TV

"1899" vor Drehschluss: Maximum Volume

Nach einem halben Jahr Dreharbeiten steht die achtteilige Netflix-Miniserie "1899" von Jantje Friese und Baran bo Odar kurz vor der letzten Klappe: Revolutionär ist nicht nur der durch und durch europäische Gedanke der Serie, sondern auch ihre Umsetzung im ersten LED-Volume Europa in Studio Babelsberg.

04.11.2021 10:39 • von Jochen Müller
Am Set von "1899" (Bild: Netflix)

Nach einem halben Jahr Dreharbeiten steht die achtteilige Netflix-Miniserie 1899" von Jantje Friese und Baran bo Odar kurz vor der letzten Klappe: Revolutionär ist nicht nur der durch und durch europäische Gedanke der Serie, sondern auch ihre Umsetzung im ersten LED-Volume Europa in Studio Babelsberg.

Im November 2018 hatte das Filmemacherpaar Jantje Friese und Baran bo Odar noch während der Dreharbeiten an der zweiten Staffel von Dark" im Rahmen ihres Overalldeals mit Netflix "1899" als ihre nächste Arbeit angekündigt. Eine epische und wie von den beiden gewohnte geheimnisvolle Saga über ein Dampfschiff auf Überfahrt von London nach New York, hieß es damals. Bei den Passagieren handelt es sich um Auswanderer aus ganz Europa, die von einer besseren Zukunft in der Fremde träumen. Unterwegs stoßen sie auf ein zweites Migrantenschiff, das auf offener See treibt. Drei Jahre später steht das Mammutprojekt kurz vor Drehschluss. Im Mai war die erste Klappe gefallen: Sechs Monate haben die Dreharbeiten zu dem Achtteiler gedauert, "durch und durch europäische Geschichte", wie Friese im Exklusivinterview mit BF anlässlich des Drehstarts gesagt hatte: "Es ist eine (...) Mystery-Show, die sich vor dem Zuschauer wie ein interessantes Puzzle ausbreitet. Wir spielen wieder mit Ideen und Erwartungen." Und verriet nicht mehr über Inhalt und Plot.

Als Netflix und die von Odar und Friese neugegründete Produktionsfirma Dark Ways - nomen es omen - die Presse im August auf halbem Drehweg zu einem Setbesuch nach Studio Babelsberg einlud, erfuhr man nichts Neues zum Inhalt. Es fragte auch keiner danach. Weil es um etwas ganz Anderes ging. Man wollte die Dark Bay sehen, das in Europa erste LED-Volume, das man als permanente Einrichtung in einer Halle des Traditionsstudios installiert hat. "1899" ist entsprechend die erste europäische Produktion, die zu großen Teilen in einem eigens für diese Zwecke in Studio Babelsberg in einer LED-Volume gedreht wurde, eine revolutionäre, neue Art des Filmens, die letztlich die Grundidee der Rückprojektion aufgreift und technologisch auf den heutigen Stand der Dinge bringt: Anders als bei der heute gängigen Produktionsweise, mit den Schauspielern vor einer Green-Screen zu drehen und die Hintergründe in der Postproduktion einzufügen, sorgt eine 270 Grad gebogene, 55 Meter lange und sieben Meter hohe LED-Wand, die aus 1470 leistungsstarken LED-Panels sorgt, für realistisch wirkende 2D- oder 3D-Hintergründe, vor denen die Schauspieler in normalen Kulissen spielen können. Vor diesem riesigen Bildschirm findet sich im Innenbereich des Studios ein motorbetriebener Drehteller mit 21 Meter Durchmesser, der das Filmen von realen Sets aus verschiedenen Blickwinkeln ermöglicht. Auf diese Weise werden physische Raum-Limitierungen der LED-Wand überwunden und Umbauzeiten erheblich verringert. In nur drei Minuten können komplette Sets gedreht werden.

Die Technologie ist so neu, dass Jantje Friese und Baran bo Odar noch gar nicht damit geplant haben konnte, als sie "1899" vor drei Jahren als Projekt ankündigten. Erstmals zum Einsatz war ein LED-Volume beim Dreh der Disneyserie The Mandalorian" gekommen - und hatte sofort die Aufmerksamkeit von Baran bo Odar geweckt, der den Dreh vor Green-Screen nach eigenem Bekunden "hasst" und immer nach Möglichkeiten sucht, soviel wie möglich tatsächlich "in camera" zu drehen.

