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Studie über Gewalt im TV: "Perspektive der Betroffenen selten im Zentrum"

Eine Studie der Hochschule Wismar und der Universität Rostock sieht Handlungs- und Diskussionsbedarf bei der Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen Fernsehen.

22.11.2021 15:04 • von Michael Müller
Eine Szene aus "Der Flensburg-Krimi: Der Tote am Strand" (Bild: NDR/ARD Degeto/Christine Schroeder)

Eine Studie der Hochschule Wismar und der Universität Rostock gibt einen Überblick über die Darstellung von geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen Fernsehen. Erkenntnisse daraus sind unter anderem, dass Betroffene vor allem in fiktionalen Formaten selten ausführlich selbst zu Wort kommen. Die Studie wurde von der MaLisa Stiftung und der UFA GmbH initiiert und gefördert.

Die Studie mit dem Titel "Geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen. Eine Medieninhalteanalyse" unter Leitung von Christine Linke und Ruth Kasdorf analysierte eine repräsentative Stichprobe der Programme von acht TV-Sendern (Das Erste, ZDF, RTL, RTLZwei, Vox, ProSieben, Sat1 und Kabel Eins), die 2020 zwischen 18 und 22 Uhr ausgestrahlt wurden.

Zentrale Ergebnisse sind: Geschlechtsspezifische Gewalt kommt in rund einem Drittel (34 Prozent) der Sendungen vor. Häufig handelt es sich dabei um explizite und schwere Gewalt gegen Frauen und Kinder. Die Gewalt wird in unterschiedlichen Programmsparten und Genres dargestellt, am häufigsten jedoch in fiktionalen Programmen (66 Prozent). Innerhalb dieser kommt sie meist in Krimi-Serien (26 Prozent) und Spielfilmen (13 Prozent) vor.

Die Betroffenen von geschlechtsspezifischer Gewalt kommen demnach nur in 8 Prozent der Darstellungen ausführlich selbst zu Wort. Bei der Darstellung geschlechtsspezifischer Gewalt im deutschen TV fehlen häufig Vorabwarnungen über den Inhalt, Hinweise auf Hilfsangebote für Betroffene, die Beschreibung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und eine stärkere Einbeziehung der Betroffenen-Perspektive.

Die Studienleiterin Christine Linke kommentiert: "Geschlechtsspezifische Gewalt ist vielfach im deutschen Fernsehen sichtbar, die Perspektive von Betroffenen steht aber nur selten im Zentrum. Besonders ernüchternd ist, dass Möglichkeiten der Prävention und Hilfsangebote kaum vermittelt werden. Die Studie zeigt klar: Es besteht Handlungsbedarf. Über geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen müssen wir diskutieren."

Die Co-Gründerin der MaLisa Stiftung, Maria Furtwängler, sagt: "Medien prägen unsere Wahrnehmung der Realität. Wir als Medienschaffende haben dadurch eine besondere Verantwortung, gerade bei einem gesellschaftlich so dringlichen Thema wie Gewalt gegen Frauen. Wenn wir diese verzerrt darstellen, werden wir eher ein Teil des Problems, dabei können und sollten wir Teil der Lösung sein. Die Ergebnisse der Studie geben uns viele Impulse für unser zukünftiges Handeln. Ich danke unseren Partner*innen, den Initiator*innen von #sicherheim, der UFA und Natalia Wörner, sowie Anika Decker und Soroptimist International Deutschland für ihre wichtige Unterstützung für diese Initiative."

Der Geschäftsführer UFA GmbH, Joachim Kosack, ergänzt: "Als Produktionsfirma rütteln uns die Ergebnisse der Studie 'Geschlechtsspezifische Gewalt im deutschen Fernsehen' auf. Gerade weil die erzählerische Form des Krimis auch bei uns einen großen Raum einnimmt. Aber nicht nur beim Krimi achten wir zu wenig auf das Thema. Bei der Entwicklung unserer Stoffe reflektieren wir viel zu wenig, dass immer wieder stereotypisierte Erzählmuster wiederholt werden bzw. nicht in einen Kontext gesetzt werden, der diese Muster dramaturgisch einordnet. Wir werden uns in Workshops intern damit verstärkt auseinandersetzen, um unserer Verantwortung als Medienschaffende gerecht zu werden. Darum danke an die MaLisa Stiftung und alle, die diese Studie initiiert, unterstützt und durchgeführt haben."

Hier sind sämtliche Ergebnisse der Studie nachzuvollziehen.