Produktion

Michael Steiner: "Ich habe für diesen Film gekämpft"

Der erfolgreiche Schweizer Filmemacher Michael Steiner über die lange Entstehungsgeschichte von "Und morgen seid ihr tot", der heute im Verleih von Disney in den Schweizer Kinos startet, den Filmmarkt Deutschland und Festivals, für die seine Filme nicht relevant sind.

28.10.2021 08:07 • von Barbara Schuster
Michael Seiner ist der erfolgreichste Schweizer Regisseur (Bild: Luzia Hunziker for ZFF)

Der erfolgreiche Schweizer Filmemacher Michael Steiner über die lange Entstehungsgeschichte von "Und morgen seid ihr tot", der heute im Verleih von Disney in den Schweizer Kinos startet, den Filmmarkt Deutschland und Festivals, für die seine Filme nicht relevant sind.

"Und morgen seid ihr tot" hat Sie über einen Zeitraum von neun Jahren beschäftigt. Welchen Stellenwert hat das Projekt in Ihrem Oeuvre?

MICHAEL STEINER: Einen sehr hohen. Ich habe lange für diesen Film gekämpft, erst mit der Constantin Film als Produzent, was schließlich scheiterte, weil die Förderer nicht alle einstiegen. 2016 war das Projekt eigentlich tot, ich war extrem enttäuscht, auch weil ich Daniela Widmer und David Och gegenüber versprochen hatte, den Film zu machen, um ihre Wahrheit ans Licht zu bringen, ins Lichtspielhaus. Irgendwann haben mich Lukas Hobi und Reto Schaerli von Zodiac Pictures angerufen und gefragt, ob wir den Film zusammen machen wollen. Zodiac erwarb die Rechte von Constantin und wir haben den Stoff mit Autor Urs Bühler komplett neu aufgegleist. Bis dahin existierten bereits 16 Drehbuchversionen, weil ich vieles ausprobieren wollte, mal dieses Detail herausgegriffen habe, mal den Fokus verändert. Urs hat die Story sehr stringent neu geschrieben, ich wusste, dass ich auf bestimmte Minenfelder nicht noch einmal treten wollte. Es war ein guter Austausch zwischen Urs und mir.

Wenn Sie von Minenfeldern sprechen: Was war denn die spezielle Herausforderung?

MICHAEL STEINER: Ich habe Daniela und David vor der Veröffentlichung ihres Buches kennengelernt. Wir haben uns entschieden, die Veröffentlichung des Buches abzuwarten, damit sie ihre Geschichte nicht zwei Mal erzählen müssen, mir bzw. damals noch Daniel Young als Drehbuchautor und dem Ghostwriter ihrer Geschichte. Ich habe dann nicht nur ihr Buch als Grundlage für den Film genommen, sondern stand mit Daniela und David auch darüber hinaus in engem Kontakt und Austausch. Die Schwierigkeit bestand darin, die Zeit der Geiselnahme, das lange Warten auf eine Befreiung, visuell auszudrücken. Schließlich haben wir uns entschieden, dass Danielas Stimme, bzw. die Stimme von Schauspielerin Morgane Ferru, die Daniela spielt, auch als Off-­Erzählerin zu hören ist, quasi aus ihren ­Tagebüchern vorliest. Daniela hat über 1000 Seiten Tagebuch geschrieben. Diese Aufzeichnungen haben wir in den Film eingearbeitet, um Dinge zusammenfassen zu können, die man visuell nur sehr schwer erklären kann. Wenn man zehn Wochen lang am gleichen Ort festsitzt und Todesangst hat, ist es schwer, die passenden Bilder zu finden. Warten darzustellen ist im Film eine der schwierig­sten Aufgaben.

Ihr Film prangert nicht nur die Medien an, auch die Schweiz kommt nicht besonders gut weg in Sachen diplomatischem (Un)Geschick und der nach außen präsentierten Neutralität im Afghanistankrieg. War Ihnen damals, als die Geiselnahme durch die Presse ging, schon klar, dass hier etwas im Argen liegen könnte?

