Kino

KOMMENTAR: Nouvelle Vague

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, bedeutete eine neue Welle für das Kino, dass man sich auf aufregende neue Filmerzählungen formaler und inhaltlicher Art freuen durfte, ob nun die französische Nouvelle Vague mit Godard und Truffaut an der Spitze oder die britische New Wave mit Karel Reisz oder Tony Richardson.

18.11.2021 07:35 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, bedeutete eine neue Welle für das Kino, dass man sich auf aufregende neue Filmerzählungen formaler und inhaltlicher Art freuen durfte, ob nun die französische Nouvelle Vague mit Godard und Truffaut an der Spitze oder die britische New Wave mit Karel Reisz oder Tony Richardson. Heute werden Pandemieschübe in neuen Wellen bemessen, aktuell ist es die vierte - und das bedeutet für das Kino nichts Gutes. Während die Inzidenzzahlen in ungeahnte vierstellige Höhen steigen und die Intensivstationen an ihr Limit kommen, wird die Politik mitten im Übergang der Verantwortung nach der Bundestagswahl immer nervöser. Und diese Nervosität überträgt sich auch auf das Publikum. Schon über das letzte Kinowochenende mag man trefflich spekulieren, ob nun die mangelnde Zugkraft der Neustarts oder doch schon eine wachsende Zurückhaltung beim Besuch öffentlicher Veranstaltungen der Grund gewesen sein mögen, dass die Einspielzahlen trotz großen Stehvermögens der erfolgreichen Langläufer eine gewisse Tendenz nach unten zeigen.

Die vielen neuen Regelungen, was den Besuch von kulturellen Veranstaltungen betrifft, die seit dieser Woche greifen, werden jedenfalls ihre Wirkung nicht verfehlen. Und natürlich hilft es wieder nichts, darauf hinzuweisen, dass Kinos keine Hotspots sind und nie waren, dass sie über Lüftungsanlagen verfügen, von denen andere, ganz gewiss private Treffpunkte, nur träumen können, und dass mit einer Sorgfalt auf den Zugang nur von geimpften oder freigetesteten Besuchern geachtet wird und wurde, die bei anderen Freizeitangeboten ihresgleichen sucht. Wie reibungslos das selbst in kleinen Programmkinos funktioniert, konnte jeder Cineast staunend in den vergangenen Wochen erleben. Jetzt also schwappt eine neue Welle von Beschränkungen über Länder und Landkreise. Auf 2G für den Kinobesuch wird man sich wohl einstellen müssen.

Das schreckt viele Kinobetreiber noch nicht, weil ihr Publikum in weiten Teilen darauf vorbereitet ist, auch wenn fehlende Ausnahmen für Kinder und Jugendliche Sorgen machen. 2G+ ist schon eine andere Sache. Immer heftiger wird es von den besonders Besorgten gefordert, aber für den Kinobesuch dürfte das eine dramatisch dämpfende Wirkung haben. Im Nachbarland Österreich geht man besonders drastische Wege und hat dort bereits einen Lockdown für Ungeimpfte verhängt. Einen neuen Lockdown hierzulande würde die gesamte Wirtschaft, und natürlich auch die Kino¬branche, nicht unbeschadet überstehen. Schon jetzt lässt die Ausgehfreude spürbar nach. Beschränkungen mit Augenmaß sind deswegen dringend erforderlich, damit auch noch genügend Kinos da sind, wenn wirklich einmal wieder eine künstlerische Neue Welle den Film erfassen sollte, womöglich gar den deutschen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur