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Julia von Heinz würdigt Tatjana Turansky

Am gestrigen Abend erhielt Julia von Heinz den Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt ihr "Filmvater" Rosa von Praunheim. In ihrer Dankesrede würdigte die Regisseurin ihre am 18. September verstorbene Kollegin Tatjana Turansky.

29.10.2021 13:19 • von Thomas Schultze

Am gestrigen Abend erhielt Julia von Heinz den Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt ihr "Filmvater" und langjährige Wegbegleiter Rosa von Praunheim. In ihrer Dankesrede würdigte die Regisseurin die am 18. September verstorbene Filmemacherin Tatjana Turansky. Lesen Sie die Rede hier im Wortlaut.

Ich möchte diesen Preis der Filmemacherin Tatjana Turansky widmen, die am 18. September gestorben ist und uns schmerzlich fehlt. Ihr Einfluss wird das Filmemachen in Deutschland dauerhaft entscheidend verändern.

Alles begann mit dem Artikel "Beruf: Regisseurin" von Ellen Wietstock im Jahr 2013 in der filmpolitischen Zeitschrift Black Box. Sie war die erste, die auf die Idee kam, die Fördermeldungen der zurückliegenden Jahre einmal auf eine Frauenquote hin auszuzählen. Die Zahlen trafen uns schwer. Nicht einmal ein Fünftel der Gelder gingen an Projekte mit einer Regisseurin.

Wir - das waren damals Annette Ernst, Katinka Feistl, Tatjana Turanskyj, Verena S. Freytag, Maris Pfeiffer, Esther Gronenborn, Imogen Kimmel und ich - begannen uns im kleinen Kreis zu mailen: War es möglich, dass wir, die wir uns jede einzeln mühsam von Film zu Film hangelten oder seit Jahren arbeitslos waren, gar nicht individuell scheiterten? Konnte es sein, dass eine strukturelle Benachteiligung vorlag?

Wir begannen, Listen anzulegen: Mit wie vielen Frauen hatte der ZDF-Redakteur XY in den letzten 30 Jahren zusammengearbeitet? Mit wie vielen diese Redakteurin einer ARD-Anstalt? Je mehr Listen, wir erstellten, desto klarer trat die Wahrheit ans Licht: Viele Fernsehredakteur*innen hatten noch nie mit einer Frau gearbeitet. Ihre Frauenquote lag bei 0 Prozent. Und wir hatten uns ernsthaft seit Jahrzehnten einreden lassen, dass wir zu 0 Prozent fähig waren, das Herzkino im ZDF, eine vernünftig ausgestattete Kino-Koproduktion, das Aktenzeichen XY oder den Bayerischen Tatort zu inszenieren.

Dieser Mailverkehr und die Protokolle, die auf unsere ersten Treffen in diesem Kreis folgten, werden das Filmschaffen in Deutschland auf Dauer verändern und verbessern. Sie stellen eine Zäsur in der deutschen Filmgeschichte dar, so wie damals das Oberhausener Manifest, das Papas Kino für tot erklärte. Sie legten den Grundstein zur Gründung von Pro Quote Film und sind seit diesem Jahr Teil der Sammlung der Deutschen Kinemathek.

Wir würden ab jetzt nicht mehr betteln, uns bewerben, Absagen verwinden, jede einzeln und für sich. Wir würden ab jetzt zusammenstehen. Wir würden Zahlen sprechen lassen und Zahlen fordern in Form einer Quote für Gelder und für Aufträge.

Prägend in diesem Gründungsprozess war die Filmemacherin Tatjana Turansky. Denn wie hoch sollte unsere Quotenforderung sein? Hier kam es bei unserem ersten Treffen zu einem Dialog zwischen mir und Tatjana, für den ich ihr bis heute dankbar bin. Circa eine Verdopplung, dachte ich. Das wären 32 Prozent aller Aufträge in den nächsten zehn Jahren. Das kam mir, das kam uns angemessen vor. Und es war Tatjana, die fragte WARUM? Wie kommt Ihr denn auf 32 Prozent, wo wir doch 50 Prozent der Menschheit sind? "Aber wir können doch nicht..." "Wird man uns ernst nehmen, wenn wir...?" "Und was wird man über uns denken, wenn wir plötzlich...?"

"Diese Sorgen haben uns bis hierhergebracht", sagte Tatjana. "Und wenn wir etwas erreichen wollen, dann muss es uns scheißegal sein, was andere von uns denken. Wir fordern ab jetzt das, was uns zusteht."

An diesem Tag wurde die Gründung von Pro Quote Regie beschlossen. Daraus folgten ein jährlicher Diversitätsbericht, der Zahlen veröffentlicht, und schließlich Pro Quote Film, dem heute Frauen aller filmischen Gewerke angehören. Seit 2013 geht es ganz langsam nach oben. Unsere Forderung beschäftigt Politik, Gremien und Auftraggeber. Bei 50 Prozent sind wir heute, fast zehn Jahre später noch lange nicht und auch nicht bei 32 Prozent.

Aber der Kampf geht weiter, liebe Tatjana, bis wir die Hälfte erreicht haben. Wir müssen niemandem gefallen. Wir müssen einfach nur unsere Filme machen können, vielschichtiger, komplexer, diverser, sprich. besser als alles was bisher war, werden sie sein.