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Cathrin Ehrlich: "Offen für Serien und Streamer"

Nach einer digitalen Ausgabe 2020 wird das diesjährige Fernsehfilm-Festival Baden-Baden heute Abend wieder vor Publikum eröffnet. Festival-Leiterin Cathrin Ehrlich sprach mit Blickpunkt:Film über die diesjährige Ausgabe, die Zukunft des Festivals und ihren bevorstehenden Abschied.

22.11.2021 15:01 • von Frank Heine
Cathrin Ehrlich (Bild: Barbara Dietl)

Nach einer digitalen Ausgabe 2020 wird das diesjährige Fernsehfilm-Festival Baden-Baden heute Abend wieder vor Publikum eröffnet. Festival-Leiterin Cathrin Ehrlich sprach mit Blickpunkt:Film über die diesjährige Ausgabe, die Zukunft des Festivals und ihren bevorstehenden Abschied.

Die Freude auf das Comeback nach der Online-Ausgabe im Vorjahr ist bestimmt groß oder wird sie durch die aktuelle Pandemie-Situation schon wieder getrübt?

CATHRIN EHRLICH: Ich habe dieses Festival mit großer Freude und viel Engagement vorbereitet, weil ich mich so sehr auf echte Begegnungen und persönliche Gespräche freue. Allen Filmemacher*innen und Gästen, die ich kontaktierte, ging es ebenso. Die aktuelle Entwicklung der Coronafälle macht mir natürlich Sorgen, aber da wir von Anfang an auf 2G gesetzt haben, bin ich optimistisch, dass wir sicher stattfinden können.

Wie gehen Sie konkret vor, welche Maßnahmen müssen Sie ergreifen?

CATHRIN EHRLICH: Wir haben ein strenges Hygienekonzept erarbeitet. Wir werden das Festival mit 2G plus aktuellem Test plus Maskenpflicht und Abstand durchführen. Wir reduzieren die Teilnehmerzahl, damit wir mit Abständen setzen können. Die Lüftung im Kurhaus ist auf neuestem Stand, es gibt ein Wegesystem und strenge Einlasskontrollen. Wir werden vom Kurhaus hervorragend unterstützt.

Haben Sie das Pandemie-Jahr zu Neuerungen am Festival genutzt?

CATHRIN EHRLICH: Ein digitales Festival, wie wir es pandemiebedingt letztes Jahr durchführen mussten, erfordert, dass man neue Inhalte entwickelt und diese dann produziert. Wir haben zum Beispiel schon im Oktober letzten Jahres die Jurydiskussionen im Baden-Badener E-Werk aufgezeichnet, Filmgespräche, Grußworte, Testimonials und vor allem die Preisverleihung aufgenommen. Der Aufwand war deutlich größer als der für ein Präsenzfestival, weil ja alle Inhalte erstellt werden müssen. Einige dieser Elemente haben sich bestens bewährt und diese werden wir beibehalten.

Zum Beispiel?

CATHRIN EHRLICH: Wir werden die öffentlichen Jury-Gespräche künftig live streamen und auf unsere Website stellen. Für die Wettbewerbsfilme gibt es mit Ausnahme des ProSiebenSat.1-Beitrags jeweils einen Link zur 3sat-Mediathek. Bestandteil des Festivals ist auch seit längerem ein Workshop mit anschließendem Pitch für den Autor*innennachwuchs, den wir gemeinsam mit Top: Talente anbieten. Die Teilnehmer*innen präsentieren ihre Stoffe in diesem Jahr wieder vor Publikum, aber sie werden eben auch, wie im letzten Jahr, aufgezeichnet und online gestellt. So bekommen die Teilnehmer eine größere Öffentlichkeit. Unterm Strich lässt sich sagen: Wir haben viel gelernt und werden vieles übernehmen.

Nun zum diesjährigen Wettbewerb: Fiel es leicht, zusätzlich zu den sechs Sendereinreichungen die zwölf Filme zusammenzubekommen oder war es eher ein regelrechtes Suchen?

