Produktion

Rita Falk & Hans Steinbichler zu "Hannes": "Etwas Magisches"

In enger Zusammenarbeit mit Rita Falk hat Hans Steinbichler ihren Roman "Hannes" verfilmt. Im gemeinsamen Interview lassen die beiden diese Erfahrung Revue passieren.

23.11.2021 11:44 • von Thomas Schultze
Hans Steinbichler und Rita Falk kamen bestens miteinander aus (Bild: Kurt Krieger / Studiocanal)

In enger Zusammenarbeit mit Rita Falk hat Hans Steinbichler ihren Roman "Hannes" verfilmt. Im gemeinsamen Interview lassen die beiden diese Erfahrung Revue passieren.

Man spricht im Zusammenhang mit "Hannes" stets von Ihrem "persönlichsten" Buch, Frau Falk. Stimmt das denn? Wie fand es den Weg auf die Leinwand?

RITA FALK: Ja, es ist mein persönlichstes Buch. Mein Herz hängt sehr daran. Beim Film ist das jetzt ebenso. Bevor das Buch bei Hans Steinbichler landete, gab es bereits eine Reihe von Filmemachern, die sich um die Verfilmung bemühten. Aber keiner hatte eine Vision, wie ich mir eine Adaption vorstellte. Ich konnte mich nicht durchringen, meine Einwilligung zu geben. Dann habe ich im Kino Hans' Film Eine unerhörte Frau" gesehen. Als ich den Saal verließ, wusste ich, dass Hans Steinbichler und nur Hans Steinbichler "Hannes" verfilmen musste. Ich habe ihm das Buch geschickt und erhielt nur ein oder zwei Tage später eine Antwort von ihm: Das ist der Stoff, auf den ich seit Jahren gewartet habe. Wir haben uns mehrere Male getroffen und besprachen, wie wir beide den Film sehen. Eigentlich sofort haben wir gemerkt, dass wir ein und denselben Film vor Augen hatten.

Überrascht eine solche Anfrage aus heiterem Himmel, Herr Steinbichler?

HANS STEINBICHLER: Absolut. Es hat mich sehr überrascht. Und auch sehr berührt. Es ist schon ein gewisses Crossover, wenn man sich ansieht, wofür Rita Falk bekannt ist, was sie macht - und die Filme, die ich mache. Ich kannte "Hannes" aber auch noch nicht. Bei mir ist es so, dass immer erst meine Frau die Bücher liest. Sie hat nichts mit Film zu tun, ist einfach nur eine Leserin, die sich auf die Bücher einlässt. Ich vertraue ihrem Urteil absolut. Sie saß Zuhause, las nur kurz in "Hannes" rein und zerfloss förmlich. Schluchzend hat sie ganz spontan zu mir gesagt: Das musst du machen! Sie hatte Recht. Ich fand den Roman ebenfalls großartig.

Was gefiel Ihnen denn?

HANS STEINBICHLER: Der Einstieg in den Roman ist wunderbar. Man verliebt sich sofort in die Sprache, mit der Rita ihre Geschichte erzählt. Sie ist jugendlich, manchmal aber auch regelrecht grob, wie Jugendliche sind, wenn sie mit etwas herausplatzen. Wenn das nur so wäre, würde man als Leser vielleicht draußen bleiben. Aber Rita gelingt es auf unvergleichliche Weise, mit ihren Empfindungen einen Stoff zu weben, der Wiederkennung pur ist: Genauso hat man sich in diesem Alter gefühlt, man kennt jede Emotion. Das ist streckenweise so lustig und dann wieder zutiefst traurig. Für mich war dieses Angebot eine Ehre. Ich fühle mich geehrt, dass ich diesen Stoff verfilmen durfte.

Wie gehen Sie da vor? Der Stoff darf nicht einfach eine Verbeugung sein - es muss doch Ihr Film werden.

