Kino

Zweiter Österreichischer Film Gender Report: "Von selbst tut sich nichts!"

Unter dem Header "Braucht Film Quote?" präsentierte das Österreichische Filminstitut heute Vormittag seinen zweiten Film Gender Report, der sich auf die Jahre 2017-2019 bezieht. Die Analyse kommt zu einem ambivalenten Ergebnis mit einem eher ausgewogenen Bild im Nachwuchsbereich und einem eher düsteren Bild im etablierten Filmschaffen.

11.11.2021 14:40 • von Barbara Schuster
Echtes Frauenprojekt vor wie hinter der Kamera: Marie Kreutzers "Der Boden unter den Füßen lief im Berlinale-Wettbewerb 2019 (Bild: Salzgeber)

Unter dem Header "Braucht Film Quote?" präsentierte das Österreichische Filminstitutheute Vormittag seinen zweiten Film Gender Report, der sich auf die Jahre 2017-2019 bezieht und den das ÖFI gemeinsam mit dem Institut für Erziehungswissenschaften der Leopold Franzens Universität Innsbruck durchgeführt wurde, und lud dabei österreichische Filmschaffende zu einer Diskussionsrunde ein. Die Analyse kommt zu einem ambivalenten Ergebnis mit einem eher ausgewogenen Bild im Nachwuchsbereich und einem eher düsteren Bild im etablierten Filmschaffen. Zum ersten Mal wurde die Untersuchung nicht nur nach "nackten Zahlen" vorgenommen, sondern auch dahingehend, was sich auf der Leinwand zeigt, wie sich Projekte von Frauen und Männern hinsichtlich der im Film zu sehenden Frauenfiguren unterscheiden. Die renommierte Filmemacherin Sabine Derflinger gehörte zu besagter Runde und fand klare Worte: "Genderungerechtigkeit braucht kurz- bis mittelfristig Regulative. Von selbst tut sich nichts, wie der Genderbericht des Österreichischen Filminstitutes 2021 eindrücklich zeigt. Die Fakten, Daten und die daraus folgenden Einsichten sprechen für sich: Der eingeschlagene Weg für gezielte Gleichstellung muss konsequent weitergegangen werden."

Auf fruchtbaren Boden stieß dabei zunächst einmal der 2017 eingeführte Gender Incentive, der Produktionsfirmen dafür belohnt, wenn weibliche Kreative in unterrepräsentierten Bereichen wie Regie, Produktion oder Kamera zum Einsatz kommen. Im Vergleich zu den Ergebnissen des ersten Film Gender Report, der die Jahre 2012-2016 beleuchtete, gab es in neun der zwölf untersuchten Stabstellen einen Anstieg des Frauenanteils von bis zu 19 Prozentpunkten. Der Gender Incentive erweist sich laut ÖFI somit als langfristig wirkende Maßnahme, die Männer motiviert, ihre männlich dominierten Netzwerke aufzubrechen und mit Frauen zusammenzuarbeiten. Dennoch sei man noch weit davon entfernt, Gender-Equality in Stabstellen zu erreichen. Nur ein Drittel der Regisseure und nur ein Viertel der Produzenten sind Frauen. Gerade in den technischen Bereichen sind Strukturen geschlechtlicher Arbeitsteilung weiterhin vorherrschend, was sich an Frauenanteilen unter der Ein-Fünftel-Grenze in Bereichen wie Licht (fünf Prozent), Ton (zwölf Prozent) und Kamera (19 Prozent) verdeutlicht. "Das Wissen darum, wo wir stehen, welche Zahlen die Realität abbilden, ist essenziell, um Weiterentwicklung überhaupt erst angehen zu können", unterstrich ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner

Neben der - wenn auch erst langsam greifenden - Wirksamkeit des Gender Incentives fiel auch der Blick auf den Nachwuchsbereich positiv aus: Die Förderdaten des Zweiten Film Gender Report offenbaren, dass im Bereich der aufstrebenden Talente eigentlich noch alles im Lot ist, dass die Förderung von Erst- und Zweitfilmen im Vergleich zum etablierten Film geschlechtergerechter ist. 35 Prozent der Fördermittel im Nachwuchsfilm wurden Frauen zugesagt. Das ist ein fast um die Hälfte höherer Anteil als im Filmschaffen von in der Branche schon länger aktiven Kreativen, wo Frauen nur 24 Prozent der Mittel erhielten. Besonders hoch war der Frauenanteil im Nachwuchs-Dokumentarfilm: Hier wurden rund 40 Prozent der Fördermittel an Frauen ausgeschüttet. Die Förderlage im Nachwuchsbereich zeichnet auch deshalb ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis, weil allein schon bei den Anträgen mehr Projekte von mehrheitlich weiblichen Kernteams gestellt wurden: 33 Prozent der Projektanträge im Nachwuchsfilm kamen laut ÖFI von mehrheitlich von Frauen verantworteten Projekten, während es im etablierten Film nur 20 Prozent waren. Dass viele Frauen offenbar nach ihrem ersten oder zweiten Film aus der Branche verschwinden, obwohl sich die Geschlechter in den Film-Unis noch ausgewogen präsentieren, ist nicht neu. Es existiert sogar ein eigener Begriff in der Fachwelt dafür: Leaky-Pipeline-Phänomen. Eine stimmige Erklärung hierfür gibt es in der österreichischen Filmbranche dafür noch nicht - ausreichende Untersuchungen fehlen.

