Produktion

Lena Stahl: "Man spürte, dass die Thematik Resonanz hatte"

Morgen startet das Roadmovie "Mein Sohn" im Verleih von Warner Bros.. Lena Stahl spricht über ihre Arbeit und Herangehensweise als Autorin und Regisseurin und wie sie mit einem enthusiastischem Team und ihrer ­Traumbesetzung ihr Langfilmdebüt realisierte.

17.11.2021 14:03 • von Barbara Schuster
Lena Stahl am Set von "Mein Sohn" mit Titelheld Jonas Dassler (Bild: Warner Bros.)

Morgen startet das Roadmovie "Mein Sohn" im Verleih von Warner Bros.. Lena Stahl spricht über ihre Arbeit und Herangehensweise als Autorin und Regisseurin und wie sie mit einem enthusiastischem Team und ihrer ­Traumbesetzung ihr Langfilmdebüt realisierte.

"Mein Sohn" ist Ihr Langfilmdebüt, das Sie nach eigenem Drehbuch insze­nierten. Warum fiel die Entscheidung auf diesen Stoff?

LENA STAHL: In meinem letzten Jahr an der HFF München arbeitete ich eigentlich an einem anderen Projekt. Das wurde im Lauf der Zeit immer größer und teurer und es zeichnete sich ab, dass es sich als Debüt nicht mehr realisieren lässt. Ich hatte irgendwann das Gefühl, dass ich es weglegen muss, damit ich es mir nicht selbst verderbe, und wollte ganz neu denken. Mir kam eine Schreibskizze in den Kopf, es ging um die Frage, wie man mit der Angst umgeht, die man als Eltern hat, verbunden mit der Tatsache, dass jeder Mensch etwas in sich trägt, über das er nicht gerne spricht, das aber dennoch prägend für eine Biografie ist. Daraus hat sich "Mein Sohn" entwickelt. Ich schrieb meine Idee als Prosatext auf und gab ihn Miriam Düssel von Akzente Film, die ich bereits aus der Zusammenarbeit an dem anderen Projekt kannte, zum Lesen. Es hat auf Anhieb etwas in ihr ausgelöst. Sie ermutigte mich, dranzubleiben und weiterzumachen. So ging es mit allen, die dazu stießen. Man spürte, dass die Thematik Resonanz hatte, etwas anschlug in den Leuten, interessanterweise nicht nur bei Eltern. Jeder hat nun mal eine Mutter...

Die Mutterfigur ist mit feinen Zwischentönen ausgestattet. War es leichter, diese Figur für eine bestimmte Schauspielerin im Kopf zu schreiben?

LENA STAHL: Ich wusste von Anfang an, dass ich unbedingt Anke Engelke für diese Rolle gewinnen wollte. Das war vielleicht ein bisschen exotisch, out of the box gedacht. Aber Anke Engelke hat mein Leben aus der Distanz schon so lange begleitet. Ich habe früher unter Dieter Kosslick bei der Berlinale mitgearbeitet, bin selbst Berlinerin und durch meine Eltern immer schon auf der Berlinale gewesen. Ich weiß noch ganz genau, wie ich bei der ersten Eröffnung dabei sein durfte und Anke moderierte. Sie hat mich begeistert. Sie strahlt eine Eleganz aus, die Humor, Klugheit, Modernität und Internationalität umfasst. Sie ist eine Frau, die mich sofort interessiert hat jenseits dessen, dass sie eine legendäre Comedienne ist. Etwas später sah ich sie in "Wellness für Paare" von Jan Georg Schütte. Diese Mischung aus Humor und Timing, die sie immer beherrscht, gepaart mit einer Verletzlichkeit und direktem Ton haben mich gepackt. Ich habe die Rolle in "Mein Sohn" dann tatsächlich für sie geschrieben und bereits im Exposé-Status an ihre Agentin Marie-Luise Schmidt geschickt. Mit Anke an Bord ist das Projekt dann weiter gewachsen.

Wie packt man eine so leise, auch intime Geschichte mit vielen Schwingungen zwischen den beiden Protagonisten an?