HANS STEINBICHLER: Wir hatten tatsächlich einmal einen Punkt im Schnitt, als Rita auf mich zukam und mir sagte, ihre Söhne hätten die aktuelle Fassung gesehen, das seien ja 90 Prozent Steinbichler jetzt und nur noch zehn Prozent Falk. Das wollte ich nicht. Es ist die Verfilmung einer Falk-Erzählung, ich sehe mich da als Regisseur als jemand, der bei der Umsetzung in Film hilft. Ich wollte, dass es schon mein Film ist, man sofort aber auch Rita Falk sieht und spürt, wenn man den Film ansieht. Ich wollte unbedingt, dass das Erlebnis, das man beim Lesen des Romans hat, auch im Film erhalten bleibt. Das war auch der ursprüngliche Grund, warum ich den Film machen wollte. Gemeinsam haben wir uns dann hingesetzt, um im Schnitt die richtige Balance zu finden. Ich fand das eine sehr lohnende Erfahrung, weil sie voraussetzte, dass wir ganz ehrlich und geradeheraus miteinander umgingen.

"Hannes" erzählt die Geschichte einer großen Freundschaft zwischen zwei jungen Männern. Ist es Ihnen leichtgefallen, Frau Falk, sich in die Figuren hineinzuversetzen und sie zu schreiben?

RITA FALK: Ich glaube schon. Ich mache nichts anderes seit zwölf Jahren.

Na, dann die Frage an Sie, Herr Steinbichler: Merkt man denn beim Lesen, dass es sich um männliche Figuren handelt, die von einer Frau geschrieben wurden?

HANS STEINBICHLER: Überhaupt nicht. Vorgestern erzählte ich einem Bekannten, dass ich "Hannes" verfilmt hätte. Er war euphorisch, weil er den Roman liebt - ohne dass ihm bewusst gewesen wäre, dass er von einer Frau geschrieben wurde. Und er wäre auch im Leben nicht darauf gekommen. Ich finde das faszinierend. Es zeigt aber auch, wie lebensnah, wie echt die männlichen Figuren, überhaupt alle Figuren sind, die Rita schreibt.

Sie haben eingangs gesagt, Frau Falk, dass "Eine unerhörte Frau" von Hans Steinbichler für Sie den Ausschlag gegeben hat, dass er für Sie der Idealregisseur von "Hannes" war. Können Sie genauer erklären, was Ihnen so sehr an "Eine unerhörte Frau" gefallen hat?

RITA FALK: Die Stimmung. Ganz klar. Die Stimmung war für mich unfassbar. Ich habe eine solche Reaktion noch nie gehabt im Kino. Wenn man den Ton wegdrehen würde, würde der Film genauso funktionieren. Die Bilder haben etwas Magisches, er hat ein unglaubliches Gefühl. Mir stand 90 Minuten der Mund offen. Ich habe mir danach sofort alle anderen Filme von Hans angeschaut und kann nur sagen, dass ich niemanden sonst kennen würde, der solche Filme macht wie er.

Wie haben Sie dann zusammen erarbeitet, wie "Hannes" werden sollte? Gab es eine gemeinsame Sprache?

HANS STEINBICHLER: Wir haben uns in einem langen Gespräch über den Roman ausgetauscht. In dem Gespräch hat Rita immer wieder gesagt: Das sehe ich genauso.

RITA FALK: Hans erschien zu unserem ersten Treffen mit einem Exemplar von "Hannes" mit unzähligen Post-Its. Auf jeder dritten Seite war eine Anmerkung. Jede davon sind wir durchgegangen, und bei jedem Post-It dachte ich mir: Das kann doch nicht sein. Er hat mit traumwandlerischer Sicherheit exakt all die Stellen angemerkt, die mir elementar wichtig sind. Viele Leute, die ich gut kenne und sehr schätze, haben über diese Stellen hinweggelesen. Und ich saß dann immer nur fassungslos da und dachte mir: Hast du es denn nicht kapiert, hast du die Stelle nicht richtig gelesen? Dann kommt dieser Filmemacher, den ich noch nie getroffen hatte, und merkt jede dieser Stellen an. Er hat keine ausgelassen. Punkt für Punkt hat er alles herausgefunden, was mir wichtig war an diesem Buch.

HANS STEINBICHLER: Das liegt doch aber an der Qualität des Geschriebenen, an dem Feinstofflichen. Da sind Empfindungen drin, die sich nicht beschreiben lassen, aber einen ansprechen, als seien es die eigenen. Das ist wie der Unterschied, ob man sich seine Socken selbst anzieht oder von jemandem anderen anziehen lässt. So richtig stimmt es eigentlich nie. Aber Rita Falk zieht einem mit "Hannes" die Socken an, als hätte man sie selbst angezogen. Es stimmt einfach alles.