CATHRIN EHRLICH: Es lag dazwischen. Wir hatten jetzt keine hundert Filme, aus denen wir auswählen konnten. Aber es hat sich auf jeden Fall bewährt, dass ich vor einigen Jahren eine zusätzliche Auswahlkommission etabliert habe. Neben den Nominierungen der Sender und der Mitglieder der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste bestimmt diese über weitere Wettbewerbsbeiträge. Diese Kommission achtet gezielt auf politisch relevante Themen, kulturelle und soziale Vielfalt, Diversität, starke Frauenfiguren, Frauen in der Regie usw., immer unter der Maßgabe, dass die Qualität eines Filmes stimmt.

Können Sie den Ablauf kurz skizzieren?

CATHRIN EHRLICH: Wir haben ein sehr spezielles Auswahl-Verfahren: Sechs Filme werden von den Sendern vorgeschlagen. Ich erstelle dann eine Vorschlagsliste, die an alle Akademiemitglieder verschickt wird mit der Bitte um Ergänzung von Filmtiteln. Daraus entsteht die sogenannte Wahlliste, die die Grundlage für die Abstimmung für die Akademiemitglieder bildet. Nach dieser tritt die Auswahlkommission ihre Arbeit an und wählt nach eben genannten Kriterien die restlichen Wettbewerbsfilme aus.

Wie würden Sie den Wettbewerb charakterisieren, was ist besonders auffallend?

CATHRIN EHRLICH: Ich finde das Programm in diesem Jahr vielfältig, ausgewogen, mit spannenden, aktuellen Themen und großartigen Schauspieler*innen. Drama, Krimi, Komödie, Kammerspiel, Historienfilm, Sozialdrama. Man kann echte Trüffel im diesjährigen Programm finden.

Ein Drittel der Filme sind von Regisseurinnen, im Drehbuchbereich ist die Bilanz vergleichbar. Wie bewerten Sie das Geschlechterverhältnis?

CATHRIN EHRLICH: Da ist immer noch Luft nach oben. Immerhin sind es schon vier Regisseurinnen und deutlich mehr Drehbuchautorinnen. Wir hatten schon Wettbewerbe ohne einen einzigen Film, der von einer Frau inszeniert wurde. Beim Nachwuchspreis MFG-Star ist es seit einigen Jahren pari pari. Die Situation bessert sich langsam aber stetig, das konnten wir an den zur Auswahl stehenden Filmen sehen. Endlich!

Wie beobachten Sie die Entwicklung der Programmform Fernsehfilm generell oder anders gefragt, wie lange ist ein reiner Fernsehfilm-Wettbewerb noch möglich?

CATHRIN EHRLICH: Das Festival wurde ja gegründet, um den einzigartigen Fernsehfilm, den Neunzigminüter, zu fördern und zu pflegen. Dies sollte man weiterhin fürsorglich tun, aber nicht nur. Wir sollten uns öffnen für Serien, für Streaming-Anbieter und vielleicht für andere Auswahlkriterien den Wettbewerb betreffend.

Ist die Vergabe Ihres Ehrenpreises, im vergangenen Jahr an Anke Greifeneder von TNT, in diesem Jahr an Quirin Berg und Max Wiedemann auch schon ein Statement zur weiteren Öffnung des Festivals in Richtung Serien?

CATHRIN EHRLICH: Auf jeden Fall. Das soll ein Zeichen dafür sein, dass auf dem Festival andere, neue Formate und Senderplattformen willkommen sind.

Nach einem Artikel in der "Zeit" ist unklar, was aus dem Hans-Abich-Preis wird...

CATHRIN EHRLICH: Der Artikel von Herrn Jäger über die NS-Vergangenheit von Hans Abich hat mich zutiefst bewegt. Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste wird die Rechercheergebnisse genau prüfen. Wir würdigen trotzdem die großen Verdienste von Quirin Berg und Max Wiedemann, mit einem "Ehrenpreis für herausragende Leistungen".

Zurück zur Öffnung des Festivals. In Richtung Serienwettbewerb denken Sie aber nicht?

