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Olivier Jollet: "Wir entwickeln ein globales Content-Ökosystem"

Olivier Jollet ist Pluto-TV-Chef außerhalb der USA. Für 2022 kündigt er im Zusammenspiel mit Paramount+ für Deutschland mehr neue Serien und neuere Hollywood-Blockbuster auf den Sendern seines AVoD-Streamingdienstes an.

18.11.2021 08:02 • von Michael Müller
Olivier Jollet leitet die Geschicke des Streamingdienstes Pluto TV außerhalb der USA (Bild: Pluto TV)

Olivier Jollet ist Pluto-TV-Chef außerhalb der USA. Für 2022 kündigt er im Zusammenspiel mit Paramount+ für Deutschland mehr neue Serien und neuere Hollywood-Blockbuster auf den Sendern seines AVoD-Streamingdienstes an.

Als wir das letzte Mal Anfang 2020 sprachen, waren Sie Europa-Chef von Pluto TV. Seitdem haben sich Ihre Zuständigkeiten noch erweitert. Inwiefern hat das Ihre Arbeit verändert?

OLIVIER JOLLET: Es hat sich in der Tat viel bei Pluto TV geändert - bei mir auch. Ich bin jetzt der General Manager für Pluto TV International. Unter meiner Verantwortung habe ich jetzt alle Länder mit Ausnahme der USA. Aktuell sind das 25 Länder in Lateinamerika und Europa. Unser neuestes Land ist Italien. Seitdem wir sprachen, ist Pluto TV unglaublich gewachsen. Damals waren wir außerhalb der USA nur in Großbritannien, Deutschland, Schweiz und Österreich. Entsprechend ist mir nicht langweilig, weil ich auch für das gesamte Geschäft zuständig bin: Content, Marketing, Distribution und Strategie.

Welche Märkte wollen Sie mit Pluto TV als Nächstes in Angriff nehmen?

OLIVIER JOLLET: In Europa werden wir 2022 einige weitere Märkte launchen. Wir haben jetzt die Big Five der europäischen Länder. Aber wir wollen auch in die anderen Märkte, die sich zum Beispiel rund um Deutschland befinden, ohne schon Namen nennen zu können. Unser Ziel ist es, Pluto TV überall verfügbar zu machen. Natürlich wollen wir auch nach Asien gehen. Der Free-Streaming-Markt in Asien ist extrem spannend, wenn auch sicherlich komplexer. Aber es ist unsere Ambition, Pluto TV auch auf den vierten Kontinent zu bringen.

Ist auch das Team gewachsen, das Sie um sich versammelt haben?

OLIVIER JOLLET: Das ist eine sehr gute Frage, weil wir überall Teams haben. Inzwischen ist Pluto TV seit der Übernahme durch ViacomCBS viel tiefer innerhalb des Unternehmens integriert. Das heißt, es gibt auch viele Teams, die nicht exklusiv für Pluto TV, sondern auch für Paramount+ arbeiten. Das ist unser neuer SVoD-Streamingdienst. Neben den internationalen Teams, die für Pluto TV arbeiten, gibt es natürlich auch noch unsere Tech-Abteilung in den USA. Dort wird unser Produkt entwickelt und gebaut. Da profitieren wir auch von der unglaublichen Entwicklung von Pluto TV in den USA. Weltweit haben wir heute schon mehr als 54 Millionen monatlich aktive Nutzer*innen. Ende 2021 werden wir mehr als eine Milliarde Dollar Werbeumsatz generieren. Wichtig ist aber auch, dass wir in jedem Land Channel Editors und Content-Experten haben, die für die Seele unseres Produkts sorgen, immer das beste Sender-Angebot für die jeweiligen Märkte und Zielgruppen zu haben.

In Deutschland haben Sie mit dem Sender Pluto TV Star Trek und der Free-TV-Premiere der neuen Serie "Star Trek: Discovery" offenbar die Sci-Fi-Fans als wichtige Zielgruppe ausgemacht.

