Kino

AG Kino-Gilde begrüßt Koalitionsvertrag - und sieht enormen Handlungsdruck

Der Arthouse- und Programmkino-Verband entnimmt dem gestern vorgestellten Koalitionsvertrag ein "wichtiges Zeichen" für die Kultur. Dem klaren Bekenntnis müssten nun umgehend konkrete Schritte folgen - auch weil die Kultur in der Pandemie erneut "als erste abgestraft" werde.

25.11.2021 13:53 • von Marc Mensch
Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde (Bild: David von Becker)

Die größte Überraschung, die der gestern vorgestellte Koalitionsvertrag aus Branchensicht beinhaltet, findet sich auf seiner letzten Seite - und war kurz vor dem gemeinsamen Termin der Ampelparteien bekannt geworden (wir berichteten): "Die künftige Staatsministerin für Kultur und Medien stellt Bündnis 90/Die Grünen". Um wen es sich konkret handelt, soll wohl noch im Lauf des Tages bekanntgegeben werden.

Grundsätzlich entnimmt die AG Kino-Gilde dem Vertrag ein "klares Bekenntnis zur Kultur und zum Kulturort Kino", das gerade in der jetzigen Zeit "ein enorm wichtiges Zeichen für die gesamte Kulturbranche" sei. Nach Einschätzung des Verbandes - der nicht zuletzt die Absicht der Ampelkoalition unterstützt, Kultur als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern - bekennen sich SPD, Grüne und FDO mit dem 177seitigen Werk "deutlich zur kulturellen Vielfalt in Europa und zu einer Kulturpolitik, die Menschen verbinden soll". Dies entspreche auch dem Grundverständnis der AG Kino-Gilde und ihrer Mitglieder, "denn die in ihrer lokalen Gemeinschaft verankerten Programmkinos stehen wie kaum ein anderer Ort für den Austausch und das Zusammenbringen von Gesellschaften und Kulturen", so eine Mitteilung des Verbandes.

Dieser sieht unterdessen "enormen" Handlungsdruck - vor allem aufgrund der gravierenden Auswirkungen der vierten Corona-Welle auf die Kultur: "Nach fast zwei Jahren Pandemie bedarf es einer klaren, verlässlichen und nachhaltigen Perspektive für Kulturschaffende und Kulturräume", so der Vorstandsvorsitzende Christian Bräuer. Und weiter: "Wenn die Programm- und Kinovielfalt erhalten werden soll, müssen rasch Förderprogramme nachgeschärft und aufgestockt werden."

"Schmerzhaft" sei es in diesem Zusammenhang zu sehen, "dass die Kultur nun als erste wieder abgestraft wird und für Versäumnisse an anderer Stelle geradestehen muss", so Bräuer. Er verwies darauf, dass die Kultur zu den am härtesten von der Pandemie betroffenen Bereiche zähle und Kinos gerade erst wieder ansatzweise auf die Füße gekommen seien. Vor allem hätten sie "mit strikt umgesetzten Hygienekonzepten und der konsequenten Prüfung von 2G- oder 3G-Nachweisen sichere Orte geschaffen".

Bereits in der vergangenen Woche hatte der Verband dringend verhältnismäßige und verlässliche Rahmenbedingungen für Kinos gefordert, die diese auch als bundesweit funktionierender Markt benötigten. Wie wichtig vor allem letzterer Hinweis ist, zeigen erste Absagen von Filmstarts, nachdem Bayern und Baden-Württemberg bereits besonders hohe Hürden ausgerechnet für Kulturveranstaltungen beschlossen haben.

Noch einmal betont der Verband: "Ein regionaler Wildwuchs überzogener Regelungen trägt nicht zu mehr Sicherheit in dieser schwierigen Zeit bei, führt aber zu großer Verunsicherung und verschärft die Lage der Kinos in einigen Landesteilen schon jetzt dramatisch. Es muss vermieden werden, dass nun abermals in großem Maße Filmstarts verschoben werden, um einen erneuten flächendeckenden Kahlschlag zu verhindern." Und er ergänzt: "Kultur an sicheren Orten würde die schwere Zeit für die Menschen erträglicher machen, die mit ihrem verantwortlichen Verhalten zur gesellschaftlichen Sicherheit beigetragen haben."

So oder so: Es wird ein dunkler Corona-Winter. In dessen Angesicht müsse "das Versprechen für eine verlässliche Förderung der Kinos, wie es im Koalitionsvertrag festgeschrieben wurde, nun schnellstmöglich konkretisiert und mit Leben gefüllt werden". Wichtig sei neben der Fortführung des Zukunftsprogramms Kinos ein "erkennbares Aufbruchsignal". Dazu zählt nach Einschätzugn des Verbands "eine nachhaltig und ganzheitlich gedachte Strategie für die Programmkinos, die den Kinofilm als Kunstform und den Kulturort Kino als eine eigene Einheit erkennt und eine Filmförderung aus einem Guss schafft".

Dazu abschließend Christian Bräuer: "Dieser Aufwand wird sich lohnen, denn der Kulturort Kino leistet weiter einen immensen gesellschaftlichen Mehrwert als kultureller Anker in der Nachbarschaft, der die Basis für die Sichtbarkeit und den Erfolg unabhängiger deutscher und europäischer Werke schafft, Begegnungen ermöglicht, die Gesellschaft widerspiegelt und so eine feste Stütze für unsere Demokratie bildet."