Das eher ausgewogene Bild im Nachwuchsförderbereich verschwindet laut Gender Report im etablierten Filmschaffen. Hier gilt nach wie vor: Je mehr Geld, desto weniger Frauen. Frauen in wichtigen Stabsstellen wie Regie, Drehbuch und Produktion erhielten in den Jahren 2017-2019 nur 25 Prozent aller Kino- und TV-Fördermittel. Für den Bereich der Herstellungsförderung bedeutete dies zwar einen Anstieg von vier Prozentpunkten im Vergleich zum Berichtszeitraum des ersten Reports. Trotzdem gingen große Förderbeträge vor allem an männlich verantwortete Projekte. Zu diesem Punkt äußerten sich zwei renommierte männliche Kreative der österreichischen Szene, Josef Hader und Gregor Schmidinger. Hader sprach sich für eine 50/50-Quote in den Fördergremien aus: "Es geht nicht darum, Filme zu fördern, nur weil sie von Frauen gemacht werden. Es geht darum, eine klare strukturelle Benachteiligung von Frauen in den Fördergremien, den Filmjurys und bei der Bezahlung abzustellen. Daher bin ich für eine Fünfzig-Prozent-Quote in den österreichischen Fördergremien, dann können wir gern wieder über die Freiheit der Kunst reden." Gregor Schmidinger begrüßt Anreize wie den Gender Incentive: "Ich sehe gerade männliche Filmemacher in der Pflicht, sich proaktiv eine Sensibilität für das Thema Gender und Diversity zu erarbeiten. Als Drehbuchautor gewöhne ich mir mittlerweile an, sobald die Geschichte gefunden ist, einen Überarbeitungszyklus nur diesem Gesichtspunkt zu widmen."

Entgegen des ersten Gender Reports beleuchtet die Folgeuntersuchung auch inhaltlich die geförderten Spielfilme. Waren in Projekten von Frauen und Männern annähernd gleich häufig Frauen Hauptfiguren (Spielfilme von Frauen: 57 Prozent; Spielfilme von Männern: 44 Prozent), gab es laut Bericht "bedeutende Unterschiede" in der Darstellungsweise der Protagonistinnen. Knapp 85 Prozent der weiblich verantworteten Filme stellten Frauenfiguren unabhängig von Männern dar, während dies nur 50 Prozent der männlich verantworteten Filme gelang. Detaillierte Inhaltsanalysen, die neben Gender- auch Diversitätsaspekte einbezogen, ergaben, dass die untersuchten Filme von Frauen im eigens entwickelten Inklusionscheck deutlich besser abschnitten als Filme von Männern. "Unsere Analysen belegen: Frauen in Regie, Drehbuch und Produktion sorgen für ausgeglichene Filmteams", betonte Paul Scheibelhofer, Assistenz-Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck und wissenschaftlicher Leiter des zweiten Gender Reports. Während bei weiblich verantworteten Filmen 50 Prozent der anderen Stabsmitglieder weiblich waren, so seien es bei den männlich verantworteten Filmen nur 40 Prozent gewesen. Überdies stellte der Report heraus, dass Filme von Frauen in Regie, Drehbuch und Produktion häufiger an einem Festival teilnahmen und häufiger Preise als männlich verantwortete Filme gewannen. "Frauen produzieren Filme also nicht nur in geschlechtergerechteren Teams, sondern tragen auch zur nachhaltigen Sicherung des künstlerischen Erfolgs des österreichischen Films bei", heißt es in der Schlussfolgerung.

"Mühsam ernährt sich das Eichhörnen", könnte man das Fazit des Zweiten Gender Reports überschreiben. Um eine Beschleunigung in Sachen Gender-Equality zu erzielen, hat das ÖFI dieses Jahr eine Quote beschlossen, die eine 50/50-Verteilung aller Fördermittel der Herstellung, Projektentwicklung und Stoffentwicklung bis 2024 vorschreibt. "Die Quote allein ist sicher zu wenig. Für nachdrückliche Verbesserungen für Frauen in allen Gewerken der Filmwirtschaft müssen Hebel von den verschiedensten Seiten angesetzt werden! Das ÖFI hat schon einige Maßnahmen umgesetzt, es gibt aber noch viele Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht", so Iris Zappe-Heller, stellvertretende ÖFI-Direktorin und Beauftragte für Gender & Diversity, mit Blick in die Zukunft.

Für den zweiten Film Gender Report wurden Förderdaten elf österreichischer Förderstellen analysiert, darunter auch das ÖFI. Im Zeitraum von 2017 bis 2019 sind das 150 Mio. Euro, die an insgesamt 1400 Projekte in Kino und TV gingen. Neben den Förderdaten wurden 160 fertiggestellte Spielfilme mit einem österreichischen Kinostart im Zeitraum von 2012 bis 2019 untersucht, 12 davon in einer Detailanalyse.