Produktion

PREVIEW KINO/STREAMING: "The Unforgivable" von Nora Fingscheidt

Morgen startet in den deutschen Kinos der neue Film von "Systemsprenger"-Regisseurin Nora Fingscheidt, "The Unforgivable" mit Sandra Bullock in der Hauptrolle, bevor er am 10. Dezember bei Netflix gezeigt wird. Lesen Sie hier unsere Besprechung des ungewöhnlichen Thrillers.

24.11.2021 15:31 • von Thomas Schultze
Sandra Bullock ist ungewöhnlich gut in "The Unforgivable" (Bild: Netflix)

Morgen startet in den deutschen Kinos der neue Film von Systemsprenger"-Regisseurin Nora Fingscheidt, The Unforgivable" mit Sandra Bullock in der Hauptrolle, bevor er am 10. Dezember bei Netflix gezeigt wird. Lesen Sie hier unsere Besprechung des ungewöhnlichen Thrillers über eine Frau, die nach 20 Jahren im Gefängnis im Leben wieder Fuß fassen will.

Ein aufwändiges Hollywooddrama für Netflix mit Beteiligung von Oscargewinnerin Sandra Bullock ist wohl das letzte Projekt, das man für Nora Fingscheidt als Folgestoff nach ihrem überwältigenden Langfilmdebüt "Systemsprenger" vermutet hätte. Auf den ersten Blick ist "The Unforgivable", ein Remake der dreiteiligen britischen ITV-Serie "Unforgiven" aus dem Jahr 2009, auch völlig anders als Fingscheidts vielfach beim Deutschen Filmpreis ausgezeichneter Vorgänger, für den sie auch selbst das Drehbuch verfasst hatte, während sie hier auf ein Skript von Peter Craig, Hillary Seitz und Courtenay Miles zugreift. Atemlos, hektisch und ohne Pause der eine Film, getragen, erstickend und konzentriert der andere. Aber dann erkennt man doch, wie klug die Regisseurin ihre Filme voll und ganz in den Dienst ihrer weiblichen Hauptfiguren stellt.

Das Mädchen im Dauerkrieg mit sich, dem Leben und der Welt in "Systemsprenger", das immer mit dem Kopf durch die Wand geht, verlangt nach einer Umsetzung auf Augenhöhe, alles Handkamera und wilde Reißschwenks. Sollte die von Sandra Bullock gespielte Ruth Slater jemals so wild und selbstzerstörerisch gewesen sein, so hat man ihr das ausgetrieben: 20 Jahre hat sie im Gefängnis verbracht; sie war schuldig gesprochen worden, bei der Belagerung ihres einsam in der Natur gelegenen Hauses, das sie nach dem Tod ihrer Eltern gemeinsam mit ihrer zehn Jahre jüngeren Schwester bewohnt hatte, einen Polizisten erschossen zu haben - im von Law and Order besessenen Amerika das schlimmste aller Vergehen, das unmittelbare soziale Ächtung nach sich zieht. Nun wird Ruth wegen guter Führung aus dem Gefängnis entlassen. Obwohl sie eine Ausbildung zur Zimmererin gemacht hat, ist sie eine Dead Woman Walking. Jedes Leben, jeder Lebenswille ist ihr ausgetrieben worden. Und der Film trägt dem Rechnung mit seinen behutsamen Bildern eines Amerika von unten. Was wir sehen, ist die Welt, wie sie sich dieser gebrochenen Frau zeigt: ein Ort, an dem man lieber nicht leben will, weil er einem keine Chance gibt. Ganz nah geht die Kamera von Guillermo Navarro, lange Zeit der Haus-DP von Guillermo Del Toro, der das eine oder andere weiß über Verdammnis und die Hölle auf Erden, an das Gesicht von Sandra Bullock heran, fängt jede Regung minuziös ein.

Eine Weile muss man als Zuschauer rätseln, was "The Unforgivable" wirklich erzählen will, wohin man von der Handlung getragen wird. Bis sich langsam erschließt, dass Ruth Slater eine Frau mit einem Plan ist, mit einem einzigen Ziel: ihre Schwester ausfindig zu machen, die sie seit dem schrecklichen ­Verbrechen nicht mehr gesehen hat und die mittlerweile bei einer liebenden Familie großgeworden ist, die Ereignisse von damals verdrängt. Zielstrebig drängt der Film schließlich daraufhin, die beiden Frauen wiederzuvereinen - nur für was? -, während der entscheidende Tag, der das Leben der Schwestern unwiederbringlich verändert hat, in Rückblenden noch einmal aufgerollt wird. "The Unforgivable", produziert von Bohemian Rhapsody"-Produzent Graham King mit tatkräftiger Hilfe von Veronica Ferres, entwickelt auf dem Weg eine Wucht, die einen schließlich, wenn die Puzzleteile sich ineinander fügen, trifft wie ein Hammer.

Thomas Schultze