OLIVIER JOLLET: Wir sehen, dass unsere Nutzer*innen Pluto TV lieben. Unser Ziel ist es, das beste Entertainment-Paket kostenlos anzubieten. Wir sind weiterhin erfolgreich mit unseren Klassiker-Serien wie "Beverly Hills 90210" oder "Wer ist hier der Boss?". Diese nostalgischen Serien werden genauso geliebt. Aber natürlich wollen wir auch neuere Serien anbieten. Pluto TV ist sozusagen das neue Free-TV, weil es komplett kostenlos ist und man mit einem Klick sofort durch die verschiedenen Sender zappen kann. Wir wollen auch Fan-Communities erreichen. Dabei sind die Trekkies eine sehr aktive und große Community. Den Sender Pluto TV Star Trek haben wir am 1. November gelauncht, aber natürlich sind auch Nicht-Trekkies herzlich willkommen.

"Star Trek: Discovery" war unter "Star Trek"-Fans auch kein unumstrittenes, wenn auch sehr erfolgreiches Format, als es zuerst in Deutschland auf Netflix gezeigt wurde, weil das Format doch vieles anders macht als die vorherigen Serien. Das erschließt dann auch nochmal eine neue Zielgruppe.

OLIVIER JOLLET: Ja, die Trekkies sind besonders, weswegen wir sie auch schätzen. Da gibt es viele Diskussionen über die Weiterentwicklung und Streit gehört zu jedem großen Franchise. Aber insgesamt ist das vor allem eine unglaublich gut bewertete Serie. Jedes Kultformat, das fortgesetzt wird, wird anfangs auch kritisiert. Das "Star Trek"-Franchise ist ein wichtiges Franchise für ViacomCBS, das wir auch erweitern wollen. Aber aktuell haben wir 111 verschiedene Sender bei Pluto TV in Deutschland live.

Und es klingt so, als hätten Sie noch größere Pläne für Deutschland.

OLIVIER JOLLET: Wir haben in Deutschland in den ersten Jahren viele Informationen gesammelt, was das deutsche Publikum gern schaut. Jetzt haben wir hier einen sehr großen Plan vor uns. Die kürzlich gestartete große Werbekampagne mit schönen und frechen TV-Spots und Plakatmotiven und die "Star Trek"-Premiere sind der Anfang einer aggressiveren Marktstrategie für unser Produkt. Wir werden 2022 noch mehr in Content und Marketing investieren, um Pluto TV als führende kostenlose Streaming-Plattform in Deutschland zu etablieren. Es werden noch viele Sender und größere Formate hinzukommen. Unser Ziel ist es, Pluto TV zum Zuhause von Blockbuster-Produktionen zu machen. In den USA haben wir schon "James Bond"-, "Tribute von Panem"- oder "Narcos"-Sender lizenziert. Das ist die Größenordnung, die wir auch in Deutschland erreichen wollen. Nicht unbedingt diese spezifischen Franchises, aber von der Art und Größe des Contents her. Natürlich werden wir weiterhin viele nostalgische Serien bringen. Wir sehen dort auch noch weiteres Potenzial, weil wir uns auf diese Weise nochmal anders positionieren können als andere Streamingdienste. Da sehen wir übrigens auch bei Spielfilmen noch riesiges Potenzial. Es wird Top-Blockbuster, auch wenn es nicht die allerneuesten sein werden, bei uns geben, genauso wie viele Klassiker. Filme vom Kaliber eines "Matrix", "Forrest Gump" oder "Sin City" brechen auch jetzt noch Einschaltrekorde - im klassischen Fernsehen, genau wie bei uns. Wir haben uns viel vorgenommen.

Paramount+ kommt 2022 nach Deutschland. Und wie von Ihnen angesprochen, sind weitere "Star Trek"-Serien in der Pipeline. Sind das perspektivisch auch Formate, die dann nach Paramount+ auch bei Pluto TV laufen könnten?