Das Dark Bay Virtual Production Studio wird betrieben von der Dark Bay GmbH, gegründet im vergangenen Jahr von Frieses und Odars Dark Ways GmbH zusammen mit der Studio Babelsberg AG. Förderung gab es durch Mittel des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Energie des Landes Brandenburg (MWAE). Wirklich ermöglicht wurde die Investition indes durch eine langfristige Abnahmezusage von Netflix. Allerdings können auch andere Produktionsfirmen und Filmemacher die Dark Bay buchen, nachdem "1899" abgedreht ist. "Als wir angefangen haben, war alles Theorie", sagt Produzent Philipp Klausing, als Managing Director der Dark Ways auch verantwortlich für die Dark Bay. "Es gab eine Produktion, die vollumfänglich in einem Volume gedreht hat, wo man aufgrund der Reisebeschränkungen ohnehin nicht hinfahren konnte. Es gab kein Studio, das man sich überhaupt ansehen konnte. Vor einem Jahr war es uns möglich, in London einen Test zu machen, weil dort VFX Artists vor Ort waren, die bereits Erfahrung mit der Technik hatten. Das hat uns sehr geholfen, weil danach die Klarheit bestand, dass wir tatsächlich in einem Volume drehen wollten." Während man darauf wartete, dass das Volume in Studio Babelsberg tatsächlich errichtet wurde, folgte eine weitere theoretische Phase, in der Dark Ways von der Firma Framestore unterstützt wurde, mit Hilfe von VR-Techniken, die entwickelt wurden, um ein Volume zu simulieren.

Angefangen hatte die Reise in einem sehr kleinen Kreis. "Bo war es, der uns mit dieser Idee konfrontierte", erinnert sich Klausing. "Dann muss man erst einmal herausfinden, ob eine Umsetzung möglich ist, wie sie möglich sein kann. An wen wendet man sich am besten? Wie viele andere auch sind wir Neulinge in diesem Geschäft. Wir haben ganz konkret nach einem stabilen Partner auf Visual-Effects- Seite gesucht, der eine gewisse Größe hat und die nötige Expertise mitbringt, um das zu bedienen. Da wird das Feld sehr schnell sehr dünn. Es gibt vielleicht fünf große Firmen, die in Frage kommen könnten. Framestore gehört dazu. Und da stimmten nicht nur die technischen Voraussetzungen, sondern auch die Chemie." Nachhaltige Unterstützung gab es auch von Netflix. Netflix hat ein eigenes Department in Los Angeles, das sich mit der Entwicklung von digitalen Produktionsformen beschäftigt. "Auch auf deren Expertise konnten wir jederzeit zurückgreifen und wurden auch mit den richtigen Leuten verknüpft", sagt Klausing. Das war der nötige Katalysator, um die Realisierung der Dark Virtual Production Stage in der knappen zur Verfügung stehenden Zeit möglich zu machen. Der Produzent fügt hinzu: "Nicht unerwähnt bleiben sollten unsere alten Partner von ARRI, weltweit Marktführer in der Kamera- und Linsentechnik. Auch sie stiegen früh in das Projekt ein und haben uns angeboten, uns bei der Look-Findung zu unterstützen. Wir haben sonst auf sphärischen Linsen gedreht, die Technik hier bedingt jedoch den Einsatz von Anamorphotischen-Linsen. ARRI bot sich an, uns spezielle Linsen nach unseren Anforderungen bereitzustellen. Am Ende war es eine eng verzahnte Kooperation mehrerer Unternehmen, die es möglich gemacht hat, dass wir das überhaupt schaffen konnten."

Große Verantwortung ruht auf den Schultern von Kameramann Nikolaus Summerer, der seit Baran bo Odars Spielfilmdebüt Unter der Sonne" im Jahr 2006 mit Ausnahme von dessen einmaligem Hollywoodausflug, "Sleepless: Eine tödliche Nacht", alle Arbeiten des Filmemachers als DoP begleitet hat: "Es ist eine umfangreiche Technik, die sehr sehr neu ist. Als Bo auf mich zukam und mir sagte, er wolle große Teile seiner neuen Serie in einem Volume drehen, gab es gerade einmal ein Projekt, das auf diese Weise umgesetzt worden war." Summerer versuchte zunächst einmal, so umfangreich wie möglich zu recherchieren und betrachte, die Arbeit aussehen kann und was man braucht, um ein solches Ergebnis zu erzielen. "Ich habe alles aufgesaugt, was ich zu dem Thema gefunden habe: Making ofs, Blogs, Podcasts", erklärt er. "Zudem habe ich mich mit möglichst vielen Leuten ausgetauscht, die bereits Erfahrungen mit dem Dreh in einem Volume gemacht hatten. Ganz radikal neu ist die Technik ja nicht: Rückprojektionen werden seit Jahrzehnten im Kino verwendet, bei Auto- oder Zugfahrten beispielsweise. Die Arbeit in einem Volume ist eine Fortentwicklung dieser bekannten Technik, allerdings viel komplexer und aufwändiger - und im Ergebnis dann auch entsprechend viel überzeugender und glaubwürdiger." Es sei nicht so, dass man einfach anfangen könne, in einem Volume zu drehen, betont Summerer: " Man muss diese Technik erlernen. Man muss verarbeiten, worin die Möglichkeiten bestehen und wo die Limitierungen sind." So beschreibt er: "Die LEDs des Volume sind nur rot, grün und blau. Mit dieser Mischung lässt sich nur eine bestimmte Anzahl an Farben erzeugen. Als Menschen sind wir sehr sensibilisiert für die Nuancen, wie wir sie aus der Natur kennen, und die können wir im Volume aktuell nur begrenzt darstellen. Das müssen wir dann kompensieren in der Art und Weise, wie wir die die Einstellungen aufnehmen oder weiteres Licht in der Postproduktion zuführen, um den naturalistischen Look zu erzielen, den ich anstrebe.". Summerer winkt ab bei der Frage, ob es bei "1899" um ein "Dark 2.0" handeln werde: "Es gibt eine klare Vorstellung, was wir umsetzen wollen, was sich auch an den Parametern der Geschichte festmacht: das Schiff, die Zeit. Der Look wird zwar ebenfalls eher düster sein, was im Wesen der Erzählung liegt, aber die Herangehensweise ist anders. Das Ziel ist sicherlich auch hier, große Bilder zu erschaffen, die Kino atmen."

