Produktion

"Encanto"-Produzent Clark Spencer zu Disney Animation: "Harmonische Koexistenz"

Clark Spencer zählt seit "Ralph reicht's" und "Zoomania" zu den Topproduzenten bei Disney Animation. Mit "Encanto" gehen er und das Studio völlig neue Wege.

22.11.2021 12:32 • von Thomas Schultze
Clark Spencer: "Das Studio verändert sich spürbar" (Bild: Disney)

Der Produzent Clark Spencer zählt seit Ralph reicht's" und Zootopia" zu den Topleuten bei Disney Animation. Mit Encanto" gehen er und das Studio völlig neue Wege.

Vom ersten Moment an beschwört "Encanto" Wunder und Magie - als würde die große Leinwand mit dem Publikum sprechen. Ein Bekenntnis für das Kino?

CLARK SPENCER: Gut beobachtet. Das Besondere am Kino ist das Kommunale, das gemeinschaftliche Erleben. Es ist eine fast rituelle Handlung. Man kommt ins Kino, zusammen mit anderen Menschen, die sich auf dasselbe Ereignis freuen. Wenn etwas lustig ist, ist es lustiger, wenn man mit anderen Menschen lacht. Wenn man emotional berührt wird, ist auch dieses Gefühl stärker, wenn man es teilt. Spannend ist spannender. Dramatisch ist dramatischer. Die "Ooh!"- und "Aah!"-Momente erlebt man gemeinsam. Man spürt die Energie. Sie ist ansteckend. Und klar, auf der großen Leinwand sieht ein Film einfach imposanter aus.

Man hört, dass Sie ein Kinosprössling sind.

CLARK SPENCER: Stimmt. Meine Großeltern besaßen ein Kino, als ich ein kleiner Junge war. Ich weiß noch, wie ich bei meiner Großmutter auf dem Schoß saß, während sie Eintrittskarten verkaufte. Danach habe ich mich in den Vorführraum geschlichen und von ganz hinten Filme angesehen. Mein Herz schlägt für das Kino. Und es gibt viele Dinge, die für dieses Erlebnis sprechen, die es einzigartig machen.

Und doch ist Kino nicht mehr der Platzhirsch, der es einmal war. Auch bedingt durch die Pandemie, aber auch durch Fortschritte in der Technologie haben sich die Bedürfnisse des Publikums verändert. Müssen Sie als Produzent darauf reagieren?

CLARK SPENCER: Lassen Sie mich zwei Dinge dazu sagen. Ich halte Streaming für eine tolle Sache. Gerade während der Pandemie musste das Publikum nicht auf dem Trockenen sitzen. Anstatt abgeschnitten zu sein von neuen Geschichten, weil Kino nicht einmal eine Option war, konnte man Zuhause aktuelle Filme erleben. Aber ich denke auch, dass Kino und Streaming harmonisch koexistieren können. Man muss den Menschen die Wahl geben. Es gibt ein Bedürfnis danach, neue Filme Zuhause zu erleben. Was nicht heißt, dass es allen Menschen so geht. Oder dass Menschen Filme ausschließlich Zuhause sehen wollen. Das gemeinschaftliche Erlebnis ist ein starkes Zugpferd. Man kann das eigene Heim verlassen, zusammen etwas erleben, für einen, wie ich finde, mehr als akzeptablen Preis. Es wird künftig nur nicht mehr die einzige Möglichkeit sein, wie man neue Filme erleben kann.

Oder Serien.

CLARK SPENCER: Oder Serien. Gutes Stichwort. Mit Disney Animation sind wir gerade dabei, für Disney+ erstmals auch Serien zu realisieren und Geschichten zu erzählen, die wir vorher nicht erzählen konnten. Disney+ gibt uns die Möglichkeit, mehr Geschichten zu realisieren, uns mit Figuren neu zu befassen, die wir im Kino bereits mochten, sich aber nicht unbedingt für einen neuen Film angeboten haben. Wir machen "Zoomania +", basierend auf "Zootopia", was uns die Gelegenheit, tiefer einzutauchen in diese ungewöhnliche Stadt. Wir machen eine Serie mit Baymax von den Big Hero Six und mit Tiana aus dem Film Vaiana". Ohne Disney+ wäre das nicht möglich. Für uns bei Disney Animation ist das ein Segen: Wenn man einen Film fertiggestellt hat, ist es eine bittersüße Erfahrung, weil man sich verabschieden muss von Figuren und Welten, mit denen man mehrere Jahre verbracht hat und die einem ans Herz gewachsen sind. Für uns ist das eine aufregende Sache. Und noch einmal: Denke ich, dass Kino und Streaming koexistieren können? Absolut!

Aber wie treffen Sie die Unterscheidung, für welches Medium Ihre Stoffe entstehen sollen?

CLARK SPENCER: Man muss sich die Ideen ansehen und genau überlegen, für welches Publikum sie am besten geeignet sind. Und falls Sie sich Sorgen machen sollten: Wir haben noch viele tolle Ideen für Kinofilme. Covid mag die Entwicklung beschleunigt haben, aber man sollte gelassen bleiben: Als das Fernsehen kam, hieß es, das sei das Ende des Kinos. Oder als VHS-Video an den Start ging. Als die DVD ihren Erfolgslauf begann. Das Kino ist immer noch da. Und es wird weiterhin dableiben. Weil es etwas bietet, was all die anderen Angebote nicht bieten können.

Waren Sie sich immer sicher, dass "Encanto" exklusiv ins Kino kommen würde?