OLIVIER JOLLET: Bei ViacomCBS entwickeln wir ein globales Content-Ökosystem. Noch gibt es in Deutschland nur Pluto TV. Aber in der Tat werden wir 2022 dort auch Paramount+ launchen. Paramount+ wird die Heimat von Showtime, Paramount Studios und allen unseren Kultmarken wie Nickelodeon oder MTV sein. Marken, welche die Nutzer*innen in Deutschland seit Jahrzehnten unterhalten. Natürlich wird "Star Trek" dort eine große Rolle spielen. Ja, es kommen neue "Star Trek"-Serien, die in den USA exklusiv bei Paramount+ zum ersten Mal laufen werden. Wichtig ist für uns, dass wir damit ein Streaming-Ökosystem bauen. Unser Vorteil ist, dass wir so verschiedene Zielgruppen erreichen. Ein Produkt wie Pluto TV ist komplett kostenlos, man braucht sich nicht einmal registrieren. Bei Paramount+ muss man bezahlen. Bestimmter Content wird bei Pluto TV starten. Dann dienen wir als Entdeckungsplattform. So haben wir es zum Beispiel mit "Star Trek: Picard" in den USA gemacht, wo die erste Episode zuerst bei Pluto TV lief und die restliche Staffel dann bei Paramount+ zu finden war. Da werden wir kreativ sein, wie wir mit den verschiedenen Fenstern spielen. Der Top-Premium-Content wird natürlich bei Paramount+ als Erstes laufen, weil wir dort die neuesten Angebote aus unserem eigenen Haus pushen werden.

Nun treten Sie mit einem frei streambaren Angebot wie "Star Trek: Discovery" auch in direkte Konkurrenz mit deutschen Sendern wie Tele 5, das zum Beispiel seit langer Zeit die Heimat der "Star Trek"-Serien war und noch ist.

OLIVIER JOLLET: Pluto TV versteht sich aktuell noch sehr komplementär zum klassischen TV. Bei allen Studien sieht man, dass die Zielgruppen auch einfach anders sind. TV hat eine ältere Zielgruppe als die Zuschauer*innen bei Streaming-Produkten. Wir sehen uns eher als eine Erweiterung der Zielgruppe. Die jüngere Generation schaut weniger Fernsehen. Entsprechend finden sie mit Pluto TV eine neue Art von Fernsehen. Ich bin der Meinung, dass sich beide Formen ergänzen. Tele 5 ist bekannt als Heimat von "Star Trek" und wird das sicherlich auch bleiben. Als ViacomCBS ist uns aber auch wichtig, unsere eigenen Plattformen aufzubauen. Die Free-TV-Premiere von "Star Trek: Discovery" ist der Anfang von größeren Kampagnen und Programmen, die wir lizenzieren werden - aus unserem eigenen Haus oder aus anderen Studios. Wir sehen ein gigantisches Wachstum bei Pluto TV, deswegen wollen wir unsere Nutzer*innen auch mit neuen und innovativen Formaten immer überraschen.

Wäre dann in ein oder zwei Jahren vielleicht auch eine Pluto TV Eigenproduktion vorstellbar?

OLIVIER JOLLET: Zum einen gibt es genug tollen Content auf dem Markt, der nie so einfach zugänglich war wie zum Beispiel jetzt auf Pluto TV. "Doctor Who" oder "Beverly Hills 90210" sind dafür sehr gute Beispiele. Das ist ein Bereich, den wir weiterentwickeln. Wir bauen Sender, die unsere eigenen Originals sind. Zum anderen würde ich aber nicht bestreiten, dass wir vielleicht in zwei Jahren auch ein eigenes Original machen werden, obwohl wir das bislang noch nicht einmal in den USA gemacht haben. Wenn jedoch die Möglichkeit kommt, die auf unsere Zielgruppe passen könnte, warum nicht? Das hat alles mit der Monetarisierung zu tun. Die Werbetreibenden wollen unser Adressable TV Inventar. Das ist ein stark wachsender Markt, der immer mehr Budget einbringt. Das macht die Entscheidung, ob man ein eigenes Original produzieren will oder nicht, ein bisschen einfacher.

Die Programmankündigungen bei Pluto TV erfolgen immer sehr kurzfristig. Wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern nicht einen etwas weiter reichenden Einblick in Ihre Planungen geben?

