Kino

KOMMENTAR: Die eine Konsequenz

Dass an einem Filmset im Jahr 2021 tatsächlich noch mit echten Waffen hantiert wird, dass sich an Filmsets im Jahr 2021 offenbar nicht nur echte Waffen, sondern auch scharfe Munition stets in greifbarer Nähe befinden, ist die grundliegend erschütternde Erkenntnis aus den tragischen Ereignissen vom Dreh des Westerns "Rust" in Santa Fe.

28.10.2021 07:37 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Dass an einem Filmset im Jahr 2021 tatsächlich noch mit echten Waffen hantiert wird, dass sich an Filmsets im Jahr 2021 offenbar nicht nur echte Waffen, sondern auch scharfe Munition stets in greifbarer Nähe befinden, ist die grundliegend erschütternde Erkenntnis aus den tragischen Ereignissen vom Dreh des Westerns "Rust" in Santa Fe.

Wären echte Waffen von Filmdrehs generell verbannt, müsste man jetzt nicht einen sinnlosen Verlust menschlichen Lebens beklagen. Ein Junge hätte jetzt noch eine Mutter, wenn sich diese doch so simple Erkenntnis wie selbstverständlich durchsetzen würde. Man kann nur hoff en, dass der sinnlose Tod von Halyna Hutchins dafür sorgen wird, dass in dieser Hinsicht konsequent gehandelt wird. Das ist unterm Strich die eine Konsequenz, die man mitnehmen sollte. Das macht die 42-jährige Kamerafrau nicht wieder lebendig, aber es würde zumindest ein klares Zeichen gesetzt werden, dass man aus einer Verkettung tragischer Umstände lernt: Auf diese Weise soll niemand mehr sterben müssen. Gibt es mehr dazu zu sagen?

Zumindest solange nicht, bis nicht zweifelsfrei feststeht, wie genau scharfe Munition in die Waffe kam, die Alec Baldwin bei Proben zwischen zwei Einstellungen in der Hand hielt und aus der sich der tödliche Schuss löste. Man muss nicht in Promimagazinen geifernd darüber schreiben, wie der Sohn von Halyna Hutchins reagiert hat, als er vom Tod seiner Mutter erfuhr. Der Zeichner von Bild muss sich nicht vorstellen, wie das ausgesehen haben könnte, als Alec Baldwin den Revolver in Richtung Kamera hielt. Es müssen nicht zahllose heuchlerische Beileidsbekundungen Fremder in die sozialen Medien geblasen werden. Es spielt keine Rolle, ob sie eine begnadete Kamerafrau war oder nicht: Es lädt den Verlust ihres Lebens nicht mit zusätzlicher Bedeutung auf.

Ebensowenig ist es von Belang, was Kreti und Pleti von Alec Baldwin halten mögen. Was immer er auch in seiner Vergangenheit getan oder nicht getan haben mag, es hat nichts damit zu tun, was am 21. Oktober vorgefallen hat. Man muss nicht scheinheilig so tun, als wäre es ein Unding, dass eine Low-Budget-Produktion mit 21 Drehtagen unter Zeitdruck entsteht, oder dass es eine Unverschämtheit der Produzenten gewesen wäre zu versuchen, den engen Zeitplan einzuhalten. Und man muss sich nicht auf ein Podest stellen und einen Fehler im System suchen, als würden fatale Unfälle mit Feuerwaffen laufend an Filmsets passieren: Vor Halyna Hutchins ist in den letzten 30 Jahren nur ein Fall bekannt, der unsinnige und traurige Tod von Brandon Lee am Set von The Crow".

Künftig dürfen funktionale Feuerwaffen konsequent nicht mehr bei Filmdrehs eingesetzt werden. Das ist unterm Strich die eine Konsequenz, die man mitnehmen sollte. Mehr gibt esnicht zu sagen.

Thomas Schultze, Chefredakteur