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Sascha Keilholz zu IFFMH: "Nicht in Selbstverständlichkeiten denken"

Das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg feiert 70. Geburtstag. Leiter Sascha Keilholz sprach mit uns über die Besonderheiten und Höhepunkte des Programms und wie ein Festival jung bleibt. Es startet am 11. November.

05.11.2021 06:50 • von Heike Angermaier
Sascha Keilholz (Bild: Florian Greiner)

Das zweitälteste Filmfestival Deutschlands, das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg, feiert 70. Geburtstag. Leiter Sascha Keilholz sprach mit uns über die Besonderheiten und Höhepunkte des Programms und wie ein Festival jung bleibt. Es startet am 11. November.

Glückwunsch zum 70. Jubiläum! Wie feiern Sie es?

SASCHA KEILHOLZ: Vielen Dank! Mit vielen Sondersektionen und Ehrengästen, in allen Kinobetrieben beider Städte. Befreundete Festivals aus aller Welt besuchen uns und stellen Highlights ihrer Programme vor, mit der Film Experience erweitern wir unser Filmangebot; erstmals gibt es auch wieder kurze und mittellange Filme. Die Retrospektive setzt sich mit der eigenen Festivalgeschichte auseinander.

Wie halten Sie das Festival frisch und richten es für die Zukunft aus - auch im Hinblick auf die zahlreiche Festivalkonkurrenz?

SASCHA KEILHOLZ: Wenn uns die Pandemie eines gelehrt hat, dann, dass es keine Gewissheiten gibt und Flexibilität mehr denn je gefragt ist. Zum einen gilt es, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen und nicht in Selbstverständlichkeiten zu denken. Da hilft ein progressives Team. Zum anderen ist vielen jetzt vielleicht besonders klar geworden, dass die Filmbranche, eigentlich die ganze Kulturbranche, aufeinander angewiesen ist. Da gilt es, Kräfte zu bündeln und gemeinsam für Kinokultur einzustehen. Wir betonen das Kino- und Gemeinschaftserlebnis, das Festival als Ort des Austauschs. Mit den Filmen und Ihren Künstler*innen im Fokus. Wir stärken gleichzeitig unseren Markenkern, das frühe Entdecken und Fördern von Talenten. So können wir in die Zukunft gehen.

Vergangenes Jahr sagten Sie, sie freuen sich vor allem darauf, Gäste aus aller Welt zu begrüßen. Wer wird kommen? Auf wen freuen Sie sich besonders?

SASCHA KEILHOLZ: Tatsächlich möchten über 100 Gäste kommen, wenn es die Umstände erlauben. Wir haben bereits Reisen aus Südamerika und Asien in die Wege geleitet. Wir freuen uns auf unsere Ehrengäste Andrea Arnold, Bettina Brokemper, Claude Lelouch und Guillaume Nicloux; viele junge weibliche Talente wie Alina Grigore, die mit "Blue Moon" den Gewinner-Film aus San Sebastián vorstellt und etablierte Filmemacher wie Nadav Lapid mit "Aheds Knie" oder Mathieu Amalric, der seine neueste Regiearbeit, Für immer und ewig" mitbringt. Spannend finde ich auch, dass mit Antoinette Boulat eine weltbekannte Casterin ihren Debütfilm als Regisseurin präsentiert.

Was sind Ihre persönlichen Favoriten im Programm?

SASCHA KEILHOLZ: Mir gefällt tatsächlich das Programm in seiner Diversität. Das gilt für den Wettbewerb On the Rise, aus dem ich jetzt niemanden hervorheben möchte, wie für die anderen Sektionen. Da steht ein surrealer hypnotischer Fiebertraum wie "Earwig" von Lucile Hadzihalilovic neben einem Märchen wie Petite Maman" von Celine Sciamma, einem epischen philippinischen Actionkracher wie "On the Job : The Missing 8" von Erik Matti, klassischem Erzählkino wie Stephane Brizes "Un autre monde" und einem semidokumentarischen homoerotischen Bilderrausch wie "El Fulgor", den wir als Weltpremiere zeigen. In der Retrospektive und den Hommagen gibt es Wiederentdeckungen wie Vera Chytilovas Von etwas anderem", den restaurierten Dokumentarfilm "O Movimento des Coisas" von Manuela Serra, Gérard Blains "Un enfant dans la foule" auf 35mm oder das Musical Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen" von Claude Lelouch.

Sie sind im vergangenen Jahr als Festivalleiter neu angetreten und mussten online gehen. Was waren die wichtigsten Learnings?

SASCHA KEILHOLZ: Sehr gut war, dass unser Konzept und Programm auch als Onlineausgabe auf eine ausgezeichnete Resonanz gestoßen ist. Und wir sind auch digital oder telefonisch mit unserem Publikum ins Gespräch bekommen. Aber natürlich ist der direkte Kontakt zwischen Publikum, Künstler*innen und Team nicht zu ersetzen. Darauf freuen wir uns riesig. Die Learnings sind eher interner, logistischer Natur, was Abläufe und Prozesse in einer solchen Ausnahmesituation anbelangt. Und sie sind technischer Natur. Unser Onlineangebot IFFMH Stream beispielsweise haben wir für die Jubiläumsausgabe optimiert.

Sie zeigen das Programm im Kino und teils Online. Ist das eine Übergangslösung oder soll es auch in den kommenden Ausgaben so bleiben?

SASCHA KEILHOLZ: In Zeiten der Planungsunsicherheit ist das Online-Angebot auch eine Absicherung, die sich im vergangenen Jahr ausgezahlt hat. Zudem ist es ein inklusives Angebot. Den Schwerpunkt eines Internationalen Filmfestivals mit exklusiven Filmen sehe ich auch in der Zukunft vornehmlich im Kino. Ein ergänzendes Onlineangebot im richtigen Rahmen kann aber sinnvoll sein.

Wie läuft der Vorverkauf?

SASCHA KEILHOLZ: Aktuell planen die Zuschauer*innen verständlicherweise etwas vorsichtiger und kurzfristiger als vor der Pandemie. Ab dem 5. November öffnen unsere Vorverkaufsstellen und dann gehen auch unsere Festivalpässe in den freien Verkauf, für die es eine rege Nachfrage gibt. Dann dürfte der Vorverkauf an Fahrt aufnehmen. Einzelne Veranstaltungen sind allerdings jetzt schon beinahe ausverkauft.

Die Fragen stellte Heike Angermaier