Wie Nikolaus Summerer sind auch Baran bo Odar und Jantje Friese bislang euphorisch, was die Arbeit in der Dark Bay anbetrifft, die Möglichkeiten und daraus resultierenden Herausforderungen. Odar räumt ein, dass es ermüdend sei, wenn man den ganzen Tag mit Maske inszenieren müsse. Aber sonst mache ihn der Dreh sehr glücklich. "Als wir angefangen haben, hatten wir große Pläne für den Dreh im Volume - ohne zu wissen, ob das überhaupt klappen wird", sagt er und teilt damit die anfänglichen Sorgen von Produzent Phillip Klausing. "Es war ein Sprung ins kalte Wasser: Man muss in einem Volume stehen, sich darin bewegen und arbeiten, um es zu verstehen. Man lernt jeden Tag dazu, weiß irgendwann, was man machen kann und was nicht und wie man es am besten macht. Es war für mich und alle anderen so, als würden wir Filmemachen noch einmal ganz neu lernen." Nach Odars Erfahrung lassen sich selbst komplizierte Sets, die ihm im Vorfeld Kopfzerbrechen bereitet hatten, überzeugend umsetzen. Er gibt aber auch zu bedenken: "Es ist Teil einer neuen Machart, die sicherlich nicht jeder Film oder jede Serie braucht. Aber wenn man Welten erschaffen will, die es entweder gar nicht gibt wie in der Science-Fiction oder in ferner Vergangenheit liegen wie in unserem Fall, ist das Volume eine ideale Spielwiese. Für einen kleinen Roadmovie würde ich es nicht empfehlen."

Auch als Autorin profitiert Jantje Friese von der Arbeit mit dem Volume: "Ich finde interessant, dass uns schon in der Vorbereitung stark beeinflusst hat, was wir an neuem Wissen dazugewonnen haben. Man fängt wirklich an umzudenken, man denkt Szenen anders, weil mehr möglich ist. Man scheut sich nicht mehr, richtig groß zu denken: Ein Maschinenraum mit zwanzig Kohleöfen? Kann man machen. Muss man aber natürlich auch nicht: Wenn man verstanden hat, wie sie funktioniert, kann man sein Denken als Autor den Möglichkeiten des Volume anpassen." Und sie meint: "Wir betrachten "1899" auch als Pilotprojekt, bei dem viel experimentiert und herumprobiert wird. Mit jedem Set, das wir neu in das Volume stellen, müssen wir neu austarieren, was genau geht. Wie funktioniert das? Was muss man eventuell doch noch einmal anfassen? Wie wirkt sich das Gedrehte auf den Schnitt aus? Gerne wüssten wir jetzt schon, wie die Postproduktion sich genau gestalten wird. Aber es gibt einfach noch zu viele Unwägbarkeiten. Wir tasten uns selbst mit jedem Schritt ein Stück weiter und lernen dazu." Wie lang sich die Postproduktion hinziehen wird, lässt sich aktuell noch nicht abschätzen, wie Odar anmerkt: "Die Techniker von "The Mandalorian" haben uns wenig Hoffnung gemacht, dass man durch das Material aus der Volume Zeit bei der Postproduktion gewinnt. Es ist nicht so, dass all das, was in camera gedreht wurde, anschließend nicht mehr angefasst werden müsste. Bei Nahaufnahmen, in denen der Hintergrund nur verschwommen zu sehen ist, hat man weniger Probleme. Aber Weiten müssen immer wieder angegriffen, Kleinigkeiten verändert werden, weil doch vieles nicht optimal aussieht." Fest steht aktuell nur, dass "1899" in der zweiten Hälfte von 2022 bei Netflix an den Start gehen soll. Und dass die Dark Bay hiermit standesgemäß eröffnet ist.

Thomas Schultze