Kino

Liesl Tommy: "Aretha Franklin wählte Jennifer Hudson aus"

Die südafrikanisch-amerikanische Regisseurin Liesl Tommy gibt mit dem Aretha-Franklin-Biopic "Respect" ihr Leinwanddebüt, das am heutigen 25. November im Kino startet. Sie spricht über den so wichtigen Cast und die Herausforderung, der Queen of Soul gerecht zu werden.

25.11.2021 08:22 • von Michael Müller
Jennifer Hudson als Aretha Franklin im Film "Respect" (Bild: 2021 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc)

Die südafrikanisch-amerikanische Regisseurin Liesl Tommy gibt mit dem Aretha-Franklin-Biopic "Respect" ihr Leinwanddebüt, das am heutigen 25. November im Kino startet. Sie spricht über den so wichtigen Cast und die Herausforderung, der Queen of Soul gerecht zu werden.

Vor Ihrem Kino-Debüt "Respect" feierten Sie große Erfolge am Broadway und drehten diverse TV-Episoden. War das jetzt ein großer Sprung für Sie?

LIESL TOMMY: Ich bin seit langer Zeit Theater-Regisseurin. Als ich nach New York zog, entschied ich mich dazu, auch dort Regisseurin zu sein, weil man als Schauspielerin nicht genügend Kontrolle über den Inhalt hat. Ich mag Projekte, die interessant sind, eine Bedeutung haben und Resonanz erzeugen. So habe ich einige wundervolle Beziehungen zu Stückeschreibern aufgebaut und konnte Arbeiten angehen, bei denen ich auch das Gefühl hatte, dass sie wichtig sind. Ich hatte das Glück, dass ich in den USA, in Südafrika und zum Beispiel auch mit einem fantastischen deutschen Dramaturgen wie Roland Schimmelpfenning arbeiten konnte. Auf einer künstlerischen Ebene hat mir das die Welt geöffnet. Am Broadway inszenierte ich dann das Stück "Eclipsed", in dem Lupita Nyong'o die Hauptrolle spielte. Das kam bei den Tony Awards sehr gut an. Da dachte ich, ich sei jetzt bereit, auch im Film- und Fernsehgeschäft zu arbeiten. Eigentlich wusste ich immer, dass ich eines Tages eine Filmemacherin sein will. Im Theaterbereich hatte ich viel inszeniert und suchte eine neue Herausforderung. Fernsehen hat mir viel Spaß gemacht, weil ich auch so unterschiedliche Projekte wie die Serien "The Walking Dead" und "Jessica Jones" oder das anspruchsvolle HBO-Format "Insecure" machen durfte. Dabei habe ich viel über das Filmemachen gelernt und fühlte mich für den Kinofilm "Respect" sehr gut vorbereitet. Ich hatte meine Ästhetik gefunden und gleichzeitig die jahrelange Erfahrung, mit Drehbuchschreibern und Schauspielern gearbeitet zu haben. Dazu kamen die vielen Musical-Erfahrungen, bei denen ich mit Komponisten und Musikern zusammenarbeitete. Ja, ich hatte viel Lust, dieses Wissen bei "Respect" einzubringen.

Die Filmszenen, in denen Aretha Franklin mit anderen Musikern die Songs erarbeitet, gehören mit zu den spaßigsten. War Ihnen das Zeigen dieses kreativen Prozesses wichtig?

LIESL TOMMY: Absolut. Ich war in meinem Leben schon in vielen Proberäumen. Ich liebe den kreativen Prozess und das Proben an sich. Bei Biopics habe ich häufig das Gefühl, dass man nicht genügend Zeit damit verbringt, wie etwas Künstlerisches entsteht. Ich denke auch, dass häufig nicht ausreichend viel Musik in diesen Biopics vorkommt. Deswegen wollte ich auch, dass Musik in "Respect" ein wichtiger Charakter ist. Die Sequenz, wo Aretha Franklin in Muscle Shoals in Alabama mit diesen weißen Musikern in einer der rassistischsten Zeiten der USA an Songs arbeitete, war für mich eine inspirierende Szenerie, die zeigt, wie Musik Menschen zusammenbringen kann. Musik ist etwas Grundlegendes für die Menschen. Unabhängig davon, was zu dieser Zeit in diesem amerikanischen Bundesstaat ansonsten vor sich ging, kamen sie alle für die Musik zusammen, auch weil Aretha Franklin als Künstlerin selbst so inspirierend war. In diesem Moment des Jammens und der Arbeit an einem neuen Song hörte alles darum auf, wichtig zu sein.