CLARK SPENCER: Gewiss kann man sich nie sein. Schon gar nicht in der Situation, in der wir uns aktuell befinden. Die Pandemie geht ja nicht weg, damit ich meinen Film ins Kino bringen kann. Natürlich gab es viele verschiedene Überlegungen, oftmals diktiert von der jeweiligen Lage, die sich von einem Tag auf den anderen verändert. Jetzt kommt "Encanto" zum klassischen Disney-Termin an Thanksgiving ins Kino und dann können Familien den Film zu Weihnachten auch Zuhause sehen, wenn er bei Disney+ startet. Ich halte das für eine wunderbare Lösung. Kino zuerst, und dann zu den Feiertagen auch als Angebot für unsere Abonnenten.

Wo wir vom Wandel der Zeit sprechen: Wäre "Encanto" als Film vor zehn Jahren bereits möglich gewesen?

CLARK SPENCER: Schon rein vom technologischen Standpunkt ist die Antwort ein klares Nein. "Encanto" ist der visuell komplexeste Film, den das Studio jemals realisiert hat. Die Farben sind so intensiv, die Details sind absolut unglaublich. Man muss sich nur ansehen, wie sich die Haare bewegen, bei jeder Figur absolut individuell. Wie die Kleidung in verschiedenen Schichten am Körper anliegt. Das ist natürlich in erster Linie ein Verdienst der begnadeten Künstler, die an dem Film gearbeitet haben. Natürlich können sie diese Vision nur umsetzen, wenn sie die entsprechenden Werkzeuge zur Hand haben. Das liebe ich an Animation. Vor fünf Jahren hätten wir noch abwinken müssen. Aber damals hat man bereits die Hebel umgelegt, damit wir heute in der Lage sind, einen Film mit diesem umwerfenden visuellen Reichtum zu machen.

Angesichts des Vermächtnisses ist der Anspruch bei Disney Animation, zeitlose Klassiker zu machen, die das Publikum auch in Jahrzehnten noch gerne sieht. Gleichzeitig muss man aber auch modern und zeitgemäß sein, wenn man den Zuschauer erreichen will. Wie sind Sie bei "Encanto" vorgegangen?

CLARK SPENCER: Zeitlos sind die Themen. Man muss Ideen finden, die eine universale Gültigkeit haben. Familie ist ein universales Thema. Und darum geht es bei "Encanto", es ist ein Film über eine Familie, die zueinander finden muss. Zeitgemäß ist die Geschichte selbst und wie wir sie erzählen, wie wir die Figuren anlegen und zeichnen. Ich muss schmunzeln, wenn ich nur daran denke: Eine Familie mit magischen Kräften - nur unsere Hauptfigur fällt aus dem Rahmen und ist normal wie du und ich. Wie kann man außergewöhnlich sein, wenn man von Menschen umgeben ist, von denen jeder einzelne außergewöhnlich ist? Ich glaube, das trifft einen Nerv.

Ihre ersten Hits als Produzent, Bolt", "Ralph reicht's" und "Zoomania", sind unter der Ägide von John Lasseter entstanden. "Encanto" ist Ihr erster Film, den Sie mit der neuen Studiochefin Jennifer Lee realisiert haben. Lässt sich beschreiben, wie sich Disney Animation unter ihrer Führung entwickelt hat?

CLARK SPENCER: Ich hatte das Privileg, mit Jennifer an "Ralph reicht's" zu arbeiten, für den sie erstmals als Drehbuchautorin in Erscheinung trat, und dann noch einmal an "Zoomania", bei dem sie für die Idee verantwortlich zeichnet. Das sagt schon alles über ihre Brillanz. Von "Die Eiskönigin" muss man gar nicht erst reden. Sie ist eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin und hat ein intrinsisches Verständnis für die Kunstform der Animation. Das sind ideale Grundlagen für diesen Job. Mich beeindruckt ihre Vision für Disney Animation - eine ziemlich mutige Vision. Sie animiert uns, Geschichten zu erzählen, die das Hier und Jetzt spiegeln, die sich hohe Ziele setzen, die divers und inklusiv sind - alle Menschen, die unsere Filme sehen, sollen sich in ihnen wiederfinden können.

Gibt es auch personelle Veränderungen?

CLARK SPENCER: Jennifer hat eine beeindruckende Gruppe von Regisseuren versammelt. Manche von ihnen sind schon lange bei Disney, andere kommen von draußen, haben teilweise nichts mit Animation zu tun. Ein guter, sich befruchtender Mix. Man spürt, wie Bewegung in die Sache kommt, das Studio sich tatsächlich verändert. Sie öffnet Disney Animation - weg von nur ein oder zwei Filmen im Jahr. Jetzt kommen noch die bereits erwähnten Serien dazu. Und dann machen wir Projekte, wie wir sie noch nie gemacht haben, die weit nach vorne weisen. Wir realisieren beispielsweise eine Science-Fiction-Serie mit dem Titel "Iwájú" zusammen mit der panafrikanischen Company Kugali, die mit ihren Comics beeindruckende neue Wege geht und afrikanische Geschichten auf völlig neue Weise erzählt. Nun loten sie auch Möglichkeiten im Bereich der Animation aus. Es ist das erste Mal, dass Disney Animation eine Partnerschaft mit einem anderen Studio eingeht. Für uns ist das wichtig und großartig. Es erweitert unseren Horizont, lässt uns eine ganz andere Energie erleben.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.