MICHAEL STEINER: Das habe ich erst nach und nach herausgefunden. Erst hatte ich noch die schöne Vorstellung, dass die Schweiz vielleicht den BND kontaktieren würde und um Zusammenarbeit bittet. Aber dem war nicht so. Die Geschichte von Daniela und David stieß in Deutschland auf wesentlich offenere Ohren als in der Schweiz, einfach aus dem Grund, weil Deutschland in Afghanistan militärisch involviert war, es Menschen gab, von denen Angehörige dort weilten, die wiederum auch ein größeres Interesse an Regionen wie Pakistan hatten. Der Durchschnittsschweizer macht keinen Urlaub in Pakistan, der fährt ans Meer. Die mediale Reaktion in der Schweiz fiel auch deswegen so harsch aus, weil Pakistan im Zuge von 9/11 als ein böser Fleck Welt betrachtet wurde. Das stimmt natürlich nicht. Deswegen war es mir ein Anliegen, ein genaueres Bild zu zeigen. Wenn man die Reisewarnungen weltweit anschaut, hat Mexiko die gleiche Stufe wie Pakistan. Nach Mexiko fahren aber ganz viele Menschen in Urlaub, das ist dann ok. Aber auch dort könnte man entführt oder in einen Kartellkrieg verwickelt werden. Die Reise von Daniela und David nach Pakistan rief die öffentliche Grundhaltung des "selber Schuld" hervor, weil die Welt allem Muslimischen Böses unterstellt. Das ist ein dummes Vorurteil und diskreditiert eine ganze Bevölkerung. Das Interessante bei Daniela und David war, dass sie nicht nach Standard-­Taliban-Regeln versteckt wurden, sondern, nachdem die Stadt, in der sie waren, angegriffen wurde, zu Lalas Hof gebracht wurden und so Einblick in eine Familie erhielten in einem Gebiet, in dem seit Jahrzehnten Krieg herrscht. Das hat mich fasziniert.

Zynisch wirkt es manchmal in Ihrem Film, wenn die Entführer ihre Geiseln fast höflich behandeln...

MICHAEL STEINER: Daniela und David sind nicht in die Hände von Al-Qaida gefallen. Sie wurden von Paschtunen entführt, die Kämpfer der Taliban sind in einem territorialen Konflikt mit Pakistan. Die Paschtunen legen großen Wert auf ihre Kultur, leben nach einem Code, der zum Beispiel vorschreibt, seine Gäste gut zu behandeln. Deshalb wirkt es auch zynisch, als die Entführer Daniela und David als erstes vom Essen kosten lassen, nach dem Motto "You guest, you first". Das ist schwer zu verstehen, ist aber so.

Durch die aktuellen politischen Ge­schehnisse mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat Ihr Film einen ganz neuen Spin bekommen...

MICHAEL STEINER: Das ist schon absurd. Ich hatte immer das Gefühl, je länger ich an diesem Film arbeitete, desto "more outdated" wird er, weil die Taliban nicht mehr im Fokus der Weltöffentlichkeit standen. Prompt im Jahr des Kinostarts wendete sich das Blatt. Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan hat David nicht wirklich verwundert, er sagte es zu mir in dem Moment, in dem die USA ihre Truppen abzogen, dass es so kommen wird. Durch seine lange Zeit dort war ihm klar, dass die Taliban nicht aufgeben und das Land, das sie als ihres erachten, zurückholen werden.

Sie erzählen sehr aus der Perspektive des entführten Paares und sind mit der Kamera immer dicht dran. Wie haben Sie die Kamerasprache mit Filip Zumbrunn erarbeitet?

MICHAEL STEINER: Und morgen seid ihr tot ist nach "Grounding - Die letzten Tage der Swissair" mein zweiter Film mit Filip. Er ist ein sehr kreativer Kameramann, kommt mit ungewöhnlichen Vorschlägen. Über technische Details haben wir uns auch viel mit Ausstatter Reto Troesch ausgetauscht, der die Sets bauen musste. Filip ist einer der besten Kameramänner in Europa. Er spürt die Schauspieler, er sieht voraus, was sie machen, antizipiert gut und ist immer nah dran. Genau deswegen wollte ich mit ihm arbeiten.

Jetzt hatte das Projekt eine so lange Entwicklungszeit hinter sich, dann konnte endlich gedreht werden. In Indien, im Coronajahr 2020... War das nicht zum Haare raufen?

