Produktion

Gil Kenan über "Ein Junge namens Weihnacht": "Der ultimative Zaubertrick"

Morgen kommt "Ein Junge namens Weihnacht" in die deutschen Kinos. Gil Kenan ist ein erstaunlich bezaubernder Abenteuerfilm für die ganze Familie gelungen. Der britische Regisseur und Autor erzählt im Interview, was ihm dabei durch den Kopf ging.

17.11.2021 15:27 • von Thomas Schultze
Gil Kenan hofft, dass ihm mit "Ein Junge namens Weihnacht" pures Kino gelungen ist (Bild: Studiocanal)

Morgen kommt Ein Junge namens Weihnacht" in die deutschen Kinos. Gil Kenan ist ein erstaunlich bezaubernder Abenteuerfilm für die ganze Familie gelungen. Der britische Regisseur und Autor erzählt im Interview, was ihm dabei durch den Kopf ging.

Sie haben einen erfreulich unzynischen Film in sehr zynischen Zeiten gedreht. War es schwierig, sich auf die Welt in "Eine Junge namens Weihnacht" einzulassen?

GIL KENAN: Eigentlich nicht, weil ich mich erinnert fühlte an eine Stimmung, ein Gefühl, das die Purheit des Geschichtenerzählens in mir als Kind auslöste: Wenn mir meine Großmutter ein Märchen erzählte. Oder wenn ich einen Film im Kino zum ersten Mal sah, spontan fällt mir Die unendliche Geschichte" ein. Dieses Gefühl, dass alles möglich ist, dass das, was sich auf der Leinwand abspielt, eine Fortsetzung dessen ist, was Figuren, die mir nahestanden, erlebten. Es ist eine Stimmung, die wie ein Gegengift wirkt gegen den Zynismus des Erwachsenseins. Ich liebe es, in dieses besondere Gefühl zurückzufliehen. Fantastisches Kino gibt mir die Möglichkeit dazu.

Nur im fantastischen Kino ist es erlaubt, dass alles passieren kann. Richtig?

GIL KENAN: Zumindest im Westen, in Asien hat man einen anderen Zugang zu Bilderwelten, da wird nicht immer alles nach dem Möglichen abgeklopft. Aber es ist auch nicht so, dass mich nur dieses Kino interessiert oder fesselt. Ich bin ein riesiger Fan von Mike Leigh oder Ken Loach. Das ist meine Freude als Zuschauer. Meine Freude als Filmemacher sieht anders aus. Tatsächlich betrachte ich es als meine Verantwortung, die Spannung zwischen Fantasie und Realität einzufangen. Das habe ich als junger Filmfan als purste Form der Magie empfunden. Und ich kann das heute immer weniger entdecken. Also habe ich es mir zur Aufgabe erklärt, diese Flamme am Leben zu erhalten.

Es ist ganz pures Kino.

GIL KENAN: Richtig. Wenn man so will, dann ist Kino der ultimative Zaubertrick, die künstlichste Form, die sich Menschen bisher ausgedacht haben, um sich Geschichten zu erzählen. Die Idee von Fantasy war immer schon nur einen Millimeter vom Zentrum des Geschichtenerzählens entfernt. Es gibt einen Grund, warum Georges Méliès' "Reise zum Mond" als erster richtiger Publikumsfilm betrachtet wird. Menschliche Figuren, die in den Himmel gereicht werden. Das Publikum war gebannt. Richtig, das ist pures Kino.

Sagen wir doch gleich, dass das Kino eine Lüge ist. Eine Lüge, die nur funktionieren kann, wenn sie wahrhaftig erscheint. Wo findet sich diese Wahrhaftigkeit in Ihrem Film?

GIL KENAN: Er befasst sich mit Dingen, die uns bewegen, die uns berühren, die uns beschäftigen. Das ist das Geschenk, das mir von Matt Haigs Romanvorlage gemacht wurde. Er erzählt erst einmal eine ganz leichte Geschichte für junge Leser. Aber wenn man sich etwas mehr mit ihr beschäftigt, entdeckt man relevante Themen, der Umgang mit Verlust, Trauer, Leid. Man muss sehr naiv sein, wenn man glaubt, dass Kinder nicht wissen, was es heißt, traurig zu sein, einen Verlust erlebt zu haben, Angst zu haben. Das sind doch ganz grundsätzliche Dinge, die Kinder jeden Tag erleben und beschäftigen. Aus irgendeinem Grund hat sich unsere Gesellschaft aber entschlossen, Barrikaden zu errichten, um diese grundsätzlichen Dinge unbedingt von unseren Kindern fernzuhalten. Die Wahrhaftigkeit von "Ein Junge namens Weihnacht" besteht für mich darin, einige dieser Barrikaden zu beseitigen. Ich habe Vertrauen in die emotionale Intelligenz eines Publikums, dass es bereit ist, sich auf eine vielleicht etwas intensivere emotionale Reise zu begeben.

Der Film macht richtig Spaß. Aber berührt war ich von seiner großen Traurigkeit.