Sie haben sich mit Forest WhitakerMarlon Wayans und Jennifer Hudson einen Allstar-Cast zusammengestellt. Marlon Wayans ist in Deutschland vor allem für seine Komödien und die "Scary Movie"-Filme bekannt. Sie haben ihn in einer eher düsteren Rolle besetzt.

LIESL TOMMY: Als Regisseurin sollte man beim Casting auch überraschen. Das ist eine meiner Aufgaben als Filmemacherin, unter die Oberfläche von Schauspielern zu schauen und herauszufinden, was für Fähigkeiten sie noch haben. Ich habe immer schon gedacht, dass Marlon Wayans mehr in sich hat. Am Anfang seiner Karriere spielt er in dem Film "Requiem for a Dream", in dem er sehr gut war. Dann machte er 20 Jahre lang Komödien. Für die Figur von Franklins Ehemann Ted White, der in der Tat ein dunkler Charakter ist, wollte ich aber auch einen gewissen Charme und den Aspekt der Verführung, dass das Publikum auch versteht, warum sich Aretha Franklin in ihn verliebt. Ich wollte einen Schauspieler, der die Figur nicht nur bedrohlich spielt, sondern alle Facetten zeigt. Marlon Wayans ist ein großherziger Schauspieler, der eine unglaubliche Arbeitsmoral hat.

Die größte schauspielerische Herausforderung verantworteten Sie Jennifer Hudson als Aretha Franklin.

LIESL TOMMY: Aretha Franklin wählte Jennifer Hudson aus, sie zu spielen. Sie sagte das öffentlich, lange bevor der Film im Entstehen begriffen war. Als ich dann mit Jennifer Hudson zusammenarbeitete, wurde mir auch klar, warum Aretha Franklin sie ausgesucht hatte. Als Ergänzung zu dieser unglaublichen Stimme, die es einfach braucht, um Aretha Franklin darzustellen, wusste Aretha, dass es auch eine besondere Menschlichkeit braucht, um ebenso den Kummer und die Schmerzen darstellen zu können, die sie in ihrem Leben erfuhr. Und diese Menschlichkeit besitzt Jennifer Hudson, auch weil sie ähnlich positive wie negative Erfahrungen in ihrem Leben durchgemacht hat.

Aretha Franklins Leben ist gezeichnet von toxischen Beziehungen zu Männern, angefangen beim strengen Prediger-Vater, der ihr gleichzeitig die erste Auftritte ermöglichte. Von dieser Ambiguität zeigen Sie viel in "Respect".

LIESL TOMMY: Sie war ein Mädchen und eine Frau ihrer Zeit. In den Fünfzigern und Sechzigern war eine Figur wie ihr Vater, der ein sehr erfolgreicher Prediger war und die Kontrolle über Aretha Franklins Karriere übernahm, absolut normal. Es ist das klassische Vater-weiß-es-am-besten-Prinzip. Es hat für sie lange gedauert, bis sie in diesem Umfeld den Mut fand, sich zu befreien. Da war sie keine Ausnahme. Das wissen wir über viele talentierte Frauen dieser Zeit, die Ehemänner oder Manager in der Kunst kontrollierten. Um zu überleben, mussten sie diese Männer loswerden und eine eigene Agentur finden. Es ist eine Geschichte, die wir schon häufiger gesehen haben. Warum ich mich bei diesem Film gerade auf diese Zeitepoche von Aretha Franklins Leben fokussierte, war der Aspekt, dass sie hier wirklich kämpfen musste, um eine eigenständige Person zu werden.

Sie selbst haben in Ihrem Film "Respect" einen Cameo als Aretha-Franklin-Fan. Wie wichtig ist die Queen of Soul für Ihr Leben?

