Kino

Rawson Marshall Thurber über "Red Notice": "So groß ist Netflix"

Mit "Red Notice" startet am 12. November die bislang größte Filmproduktion von Netflix. Wir sprachen mit Regisseur Rawson Marshall Thurber über seine Actionkomödie mit Dwayne Johnson, Ryan Reynolds und Gal Gadot in den Hauptrollen.

10.11.2021 13:56 • von Thomas Schultze
Eingespieltes Team: Dwayne Johnson und Rawson Marshall Thurber (Bild: Netflix)

Mit Red Notice" startet am 12. November die bislang größte Filmproduktion von Netflix. Wir sprachen mit Regisseur Rawson Marshall Thurber über seine Actionkomödie mit Dwayne Johnson, Ryan Reynolds und Gal Gadot in den Hauptrollen.

"Red Notice" ist ein leichter, schneller Film geworden - was meist nicht einfach zu erzielen ist. War es denn ein harter Dreh?

RAWSON MARSHALL THURBER: Sie haben keine Ahnung. Es war ein unglaublich schwieriger Dreh. Es war der härteste Dreh meiner Karriere, aber ich denke, es ist auch mein bester Film geworden. Es wäre eine echte Herausforderung gewesen ohne eine globale Pandemie. Aber wir bekamen Corona voll ab. Die globale Pandemie traf uns mit voller Wucht mitten im Dreh. Wir mussten ein halbes Jahr unterbrechen. Als wir wieder zusammenkamen, mussten wir herausfinden, wie man einen Film dieser Größe während einer Pandemie drehen soll. Vor uns hatte das noch keiner gemacht. Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen Impfstoff, es gab keine Protokolle. Wir mussten uns alles erarbeiten und Wege finden, die Menschen am Set abzusichern. Etwas stolz bin ich schon, dass wir wegen Covid keinen einzigen Drehtag verloren haben.

Ihr Film ist ein Globetrotter-Abenteuer, spielt an Schauplätzen auf der ganzen Welt. Reisen war doch sicherlich nicht mehr möglich wegen der Pandemie?

RAWSON MARSHALL THURBER: Wir hatten uns das so schön ausgemalt. Alles war vorbereitet. Drehen auf der ganzen Welt. Nichts da. Alles stand zur Disposition. Ich schrieb das Drehbuch noch einmal komplett um, wir dachten den ganzen Film noch einmal neu. Das Schloss San Angelo errichteten wir auf dem Parkplatz des Studios. Wir bauten alle Innenräume auf Studiobühnen. Wir konnten nirgendwo hin. Wir haben alles in Atlanta gedreht.

Fucking hell.

RAWSON MARSHALL THURBER: Das trifft es gut. Fucking. Hell. So war es.

Dabei hatten Sie doch gewiss alle Hände voll zu tun, die Egos Ihrer Stars im Zaum zu halten. Ein Dreh mit drei der größten Stars, das allein ist eine gewaltige Herausforderung.

RAWSON MARSHALL THURBER: Genau das war der Reiz: Ein Film mit drei Stars, deren Namen so groß sind, dass sie jederzeit alleine ausreichen würden, einen Film zu tragen. Das hat mir im Vorfeld schon Kopfzerbrechen bereitet. Vor allem beim Schreiben des Drehbuchs: Man muss höllisch aufpassen, dass jeder von ihnen die Möglichkeit erhält zu glänzen. Man muss eine Balance finden und dafür sorgen, dass jeder von ihnen gleichberechtigt in Aktion treten kann. Jede Rolle muss für sich stark genug sein, einen Film zu tragen. Das ist der Witz bei der Sache. Wenn man diese Nuss geknackt hat, ist man auf der sicheren Seite. Weil es darüber hinaus nur langweilige Sachen zu erzählen gibt: Dwayne, Ryan und Gal sind hinreißend, alle drei sind freundlich, großzügig. Sie sind immer gut vorbereitet, immer bereit, sie wollen immer das Beste für den Film. Jeder von ihnen nimmt die Arbeit ernst, ohne sich selbst besonders ernst zu nehmen. Damit kann man als Regisseur gut leben.

Nach Central Intelligence" und Skyscraper" ist es Ihr dritter Film mit Dwayne Johnson. Was zeichnet ihn aus - und wie hat sich ihre Arbeitsbeziehung im Lauf der Filme entwickelt?