MICHAEL STEINER: Wir konnten in Indien nicht fertig drehen. Mit sechs offenen Drehtagen wurden wir des Landes verwiesen. Die Schweiz und Deutschland waren schon im Lockdown, Indien folgte später. Ich hatte einen unvollendeten Film. Als wir wussten, dass uns in Indien nicht viel Zeit bleibt, haben wir all das gedreht, was man nur in Indien drehen konnte, Straßen zum Beispiel. Die gibt es so nicht in Europa. Am Ende hatten wir nur noch Lalas Farm als Motiv übrig. Die Szenen auf Lalas Farm haben wir dann im Dezember 2020 in Südspanien gedreht, wo es eine ähnliche Landschaft hat.

ZFF-Leiter Christian Jungen nannte Sie im Rahmen der Festival-Eröffnung den "Schweizer Blockbuster-General". Man möchte meinen, Sie können in der Schweiz mit ihrem Standing jeden Film realisieren, den Sie realisieren möchten.

MICHAEL STEINER: Nein, natürlich nicht. Es ist immer ein mühsamer Weg, man muss seine Projekte bei Förderkommissionen durchbringen, für sie Senderpartner finden. Das ist in Deutschland nicht anders.

Haben Sie schon mal dran gedacht, in Deutschland ein Projekt zu realisieren?

MICHAEL STEINER: Mich hat Deutschland nie wirklich interessiert. Dort hätte ich Genrestoffe wie "Sennentuntschi", "Das Missen Massaker" oder auch "Wolkenbruch" nie umsetzen können. Es gab schon hin und wieder Angebote, die aber nie zustande kamen. Spielt man nicht in der TV-Primetime-Liga mit Family Entertainment, kriegt man keine großen Förderer ins Boot, die wollen Produkte ohne Ecken und Kanten. Zodiac Pictures arbeiten aber oft mit Deutschland. Und morgen seid ihr tot ist darum auch eine deutsche Koproduktion mit der MMC Zodiac GmbH in Köln.

Ihr "Wolkenbruch" war der erste Schweizer Film, der außerhalb der Schweiz weltweit an Netflix verkauft wurde. Ist dieser Wandel gut für Filmemacher?

MICHAEL STEINER: Ja, der Markt bricht auf. Vor allem in Deutschland geht endlich die Post ab, weil das Land groß ist und einen entsprechenden Filmmarkt hat. Die Streamer haben den Markt nun für Genrestoffe geöffnet. Plötzlich kommen auch aus Deutschland richtig gute Sachen. Es diversifiziert sich, weg vom Einheitsbrei, den die Sender und Förderer wollen.

Spielt Netflix in der Schweiz schon eine Rolle für Produzenten und Filmschaffende?

MICHAEL STEINER: Die Schweiz ist als Filmmarkt zu klein. Das Parlament hat erst im September beschlossen, dass die Streamer hier künftig vier Prozent ihrer jährlichen Bruttoeinnahmen in die lokale Filmproduktion einzahlen müssen. Das ist nicht viel. Wir Filmemacher können nur mit Förderunterstützung arbeiten.

Sie hatten auch mal eine eigene Produktionsfirma....

Die ging mit "Sennentuntschi" unter. Das heißt, wir haben die Firma dann an Constantin verkauft.

Aber Sie kennen eben auch diese Seite gut. Welche Problematiken sehen Sie in der Schweizer Branche im Hinblick auf Kinoproduktionen? Sie sind ja schon ein Verfechter des Kinos...

MICHAEL STEINER: Es ist ein altes Problem, das nicht nur hier existiert: Die Schweizer Filmförderung funktioniert nach dem Gießkannenprinzip, der Bund kann maximal eine Mio. Schweizer Franken in eine Produktion investieren. Der Kuchen ist zu klein für die Anzahl der Filmschaffenden. Aus der Förderpolitik halte ich mich raus, ich freue mich immer, wenn meine Projekte durchkommen.

Sie durften als erster Regisseur zum zweiten Mal das Zurich Film Festival eröffnen. Welchen Stellenwert haben Festivals für Ihre Filme?

MICHAEL STEINER: Der Stellenwert meiner Filme bei Festivals wird immer geringer, weil es kaum noch Festivals gibt, die sich nicht ausschließlich auf Arthouse-Produktionen stürzen. Filme, die einen Anspruch auf Unterhaltung und Kommerzialität haben, wie das bei meinen Filmen der Fall ist, werden in keine Wettbewerbe eingeladen. Festivals sind für Cineasten des Arthouse-Kinos. Man unterhält sich dann über Filme, die man später selten sieht, weil die wenigsten den Weg in die Kinos schaffen. Schade eigentlich.

Das Gespräch führte Barbara Schuster