Als Drehbuchautor haben Sie, Herr Steinbichler, Ihren Cousin Dominikus an Bord geholt. Wie kam es dazu?

HANS STEINBICHLER: Er ist mit 36 eine Generation jünger als ich und kommt für mein Gefühl genau aus derselben Sozialisation wie die Burschen in "Hannes". Ein bisschen vom Land, aus Unterwössen, der Vater Bäcker, eine wunderbare Normalität. Er kennt aber auch die ganzen Dramen und Kämpfe, die man in diesem Alter auszufechten hat. Er hatte bereits etwas sehr, sehr Gutes geschrieben und war für mich der ideale Kandidat, dem Stoff gerecht zu werden. Dazu muss man wissen, dass es bereits ein Drehbuch zu "Hannes" gab, dessen Autor es für meinen Begriff geschrieben hatte, um Rita Falk gerecht zu werden, und es ein bisschen auf Eberhofer getrimmt hatte. Ich fand, dass es gut geschrieben war. Aber dieser Ansatz war für mein Gefühl falsch. Denn dieser "Trim" war gar nicht notwendig. Da ist unheimlich viel drin, was Rita total ist und was auch im Eberhofer steckt, aber es ist einfach nötig, es zu forcieren. Meinem Cousin habe ich es zugetraut. Er hatte eine Idee für den Film, die im Roman nur angedeutet ist, nämlich dass unsere Hauptfigur, der Moritz, richtiggehend einsteigt in das Leben von Hannes. Ich habe das Drehbuch an Rita geschickt, und ihre Reaktion war echt toll und warmherzig. Da war klar, dass wir auf dem rechten Pfad waren.

Entscheidend für das Gelingen ist die Besetzung...

RITA FALK: Ich kann gleich sagen, wie ich da vorgegangen bin. Hans hat mir die Castingmappe geschickt, ich habe einen Blick darauf geworfen und nur gesagt: Geil! Alles weitere muss Hans erzählen. Ich hätte mein Veto bestimmt eingelegt, wie ich es bei den Eberhofer-Filmen schon getan habe, wenn ich mit einem Besetzungsvorschlag nicht einverstanden war. Wenn ich eine Figur komplett anders vor meinem geistigen Auge sehe, schlage ich sofort Alarm und sage: Das will ich nicht. Aber bei "Hannes" war das nicht nötig. Hans hat ein so gutes Gespür und Näschen für die Besetzung, dass es keine Einwände von meiner Seite gab. Es war perfekt.

HANS STEINBICHLER: Es gibt von Ritas Seite ein überprüftes Vertrauen in solchen Dingen. Sie gibt sofort Bescheid, wenn ihr etwas nicht passt. Sie lässt aber auch, wenn es passt. Ich muss unbedingt sagen, dass ich mich Rita bei diesem Film verpflichtet fühle. Das klingt komisch, aber es ist so. Und es kann nicht anders sein bei diesem Stoff. Sie musste die erste sein, die diesen Film mag. Ich weiß aber auch: Wenn Rita diesen Film mag, dann wird ihn auch das Publikum mögen. Die Zuschauer und Rita, das ist ein Ding.

Ist es nicht ein Riesenmühlstein, der einem als Filmemacher um den Hals gehängt wird?

HANS STEINBICHLER: Man kann auch andersherum fragen, ob es nicht eine Befreiung war. Ein Mühlstein war es jedenfalls nicht. Ich fand es beflügelnd, die Gelegenheit zu erhalten, an der Verfilmung eines Romans arbeiten zu dürfen, den ich für absolut außergewöhnlich halte. Ich stand vor der großen Aufgabe, für mich herauszufinden, wie sich diese Vorlage transformieren lässt. Es ist im Grunde ein Briefroman, der zwar eine stringente Dramaturgie hat, die einen auch packt, aber eben nicht davon lebt. Es hat mich bei der Lektüre, wie diese Geschichte enden würde, kalt erwischt. Und ich hoffe und denke, dass uns das auch im Film gelungen ist. Am wichtigsten war es, grünes Licht von Rita zu erhalten. Alles danach war eine Befreiung.