LENA STAHL: Es sollte darum gehen, wie ist es, wenn einen so viel verbindet und gleichzeitig so viel trennt. Dieses Gefühl kenne ich gut aus der Beziehung zu meinen Eltern, jetzt vermischt mit eigenen Muttergefühlen, wobei mein Sohn gerade mal acht Jahre alt ist. Ich folgte auf der einen Seite meinem Instinkt und eigenen Erfahrungen, habe aber auch viele Gespräche mit Eltern erwachsener Kinder geführt, während ich geschrieben habe. Wenn ich etwas schreibe, geht es immer darum, eine ganz eigene Sprache für meine Figuren zu finden. Anke, Jonas Dassler und ich sind deshalb in sehr intensive Proben gegangen, fuhren sogar ein Wochenende zusammen weg, gingen spazieren, kochten gemeinsam und redeten dabei die ganze Zeit über die Figuren, bauten ihnen eine Vergangenheit, improvisierten entlang der Geschichte. Daraus zog ich weitere Impulse. Beim Dreh hielt ich mich aber sehr strikt an mein Buch, es war nicht so, dass auf dem Set improvisiert wurde. Es mag zwar so wirken, die Natürlichkeit und Echtheit war mir auch ein großes Anliegen. Das war allerdings der intensiven Vorbereitung geschuldet.

War es Ihnen auch ein Anliegen bei diesem Projekt eine Produzentin an Bord zu haben?

LENA STAHL: Die rein weibliche Konstellation ist eigentlich eher entstanden, ohne, dass ich explizit danach gesucht hätte. Miriam Düssel war jemand, der ich vertraut habe, weil ich sie schon kannte, und dann kam von Warner mit Steffi Ackermann eine starke Frauenpersönlichkeit hinzu. Gemeinsam mit meiner Editorin, Barbara Gies, waren alle drei mit Feuer dabei, haben mit größtem Engagement um den Film gekämpft. Das war schon ungewöhnlich. "Mein Sohn" ist nicht gerade ein Standardprojekt bei Warner. Aber Steffi hat sehr an das Projekt geglaubt und dessen Potenzial gesehen, auch wenn mein Film "arthousiger" und leiser ist, als die üblichen Warner Filme. Interessant ist, dass eben nicht nur Mütter mit der Geschichte etwas anfangen konnten. Von Jonas, aber auch von vielen anderen Männern aus dem Team und aus meinem Umfeld, habe ich das klar gespiegelt bekommen. Es ist ja auch nicht so, dass der Film nur die Mutter-Perspektive erzählt, er ist sehr ausgeglichen in dem, wessen Blickwinkel er einnimmt. Ich hoffe, dem Zuschauer geht es wie mir, dass man beide Seiten verstehen kann.

Dass Anke Engelke als Mutter zwin­­gend war, haben Sie schon erzählt. Führte auch kein Weg an Jonas Dassler als Sohn vorbei?

LENA STAHL: In der Tat. Ich hatte ihn in "LOMO" gesehen und dann im "Schweigenden Klassenzimmer" - wobei ich ihn zu dem Zeitpunkt bereits besetzt hatte. Ich wusste: Er soll die Titelrolle spielen! Nachdem ich ihn dann auch im Maxim Gorki Theater gesehen hatte, haben wir uns getroffen. Es war so klar für mich... Ich habe selten jemanden erlebt, der so vielschichtig arbeitet, total unvoreingenommen, uneitel, komplett hingebungsvoll an eine Rolle herangeht. Es erfordert eine große Offenheit und Mut, sich so reinzuwerfen. Als ich ihn dann Anke vorgestellt habe und sie ihn spontan in den Arm genommen hat, gab es kein Zurück mehr. Beide kommen aus völlig unterschiedlichen Ecken. Jonas ist ein Theatertier, Anke ist quasi vor der ­Kamera groß geworden. Als wir das Wochenende gemeinsam weggefahren sind, entstand eine sehr interessante Dynamik, weil die beiden so großen Respekt vor dem jeweils anderen hatten und einen ähnlichen Humor teilen, was als Grundlage fantastisch war. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich gegenseitig in allem, was sie taten, mitrissen und auf eine spannende Art herausforderten.