LIESL TOMMY: Es gibt wohl keinen größeren Fan - vielleicht mit der Ausnahme von Jennifer Hudson. Diese Liebe verbindet uns. Ich erinnere mich eigentlich an keinen Zeitpunkt meines Lebens, wo ich Aretha Franklins Musik noch nicht kannte. Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie, wo immer schon wundervolle Musik lief. Dazu gehörten auch ihre Songs. Ich war ein sensibles Kind, das es liebte, diese hochemotionalen Songs auch von Billie Holiday, Patsy Cline und Nina Simone mitzusingen. Aber aus einem bestimmten Grund kam ich immer wieder zu Aretha Franklins Musik zurück und sang ihre Songs in meinem Zimmer. Sie hat bei ihrem Gesang eine so emotionale Intensität. Als es dann darum ging, mit dem Studio über diesen Film zu sprechen, wusste ich genau, was das für ein Film werden würde, zu welcher Zeit er spielen sollte und welche Songs darin sein müssen. Es fühlte sich so an, als ob das genau mein Film sei, obwohl ich vorher noch nie einen Film gedreht hatte. Ich sprach auch mit den Studioverantwortlichen, als ob das Filmprojekt bereits mir gehören würde, weil ich mich so mit ihrer Musik verbunden fühle.

Was machte Aretha Franklin zu diesem überlebensgroßen Star? Das Talent, die harte Arbeit oder auch im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein?

LIESL TOMMY: Was mich bei diesem Filmprojekt interessiert hat: Sie besaß eine Stimme, die einmalig auf der Welt ist. Nie verwechselte man diese Stimme mit einer anderen. Gleichzeitig sang sie mit so vielen Emotionen. Jeder Song erzählte seine eigene Geschichte. Jeder Song fühlte sich so an, als ob es der letzte Song wäre, den sie jemals wieder singen würde. Millionen von Menschen auf diesem Planeten haben wunderschöne Stimmen. Aber niemand kann damit im Inneren der Menschen solche Dinge anstellen, wie es Aretha Franklin tat. Ich habe viel über den Spitznamen "Queen of Soul" nachgedacht, als ich den Film machte, analysiert, was in diesem Zusammenhang Queen und Soul bedeuten. Das war meine Aufgabe: Zu zeigen, wie jemand diese Königin des Souls wurde. Deswegen habe ich auch viel Zeit in der schwarzen baptistischen Kirche verbracht, die einen großen Teil ihres Lebens und ihrer Kunst ausmachte. Es ging darum herauszufinden, wie diese Künstlerin tickte, die wir alle so lieben.

Wie groß war die Rolle, die das Christentum bei Aretha Franklins Musik spielte?

LIESL TOMMY: Bei ihr ging es mehr um den Glauben als die Religion. Selbst als sie die Gospel-Musik verließ, bewahrte sie sich die Leidenschaft, die es braucht, um diese Musik zu singen. Gospel-Musik sollte die Menschen zu dieser Zeit in den USA gerade in Verbindung mit Martin Luther King und ihrem Prediger-Vater auf- und wachrütteln. Ihr Gesang in den Kirchen sollte die Menschen dazu bringen, etwas zu riskieren - bei Demonstrationen oder um sich gegen Gewalt und Repressionen zu erheben. Sie sang nicht einfach nur Songs, sondern wollte Menschen in dieser Zeit damit auch aktivieren.

Was war Ihre größte Herausforderung bei dieser Produktion?

LIESL TOMMY: Die fand ich im Schneideraum. Wir waren bei dieser Produktion sehr gut vorbereitet. Ich hatte das Drehbuch und den Cast, den ich haben wollte. Ich wusste, wie der Film aussehen und sich anfühlen sollte, was ich im Dreh auch umsetzen konnte. Die Dreharbeiten haben wir im Februar 2020 abgeschlossen. Ich machte eine Woche Pause und begann dann im New York City mit dem Schnitt im März. Nach fünf Tagen kam der Lockdown, der alle in den eigenen Apartments einschloss. Ich arbeitete aus meinem New Yorker Apartment, meine Cutterin Avril Beukes aus ihrem. Was mir beim Schnitt sehr wichtig ist, ist der Vibe, der bei diesem kreativen Prozess zusammen entsteht. Gerade bei einem Film bei dem es viel um Musik geht, muss man eigentlich in einem Raum sein, Szenen der Crew zeigen können, um deren Reaktionen zu sehen. Stattdessen befand ich mich wie der Rest der Welt monatelang in Isolation. Das Chaos um mich herum machte die Fokussierung schwierig. Da war es ein Segen, Jennifer Hudson jeden Tag auf meinem Bildschirm singen zu sehen.

Das Interview führte Michael Müller