OLIVIER JOLLET: Wir arbeiten natürlich gerade daran. Anfang 2022 kann ich wahrscheinlich schon ein bisschen mehr Einblick in unsere Pläne geben. Wir haben die vergangenen Monate viele attraktive Sender gelauncht, jetzt gerade erst einen lukrativen Deal mit der BBC abgeschlossen, der Pluto TV nicht nur "Doctor Who", sondern auch einen Travel-Sender mit tollen BBC-Dokus gebracht hat. Im Dezember wird es jede Menge Pop Up-Sender zum Thema Weihnachten geben. Aber an den Content-Plänen für 2022 arbeitet wir jetzt gerade. Das sieht sehr gut aus. Die Free-TV-Premiere mit "Star Trek: Discovery" ist nur der Startschuss für andere neue Formate die 2022 kommen werden.

Planen Sie, die Zusammenarbeit mit der BBC noch auszubauen?

OLIVIER JOLLET: Ja, wir haben einen fantastischen Deal mit der BBC gemacht, zu der wir sehr gute Beziehungen pflegen. Die Library der BBC ist riesig und besitzt starke Marken und Franchises. Übrigens glaube ich, dass die BBC froh ist, dass wir jetzt die klassischen "Doctor Who"-Episoden zeigen, weil das eine Zielgruppe ist, wo die Fans richtige Fans sind, die alles in diesem Universum lieben. Aus dieser Partnerschaft mit der BBC wird sicherlich noch mehr kommen.

Das letzte Mal hatten Sie für mich auf die Frage, wie gut Pluto TV in Deutschland genutzt werde, keine konkreten Zahlen, aber den Verweis auf die hohe Platzierung in den App-Charts. Können Sie heute denn sagen, wie sich Deutschland im Vergleich zu anderen Märkten schlägt?

OLIVIER JOLLET: Da werde ich Sie wieder enttäuschen müssen. Wir können keine konkreten Zahlen auf lokaler Ebene kommunizieren. Aber wenn ich mir die Download-Zahlen der App anschaue: Wir sind seit über einem Jahr immer in der Top Ten der meist-heruntergeladenen Entertainment-Apps in Deutschland. Auch was die Monetarisierung angeht, sind wir unglaublich beliebt bei den Werbetreibenden. Gerade sind wir in der Situation, dass wir dahingehend quasi ausgebucht sind. Man sieht einfach, dass es für Pluto TV einen großen Bedarf sowohl auf Seiten der Nutzer*innen als auch bei den Werbetreibenden gibt. Natürlich gibt es jetzt auch schon auf diesem Free Ad-Supported Streaming TV Market (FAST), den wir im Jahr 2014 mitkreiert haben, mehr Wettbewerber auf lokaler und internationaler Ebene. In den USA gibt es dort mittlerweile fast 20 verschiedene Anbieter. Pluto TV macht dabei mehr als ein Viertel des Umsatzes in diesem Markt aus. Dieser Trend kommt gerade schnell auch nach Europa herüber. Die Märkte wie Großbritannien, Deutschland, Schweiz und Österreich, die wir auch als erstes gelauncht haben, nähern sich von der Entwicklung her schon stärker an. Wir sehen, dass immer mehr Nutzer*innen zu uns kommen, auch weil wir mittlerweile überall, vielleicht mit Ausnahme von Set-Top-Boxen von Telekom und Vodafone, verfügbar sind. Wir wollen den Markt erobern und unsere Führungsrolle weiter etablieren. Das Besondere in Deutschland ist: Es gibt hier ein fantastisches Angebot von Free-TV. Aber die Menschen gehen auch immer mehr Richtung Streaming. Und sie sind es auch ein bisschen leid, immer erst zu suchen, bevor sie etwas streamen. Da ist das Pluto TV Versprechen mit den linearen, kuratierten Sendern für eigene Serien und Genres eine gute Weise, im Digital-Bereich ohne großen Aufwand etwas zu finden.

Beim letzten Interview stellten Sie auch in Aussicht, dass es bald einen Western-Sender bei Pluto TV in Deutschland geben wird. Können Sie mir da neue Hoffnung machen?

OLIVIER JOLLET: Das ist eine sehr gute Frage, warum es den noch nicht gibt. Ich setze nicht Prioritäten für mein Programming-Team in Deutschland. Die wissen genau, was am besten für uns hier ist. Den Western-Sender haben wir eigentlich in allen anderen europäischen Märkten gelauncht. Da werde ich mich persönlich darum kümmern, dass wir das hinbekommen.

Das Interview führte Michael Müller