Als Roadmovie waren Sie mit Ihrem Team dann viel unterwegs, glücklicherweise noch vor Corona. Gab es dennoch Herausforderungen zu meistern?

LENA STAHL: Am Tag vor Drehbeginn kam mein Regieassistent Roy Luchterhand und sagte: Ich glaube zu 200 Prozent an dieses Projekt, aber es wird ein Ritt auf der Kanonenkugel. Das wussten wir alle. Wir hatten 30 Drehtage, ein überschaubares Budget, und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Geschichte chronologisch, als echte Reise zu drehen. Hierbei hat mich mein Kameramann Friede Clausz sehr unterstützt, da er es im Buch toll fand, dass Mutter und Sohn immer weiter in die Wildnis fahren, auf Umwege geraten, die nicht geplant sind. Dieses Gefühl wollten wir erreichen und dafür auch Orte finden, wo das möglich ist. Eben mit einem hohen cinematografischen Anspruch. Wir sind alle an unsere Grenzen gegangen, um das zu erreichen. Und es war überhaupt nur möglich, weil wir ein aufeinander eingeschworenes Team vor wie hinter der Kamera waren, das mit dem extra Quäntchen Wahnsinn bei der Sache war.

Stehen einem als Frau, vor allem als Regisseurin, in diesen Zeiten alle Türen und Tore offen, wo die Branche ja mittlerweile sensibler ist? Bzw. der Ruf nach einer Quote hier und da aufflammt?

LENA STAHL: Ich bin schon ein paar Jahre aus der Filmschule raus und habe mich als Autorin gut etabliert. Aber der Regieberuf ist immer noch eine Stufe höher gehängt, was das Vertrauen, vor allem das Zutrauen von Produzenten und Förderern betrifft. Ich bekomme durchaus viele Anfragen, eben weil bei vielen die Quote im Hinterkopf sitzt. Und muss mich teilweise ziemlich ärgern. Zum Beispiel wenn ich gefragt, werde, ob ich auf ein Buch, das eigentlich schon fertig ist, noch einen »weiblichen Blick« werfen könnte. Da sage ich: Nein, ich möchte keinen weiblichen Blick drauf werfen, ich habe meinen eigenen Blick, meine eigene Sprache. Wenn man bei einem Projekt zusammenkommt, gut. Aber ich werde sicherlich kein Projekt auf »weiblich« umtrimmen. Ich sehe dennoch eine große Chance für weibliche Kreative in der Branche, da mittlerweile viele Frauen gerade bei Streamern in entscheidenden Positionen sitzen. Wir brauchen ein Netzwerk von Frauen, die nicht Angst voreinander haben, sondern sich gegenseitig unterstützen und weiter vorantreiben. Es muss endlich Schluss sein damit, den Frauen zu wenig zuzutrauen. Das ist absoluter Quatsch, wenn man sich überlegt, mit welcher Doppel- und Dreifachbelastung Frauen in der Branche unterwegs sind und ihren Job trotzdem und sehr gut machen.

An was arbeiten Sie derzeit?

LENA STAHL: Ich habe unlängst für Netflix an der Miniserie "The Empress" von Katharina Eyssen mitgeschrieben, die gerade gedreht wird. Darüber hinaus stehen zwei Nachfolgeprojekte bei Warner an, ein Kinofilm und eine eigene Serie, auf die ich mich sehr freue. Außerdem war ich ­letztes Jahr mit einem Stoff Teil des eQuinoxe Europe Intl. Screenwriters Workshop, wo das Drehbuch jetzt fertig ist. Ein Projekt, das mich schon lange begleitet und mir sehr wichtig ist. Mein Wunsch ist es, nach skandinavischem oder französischem Vorbild Kino zu machen, das international funktioniert und ein größeres Publikum erreicht - obwohl es unter einem klaren Arthouse-Anspruch entstanden ist. Es ist schade, dass das im deutschen Markt so zweigeteilt daherkommt. Ich sehe mich dazwischen und würde mir mehr Mut zu dieser Art von Filmen hierzulande wünschen. Gerade jetzt, wo viel über die Zukunft des Kinos diskutiert wird und wir auch die Auswertung über die Streamer nicht mehr ignorieren können.

 Das Gespräch führte Barbara Schuster