:25 • von Marc Mensch
Björn Hoffmann ist Vorstandsvorsitzender der AG Verleih (Bild: Pandora Film)

Erneut mussten erste Kinos auf staatliche Anordnung hin schließen, in einzelnen Bundesländern wurden zudem Zugangsvoraussetzungen geschaffen, die einen kostendeckenden Betrieb in aller Regel unmöglich machen dürften und die vor allem auch den Verleihern nennenswerte Teile der Auswertungsbasis rauben. Nicht umsonst mussten in Deutschland erste Filmstarts bereits verschoben werden. Unterdessen deutet nichts darauf hin, dass sich die Situation kurzfristig verbessern könnte. Tatsächlich erklärte der Unions-Fraktionsvorsitzende Ralph Brinkhaus gerade erst, man müsse sogar über eine erneute "Bundesnotbremse" nachdenken, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder drängt unterdessen darauf, die für 9. Dezember vorgesehene Ministerpräsidentenkonferenz vorzuziehen.

Unlängst war bereits der VdF für gezielte Hilfen auch für Verleihunternehmen eingetreten, nun legt die AG Verleih nach - und das angesichts der dramatischen Situation für ihre Mitglieder mit überaus deutlichen Worten. Aus denen auch berechtigter Frust darüber spricht, dass die Kultur gegenüber anderen Bereichen erneut - und ohne jegliche Veranlassung durch eine Risikobewertung - massiv benachteiligt wird. Und das der Verleih bei bisherigen Hilfsmaßnahmen nicht angemessen berücksichtigt wurde.

In einem vom Vorstand der AG Verleih - namentlich Björn Hoffmann, Torsten Frehse, Hans-Christian Boese, Alexandre Dupont-Geisselmann, Michael Höfner, Joachim Kühn und Michael Kölmel - unterzeichneten Schreiben heißt es wörtlich:

"Erneut steht das Kulturschaffen unter erheblichem Druck. In Sachsen wurden die Kinos bereits geschlossen, in Bayern ist Spielbetrieb nur noch mit 2Gplus-Regelung und 25prozentiger Kapazität möglich. Und vermutlich stehen wir inzwischen an einem Punkt, an dem wieder bundesweite Kinoschließungen drohen.

So sehr wir notwendige, auch einschneidende Maßnahmen zur Beherrschung der pandemischen Lage unterstützen, so fassungslos sind wir angesichts der weitgehenden Untätigkeit und Planlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen seit diesem Sommer. Die Konsequenzen werden nun in aller Härte sichtbar. Und wieder fällt der Politik als erstes ein, Kultureinrichtungen wie Kinos zu schließen oder deren Betrieb massiv einzuschränken, die nachweislich zu keinem Zeitpunkt der pandemischen Wellen zum Infektionsgeschehen beigetragen haben. Deutlich wird hier nicht die Entschlossenheit der Politik, die Pandemie zu bekämpfen. Deutlich wird die Erkenntnis, dass weite Teile der Politik die Kultur schlicht für überflüssig und verzichtbar halten.

Entsprechend ziellos und ungerichtet waren oft die Kultur-Hilfsprogramme, die während der letzten Lockdowns meist ohne ausreichende Abstimmung mit Verbänden und Vertreter*innen der Kulturbranche aufgelegt wurden. Im Fall der von uns vertretenen Branche der unabhängigen Filmverleiher fehlte zum Beispiel die Sicht auf die gesamte Filmwirtschaft - unser Bereich mit seiner Mittlerfunktion zwischen Kino und Produktion wurde als von den Kinoschließungen nicht unmittelbar betroffen angesehen, wodurch unsere Mitgliedsfirmen von etlichen Fördermaßnahmen wie der November-/Dezemberhilfen 2020 oder dem Sonderfonds für Kulturveranstaltungen des Bundesministeriums der Finanzen weitgehend ausgeschlossen waren. Konkrete Hilfsinstrumente, die auch in extremen Ausnahmesituationen wie dieser Hilfe leisten - etwa die Anerkennungsprämie für den Filmverleih durch die BKM - waren einmaliger Natur und sind nun nicht mehr verfügbar.

Nun stehen den unabhängigen Verleihern, die bei Weitem den größten Teil ihres Umsatzes in den Kinos erwirtschaften, erneut existenzbedrohende Verluste ins Haus. Aktuelle Filmauswertungen können nur noch in extrem begrenztem Umfang stattfinden, fest geplante Filmstarts müssen auf unbestimmte Zeit verschoben, bereits ausgegebene Marketingkosten erneut als Verlust abgeschrieben werden.

Wir appellieren an die Verantwortlichen in Politik und Kulturförderungen, die Kultur nicht erneut in einem epidemiologisch sinnlosen isolierten Lockdown der Kultureinrichtungen zu opfern. Wir fordern mehr Vorausschau und Ganzheitlichkeit in der Konzeption von Hilfsmaßnahmen für die Kultur; wir brauchen mehr Kommunikation und Abstimmung, um die dringend benötigten Fördermittel in der für die gesamte Filmwirtschaft effektivsten Weise einsetzen zu können.

Wir brauchen keine Sonntagsreden. Kultur ist Grundrecht und Grundbedürfnis."