Sie haben lange vor Corona gedreht und konnten den Film vor Ausbruch der Pandemie fertigstellen.

HANS STEINBICHLER: Wir waren in den Startlöchern und freuten uns auf den Kinostart, als Corona im Frühjahr 2020 begann. Richtig.

Haben sich der Stoff und der Film in dieser langen Zeit vom ersten Lockdown bis heute für Sie in irgendeiner Form verändert?

HANS STEINBICHLER: Meine Welt hat sich total verändert, aber der Blick auf den Film ist gleichgeblieben.

RITA FALK: Richtig, ich sehe das exakt genauso.

HANS STEINBICHLER: Eine Sache ist interessant, wenn ich das anmerken darf. Am Ende des Films zieht die Krankenschwester ihre Maske ab. Als wird gedreht hatten, war das ein Gegenstand, den ich selbst noch nie getragen hatte. Heute empfinde ich es als selbstverständlich. Schon verrückt, wie sich die Welt verändert hat.

Er verhandelt sehr grundsätzliche und ernste Dinge, ist dabei aber auch sehr lustig geworden.

RITA FALK: Darum geht's. Ich werde nicht müde zu betonen: So ist das Leben. Das ist beim Eberhofer ja nicht anders, wo auch nicht immer alles nur lustig ist. Es geschehen genauso tragische Dinge, die einem sehr nahe gehen. Das ist der Spagat. Das Leben ist nicht nur lustig oder nur traurig. Es ist beides, manchmal sogar gleichzeitig. "Hannes" zeigt das ganz deutlich. Nicht von ungefähr heißt es im Film: Manche Familien zerbrechen an einem Schicksalsschlag, andere wachsen daran. Der Mensch hat immer die Wahl. Wenn er mit Tragik konfrontiert ist, kann er sagen, ich kann nicht mehr, ich werfe das Handtuch. Oder er kann sagen: Nein, jetzt geht das Leben weiter, ich lasse mich nicht aus der Bahn werfen.

HANS STEINBICHLER: Mir gefällt das: Der Mensch hat immer eine Wahl. Wobei wir einschränken müssen, dass das nicht gilt, wenn man von Krankheit oder Depression spricht. Das muss man klar sagen. Aber sonst gilt das: Man hat eine Wahl. Ich denke, das steckt im Herzen unseres Films. Das wollen wir zeigen.

RITA FALK: Ich stand in meinem Leben vor Situationen, an denen ich verzweifelt bin. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt noch Sinn macht, aus dem Bett aufzustehen. Aber das Liegenbleiben bringt keinen weiter. Das kommt für mich nicht in Frage. Und auch nicht für meine Figuren.

Wenn Sie den Film heute ansehen: Würden Sie etwas an ihm verändern wollen?

HANS STEINBICHLER: Nein, ich würde nichts verändern. Und damit will ich nicht sagen, dass ich denke, mir wäre ein perfekter Film gelungen. Ich bin nicht vermessen. Aber ich finde, der Film ist richtig, so wie er es ist.

RITA FALK: Ich bin glücklich. Wenn ich mir vor zwei Jahren einen Film hätte wünschen dürfen, dann wären meine Erwartungen heute übertroffen. Von 90 Minuten Laufzeit habe ich 70 Minuten Gänsehaut. Diese Bilder hatte ich vor mir, als ich den Roman geschrieben habe.

Wird es eine Fortsetzung der Zusammenarbeit geben? Oder sind Sie, Frau Falk, zu sehr in den Eberhofer eingebunden?

RITA FALK: Nach der Kinotour mit "Hannes" geht es kurz auf eine Lesereise. Dann werde ich tatsächlich einen zwölften Eberhofer schreiben, weil ich eine richtig tolle Idee für einen Plot habe. Aber ich muss auch sagen, dass ich mich danach freue, aus Niederkaltenkirchen herauszukommen. Ich brauche eine Pause. Und freue mich auf Geschichten, die mehr in Richtung "Hannes" gehen.

HANS STEINBICHLER: Ich habe ein großes Bedürfnis, die Zusammenarbeit mit Rita fortzusetzen. Im kommenden Frühjahr sind wir verabredet, das tatsächlich auch umzusetzen. Ich kann es kaum erwarten.

RITA FALK: Definitiv.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.