RAWSON MARSHALL THURBER: Für mich waren es drei Filme hintereinander mit ihm, insgesamt siebeneinhalb Jahre Arbeit. Natürlich bleibt es da nicht nur bei einer Arbeitsbeziehung. Wir sind längst gute Freunde, treffen uns längst regelmäßig, unsere Kids besuchen dieselben Schulen. Aber für die Filme ist das ja ohne Belang. Ich sehe in ihm einen klassischen Filmstar der alten Schule. Wenn man die Kamera im richtigen Winkel mit dem richtigen Objektiv an ihn ranfährt, dann macht es einfach Peng. Das kann man nicht mit künstlichen Mitteln herstellen, das kann kein Spezialeffekt. Klar gibt es Schauspieler mit größerer Bandbreite, vielleicht sogar größerem Talent. Aber sie sind keine Filmstars. Dwayne Johnson ist ein Filmstar. Mit viel Charisma und einem großen Herz. Und ich liebe Filmstars. Das macht meine Arbeit mit ihm zu einer großen Freude.

Er ist ein wandelnder Superlativ, reklamiert stets das Größte und Beste für sich. Setzt Sie das unter Druck?

RAWSON MARSHALL THURBER: Er ist eine der größten Berühmtheiten der Welt. Man darf nicht vergessen, dass er außerhalb seiner Filmaktivitäten einem gesamten Imperium vorsteht. Wenn man auf einer Augenhöhe mit ihm sein will, dann muss man die Herausforderung annehmen, ihm Herausforderungen anzubieten. Er will sich als Schauspieler nicht mit jedem Film neu erfinden, aber er will doch immer etwas Neues bringen, Dinge, die er noch nicht gemacht hat.

Weshalb "Red Notice" ein ideales Vehikel für ihn ist?

RAWSON MARSHALL THURBER: Er spielt seine Rolle ganz straight, verzieht keine Miene. Ich fand es köstlich. Er macht sich lustig über den Archetypen, mit dem man ihn immer verbindet: der aufrechte Held mit dem stählernen Kiefer - bis, naja, da muss man sich den Film selbst ansehen.

Ryan Reynolds ist als Typ das ziemlich genaue Gegenteil von Dwayne Johnson. Waren Sie sich sicher, dass das funktionieren würde?

RAWSON MARSHALL THURBER: Genau deshalb war ich mir sicher, dass es funktionieren würde. Gegensätze ziehen sich an. Ich hatte Lust darauf, die beiden mit ihrem unterschiedlichen Temperament vor die Kamera zu stellen, weil ich überzeugt war, dass sie sich gegenseitig beflügeln würde. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sie einander seit 20 Jahren kennen und gut befreundet sind und unbedingt einmal zusammen vor der Kamera stehen wollten. Von der ersten Szene an war uns klar, dass die Chemie stimmte. Ryan kann glänzen, weil er sich an Dwayne abarbeiten kann, der wie eine Mauer ist. Wenn es diese Mauer nicht gäbe, hätte Ryan auch nichts gehabt, wogegen er anspielen kann. Das hat prima gepasst. Und wer weiß, was sich daraus noch entwickeln lässt, richtig?

Würde "Red Notice" regulär im Kino starten, wäre der Film eines der Ereignisse des Jahres. Aber er startet bei Netflix. Blutet Ihnen das Herz?

RAWSON MARSHALL THURBER: Nicht wirklich. Es ist mein erster Film für Netflix, und ich hoffe, dass noch viele folgen werden. Zwei Dinge gefallen mir sehr gut: Es ist schön, nicht die Panik haben zu müssen, die sich im Kino kurz vor dem Startwochenende zwangsläufig einstellt. Mehr noch zählt für mich aber, dass ich mich als Filmemacher begreife, der sein Publikum unterhalten will. Und zwar ein möglichst großes Publikum. Dafür ist Netflix eine optimale Plattform. An den ersten drei Tagen werden mehr Menschen "Red Notice" sehen, als meine kompletten Filme zusammen während ihrer kompletten Kinoauswertung geschafft haben. So groß ist Netflix. Wenn man als Geschichtenerzähler das Ziel hat, so viele Menschen wie möglich zu unterhalten, dann ist Netflix der einzige Ort in der Stadt, wo das möglich ist.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.