CATHRIN EHRLICH: Doch. Ich denke, dass man einen zusätzlichen Wettbewerb etablieren sollte. Ein gemeinsamer Wettbewerb mit Einzelstücken und Serien macht keinen Sinn, weil beide Formate nicht vergleichbar sind. In unserer Zukunftswerkstatt, die ich vor ein paar Jahren ins Leben gerufen habe, werden in diesem Jahr innovative Serienprojekte in den Fokus gestellt, sowohl mit Referenten und Gästen von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern als auch von Streaming-Anbietern. Vielleicht ebnet die Werkstatt ja den Weg für einen Serienwettbewerb im nächsten Jahr?

Welche weiteren Herausforderungen sehen Sie für die Zukunft des Festivals?

CATHRIN EHRLICH: Dass man Streaming-Anbieter mit aufnimmt und berücksichtigt. Hier passiert so viel, hier gibt es herausragende, innovative Serien und auch hervorragende Einzelstücke. Spannend fände ich auch den Blick nach Europa, zu sehen, was in unseren Nachbarländern im Bereich Fiction-Produktion passiert. Man könnte zum Beispiel jedes Jahr ein anderes Gastland in Baden-Baden präsentieren. Das Festival soll eine diverse Gesellschaft und Gendervielfalt spiegeln. Vielleicht merkt man in diesem Jahr schon, u.a. in der Besetzung der Jurys und der Foren, dass wir uns weiblicher, diverser und auch jünger präsentieren wollen. Allerdings möchte ich auf keinen Fall "alte weiße Frauen und Männer" komplett verbannen.

Dann war es keine Diversitätsmaßnahme, dass Dieter Kosslick nun doch nicht der Jury angehört?

CATHRIN EHRLICH: Nein (lacht). Dieter Kosslick musste aus familiären Gründen absagen, was wir alle sehr bedauert haben. Wir konnten glücklicherweise den Regisseur und Autor Adrian Goiginger gewinnen, der mit seinem mehrfach ausgezeichneten Film "Die schönste aller Welten" auch schon am Wettbwerb um den MFG-Star teilnahm.

Spannend verspricht auch ihre diesjährige Podiumsdiskussion zu werden, in der es um Diskriminierung im alten und Political Correctness im neuen Fernsehen geht. Schimmert da auch durch, dass zu viel guter Wille Filmen nicht immer gut tut?

CATHRIN EHRLICH: In der Vorbereitung der Diskussionsrunde war das für mich kein Aspekt. Natürlich kann es sein, dass dies in der Diskussion zur Sprache kommt. Für mich ist es nach wie vor ein Manko, dass diverse Besetzungen noch keine Selbstverständlichkeit sind und stattdessen die veralteten, zum Teil diskriminierenden, Rollenklischees eingesetzt werden. In der Diskussion soll es hauptsächlich um unser historisches Filmerbe gehen und wie wir mit der, in den alten Filmen vorkommenden, Frauenfeindlichkeit, dem Sexismus und Rassismus umgehen.

Es war zu hören, dass Sie das Festival verlassen, für das Sie gefühlt Ihr halbes Leben lang tätig waren. Warum?

CATHRIN EHRLICH: 27 Jahre... Man soll gehen, wenn es am schönsten ist, und ich habe in meinem Berufsleben viel zu oft erlebt, dass Menschen zu lange in ihren Jobs geblieben sind. Ich denke, ich sollte das Festival in jüngere Hände übergeben.

Wie geht es für Sie weiter? Bleiben Sie der Branche erhalten?

CATHRIN EHRLICH: Ganz bestimmt. Ich weiß allerdings tatsächlich noch nicht, was ich machen werde und möchte dies auch auf mich zukommen lassen. Das Fernsehkrimi-Festival in Wiesbaden werde ich weiterhin leiten. Und ich werde inzwischen öfter für Jury-Tätigkeiten angefragt. Das liebe ich sehr.

Wissen Sie, wie es mit dem Festival weiter geht, ist seine Zukunft gesichert?

CATHRIN EHRLICH: Ja. Die hervorragende Zusammenarbeit mit 3sat und dem SWR, der Stadt Baden-Baden und vielen treuen Partnern steht auf festen Füßen. Ich durfte bei der Auswahl meiner Nachfolger*innen mitwirken und freue mich über die Auswahl. Das Festival ist jetzt in besten Händen. Wer meine Nachfolge antritt, wird am ersten Abend des Festivals bekannt gegeben.

Das Interview führte Frank Heine