Kino

"Kultur soll als Sündenbock herhalten"

Mit klaren Worten kritisiert die AG Kino-Gilde aktuelle Pläne, den Ländern Lockdowns für Kulturveranstaltungen zu ermöglichen, während andere, auch potenziell risikobehaftetere, Lebensbereiche verschont bleiben sollen. Auch vor "unverhältnismäßigen Auflagen" wie 2G Plus warnt der Verband.

17.11.2021 13:51 • von Marc Mensch
Christian Bräuer kritisiert eine potenzielle Schlechterstellung der Kultur gegenüber anderen Lebensbereichen scharf (Bild: David von Becker)

Im Vorfeld der morgigen Bund-Länder-Beratungen im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz hat die AG Kino-Gilde die Pläne der potenziellen Ampel-Koalitionäre zur Eindämmung der Pandemie scharf kritisiert. Denn wie bereits berichtet, sollen die Länder nach letztem Stand zwar die Möglichkeit erhalten, Kulturveranstaltungen komplett zu untersagen - unter anderem Gastronomie und Beherbergungsbetriebe sollen von derart radikalen Maßnahmen jedoch ausgenommen bleiben. Ein Vorgehen, das die Kinobetreiber auf die Barrikaden bringt - zumal der Vorstandsvorsitzende des Verbandes gerade Kinos als diejenigen sieht, die bisherige Maßnahmen konsequent umgesetzt hätten.

"Kinos haben das geleistet, was große Flughäfen und Bahnanbieter angeblich nicht können: jeden einzelnen Gast zu kontrollieren. Nun soll die Kultur als Sündenbock dafür herhalten, dass andere Bereiche ihrer Kontrollpflicht nicht nachkommen", so Christian Bräuer. "Theater und Kinos haben in den vergangenen Monaten strikt und engagiert die Umsetzung von 3G- und 2G-Kontrollen und Hygienekonzepten befolgt. Täglich hören wir von unseren Gästen, dass sie bei uns das erste Mal eine Prüfung der Nachweise erlebten."

Unabhängig von den noch nicht finalen Plänen der Politik (und der Tatsache, dass die Länder die ihnen eingeräumte Möglichkeit natürlich nicht ausschöpfen müssen) bereitet den Mitgliedern laut einer Verbandsmitteilung auch die pauschale Warnung vor Veranstaltungen in Innenräumen "große Sorge" - nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass das jeweilige Infektionsrisiko nicht zuletzt aufgrund der Art der Interaktion sehr unterschiedlich sei. Dass Kinos und Theater sichere Orte seien, hätten in der Vergangenheit nicht nur zahlreiche Studien belegt, auch die jüngsten Auswertungen der Warnmeldungen aus der Luca-App (wir berichteten) seien klares Zeichen dafür. Nicht umsonst seien beispielsweise in den Niederlanden Kinos vom aktuellen Teil-Lockdown nicht erfasst.

"Wir haben im letzten November schmerzlich erfahren müssen, dass ein 'Lockdown light', der mehrere Lebensbereiche komplett auslässt, nichts bewirkt und sind sprachlos, dass diese Ungleichbehandlung nun fortgesetzt und sogar verstärkt werden soll", so Bräuer. Die Kinos hätten es gerade erst wieder geschafft, ansatzweise auf die eigenen Beine zu kommen - in dieser Situation wären "unverhältnismäßige Auflagen wie '2G-plus' oder gar erneute Schließungen" nach Einschätzung des Verbandsvorsitzenden "für Viele verhängnisvoll".

"Nach fast zwei Jahren Erfahrungen mit der Pandemie braucht und verdient die Kultur eine differenzierte Betrachtung, die das tatsächliche Gefährdungspotenzial berücksichtigt. In der aktuellen Situation müssen Maßnahmen dort ergriffen werden, wo sie etwas bewirken. Was wir brauchen, ist Planbarkeit, Verlässlichkeit sowie ein klares kulturpolitisches Aufbruchssignal", so Bräuer. Und weiter: "Wenn nun harte Maßnahmen für Kulturbetriebe angekündigt werden, müssen unbedingt sofort auch Förder- und Rettungsprogramme für den ganzen Sektor ausgeweitet und verlängert werden. Denn für viele freie und privatwirtschaftliche Kulturanbieter wäre ein erneuter Lockdown und weitere Verschärfungen der Auflagen fatal."