Kino

Kino-Neustart: Ein Sturm zieht auf...

Das Kinoergebnis 2020 ist zumindest nach Umsatz nun übertroffen. Das ist aber beinahe schon die einzige gute Nachricht nach einem Wochenende, an dem die Zahlen nahezu durch die Bank enttäuschten. Besserung ist kurzfristig nicht in Sicht - ganz im Gegenteil.

22.11.2021 17:15 • von Marc Mensch
"Ghostbusters: Legacy" kommt beim Publikum erheblich besser an als bei manchen Kritiker*innen - doch nach Umsatz reichte es hierzulande nur für Platz 2 (Bild: Sony Pictures)

Nein, die bisherige Talsohle war am vergangenen Wochenende noch nicht erreicht, auch wenn es sich womöglich so anfühlte. Denn mit 802.470 Besuchern und knapp 7,1 Mio. Euro Umsatz, die laut der FilmSource-Auswertung von Comscore gezählt wurden, lagen die Zahlen trotz eines Rückgangs um 14,4 bzw. 18 Prozent gegenüber der enttäuschenden Vorwoche tatsächlich noch knapp über jenen des Wochenendes vom 23. September, als unmittelbar vor dem Start von Keine Zeit zu sterben" nur etwas weniger als 775.000 Tickets verkauft wurden. Ein extrem schwacher Trost, auch weil damals kaum Filme angelaufen waren, denen man zutraute, großen Eindruck in den oberen Regionen der Charts zu hinterlassen.

Tatsächlich schafften es diesmal drei Neustarts in die Top Ten - allerdings samt und sonders mit Zahlen, die weit unter den Erwartungen lagen, die man noch vor ein paar Wochen hatte hegen dürfen, bevor die sich sprunghaft verschlechternde Pandemie-Situation bereits Mitte November Spuren am Boxoffice hinterließ.

Stärkster Neustart war Ghostbusters: Legacy", der es nach FilmSource-Zählung zwar nach Besuchern mit einer Differenz von 146 verkauften Tickets (110.452 zu 110.306) hauchdünn an "Keine Zeit zu sterben" vorbei schaffte, der sich aber nach Umsatz geschlagen geben musste: "Bond" hat die Spitze erneut für sich reklamiert - und das in seiner achten Woche.

Zwar verzeichnete "Keine Zeit zu sterben" mit einem Minus von gut 37 Prozent gegenüber dem vorherigen Wochenende den bislang stärksten Besucherrückgang seiner Kinoauswertung, allerdings ist der Wert unter den gegebenen Umständen durchaus noch bemerkenswert - wie es die über 5,7 Mio. Besucher in Deutschland ohnehin sind.

Auf Platz 7 stieg in dieser Woche Die Addams Family 2" (gut 36.000 Besucher) ein, direkt dahinter folgte Ein Junge namens Weihnacht" mit knapp 35.000 Zuschauern. Ebenfalls noch in die Top 20 schaffte es Eiffel in Love" mit knapp 7300 Besuchern, auf den unteren Plätzen selbst der zehn erfolgreichsten Neustarts wurde es schon wieder dreistellig.

Unterdessen zeigen sich bei der Entwicklung der Bestandstitel teils ganz erhebliche Abweichungen. Eternals", der schon am vergangenen Wochenende einen Besucherrückgang von fast 43 Prozent hinnehmen musst, verlor weitere 44 Prozent und steht nach drei Wochen bei 653.929 Zuschauern (ohne Previews), konnte sich aber klar den dritten Rang sichern. Contra" hielt sich mit minus 29 Prozent zwar weniger gut als noch in der Vorwoche, im Kontext dieser Top 20 steht er aber noch recht gut da, die Marke von 500.000 Besuchern (mit Previews) ist überschritten, nach Umsatz winkte Rang 4. Während sich unter anderem Die Schule der magischen Tiere" als mit Abstand erfolgreichster Familientitel (es sei denn, man fasst auch "Ghostbusters: Legacy" darunter) einigermaßen gut von seinem hohen Vorwochendrop erholen konnte und mit gut 64.000 verkauften Tickets diesmal "nur" um 33,5 Prozent nachgab, lässt vor allem die Entwicklung von Dune" aufhorchen. Denn nur ein einziger Bestandstitel der Top 20 entwickelte sich besser als dieses Meisterwerk, das auf der Leinwand der parallelen Verfügbarkeit für das Heimkino trotzt. "Dune" baute nur um 26 Prozent ab und zog in Woche 10 über 21.000 weitere Besucher in die Kinos. Gleichzeitig gab es auch nur einen Film in der Top Ten, der in weniger Locations gespielt wurde als "Dune".