GIL KENAN: Sehr viele Emotionen gibt es nicht, die man im Kino kommunizieren kann. Man kann über etwas lachen, man kann sich vor etwas fürchten. Wenn man Liebe transportieren will, dann lässt man das Publikum die Abwesenheit von Liebe spüren, oder Verlust oder Verlangen. Es ist wie ein Test im Chemielabor, als wolle man herausfinden, welche essenziellen Elemente es sind, die ein Publikum gemeinsam fühlen kann.

Das haben Sie zusammen mit Ol Parker ausgeheckt, der selbst ein renommierter Filmemacher ist und auch als ausführender Produzent gelistet ist. Stand immer fest, dass Sie der Regisseur sein würden?

GIL KENAN: Ich wüsste nichts Gegenteiliges. Wir haben eine Weile zusammen am Drehbuch gearbeitet, dann verabschiedete er sich, weil er Mamma Mia! Here We Go Again" drehte. Er ist ein brillanter Autor, ich verneige mich vor ihm. Er hatte die wunderbare Idee zu der Rahmenhandlung mit der modernen Familie. Überhaupt war seine Vorarbeit von unschätzbarem Wert, als ich dann an Bord kam und das Drehbuch sozusagen von ihm übernahm. Ein Jahr lang habe ich weiter geschrieben und gefeilt, nach und nach nahm das Projekt Form an. Was man auf der Leinwand sieht, kann man sicherlich als Staffelübergabe bezeichnen, von Matt Haig zu Ol Parker zu mir.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie den Eindruck hatten, "Ein Junge namens Weihnacht" sei jetzt Ihr Film?

GIL KENAN: Es ist kaum möglich, nicht zu finden, dass es der eigene Film ist, wenn man auf einem Schneemobil einen Berg in der Slowakei hochfährt, während einem eine Lawine entgegenkommt. Da weiß man: Das ist mein Film.

Es ist ein ganz leichter, unterhaltsamer Film, aber ich könnte mir vorstellen, dass der Weg dahin die reine Hölle gewesen sein muss.

GIL KENAN: Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich bin nicht unbedingt der robusteste Mann auf diesem Planeten und war umgeben von einem Trupp ziemlich zünftiger Tschechen in der Crew. Irgendwann war allen bewusst, dass ich derjenige war, der nicht ohne Bluetooth gesteuerte Heizsocken auskam. So habe ich überlebt. Ich würde nie sagen, dass es die Hölle war. Es war hart. Aber es war immer auch die erfüllendste, glücklichst machende Erfahrung meines Lebens. Ich kam jeden Tag mit einem breiten Lächeln zum Dreh, weil es einfach ein tolles Abenteuer war. Ich konnte in diesem Film eigentlich umsetzen, was ich mir vorgestellt hatte. Ich bin ein glücklicher Mann.

Wozu auch der Dreh in Lappland beigetragen hat, vermute ich.

GIL KENAN: Irgendwie konnte ich die Produzenten überreden, dass wir unbedingt auch in Lappland drehen mussten. Ich dachte mir, das wird bestimmt ein schicker Trip. Aber Mann, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Meine Augen haben sich bis jetzt noch nicht erholt von der unfassbaren Schönheit, die sich mir da präsentierte. Es war intensiv. Das Licht, die Farben, die Größe. Es gab Orte, da konnte ich die Krümmung der Erde sehen, so weit war der Horizont. In dem Moment, in dem ich Lappland betrat, wusste ich, dass ich das Publikum an dieser Schönheit teilhaben lassen wollte. Ich habe das fast noch niemand erzählt, aber ich stellte mir "Ein Junge namens Weihnacht" als Western vor. Es gibt ein Gehöft, einen jungen Mann, der sich in ein Abenteuer begibt, um eine Stadt zu finden, eine Reise durch gefährliches, unendlich weites Terrain. Ich wollte mit der Bildsprache so klar sein, wie es mir möglich war, um diese Idee herauszuarbeiten.

Obendrein ist Ihr Film natürlich auch ein Weihnachtsfilm. Was wollten Sie, dass Ihr Weihnachtsfilm nicht ist?

GIL KENAN: Ich wollte nicht, dass er sich familiär anfühlt. Mir war nicht an den Konventionen gelegen, ich wollte sie auf den Kopf stellen, einmal mit dem Fuß darauf stampfen. Wenn ich Klischees zugelassen habe, dann nur, weil das Klischee in einer Weise präsentiert wird, die sich gegen die gängigen Erwartungen sträubt. Das einzige Merkmal, das ein Weihnachtsfilm kennzeichnen sollte, ist die Tatsache, dass er Ende November in die Kinos kommt und ab 26. Dezember wieder obsolet ist. Ansonsten ist alles erlaubt, was innerhalb dieser Parameter funktioniert. Ich wollte mir keine Grenzen setzen. Weil Grenzen die Magie eines Märchens zerstören. Und ein Märchen war, was ich machen wollte.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.