In beiden Fällen ist die Rede von der 3D-Wiederaufführung von Harry Potter und der Stein der Weisen", die in gerade einmal 151 Locations mehr als 18.000 Besucher anzog - tatsächlich 27,3 Prozent mehr als in der Vorwoche. Dank des 3D-Aufschlag reichte es für Platz 10. Von den ansonsten in den Top 20 verbliebenen Vorwochen-Debütanten konnte nur Lieber Thomas" sein Publikum mit einem Minus von 34,4 Prozent recht passabel halten, Last Night in Soho" hingegen gab um fast 42 Prozent nach, Die Rettung der uns bekannten Welt" stürzte sogar um über 51 Prozent ab, schlechter entwickelten sich unter den 20 umsatzstärksten Titeln des Wochenendes nur Boss Baby - Schluss mit Kindergarten" und Ron läuft schief".

Unter dem Strich lässt sich zumindest so etwas wie ein kleiner "Meilenstein" vermelden: Mit knapp 300 Mio. Euro Gesamtumsatz im laufenden Jahr ist das Ergebnis aus 2020 (293,3 Mio. Euro) nun endlich übertroffen - wobei das vierte Quartal aufgrund der Pandemiesituation insgesamt deutlich schlechter ausfallen wird, als zunächst prognostiziert. 33,8 Mio. Besucher wurden bislang ohne Previews gezählt, damit hinkt man dem Vorjahr noch um rund drei Prozent hinterher. Unterdessen lassen von den zwei Dutzend Neustarts (inklusive alternativem Content), die Comscore für diese Woche listet, schon aufgrund der Umstände nur wenige Titel nennenswerte Impulse erwarten.

Dass sich die aktuelle Pandemielage gerade dort negativ auf die Zahlen auswirkt, wo die Maßnahmen schon am Wochenende besonders hart waren, liegt auf der Hand. Nimmt man die untere Benchmark des schlechtesten Wochenendes der fünf Jahre vor Corona als (naheliegenden) Maßstab, bildete Bayern - wo diese Hürde von den geöffneten Kinos nur um 53 Prozent übersprungen wurde (Bundesschnitt waren 92 Prozent) - erwartungsgemäß das Schlusslicht. Schließlich waren hier ungeimpfte Jugendliche bereits vor einer Woche vom Kinobesuch ausgeschlossen worden. Am besten schlug sich noch das Saarland mit plus 170 Prozent.

Unterdessen dürften die Zahlen am kommenden Wochenende noch deutlicher in den Keller gehen. Denn Sachsen befindet sich seit heute im Lockdown, dort wurden die Kinos geschlossen. Bayern steht davor, selbst Geimpften einen Test für den Kinobesuch abzuverlangen (nicht aber für die Gastronomie!) und Filmtheater in Hotspots (zu denen zuletzt schon zehn Landkreise zählten) komplett zu schließen. Und Baden-Württemberg wird Mitte der Woche nach derzeitigem Stand die 2G-Ausnahmen für ungeimpfte Jugendliche ab 12 Jahren wohl ebenfalls ad acta legen. Dass weitere einschneidende Maßnahmen in anderen Bundesländern folgen werden, ist abzusehen.

In Österreich jedenfalls verabschiedeten sich die Kinos mit einem schwachen Wochenende (das aber immerhin noch um 52 Prozent über dem schlechtesten der Vor-Corona-Jahre lag) erst einmal in den Lockdown...