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TV-Gipfel auf den Medientagen: Love Is in the Air

Viel Liebe war auf den Medientagen München beim sogenannten TV-Gipfel in der Luft, als am Dienstag von Bekenntnissen zu Joyn, Disney Channel und linearem ARD-Programm die Rede war.

26.10.2021 15:21 • von Michael Müller
Der TV-Gipfel 2021 bei den Medientagen München (Bild: Medientage München 2021)

Der Chief Content Officer der SevenOne Entertainment Group, Henrik Pabst, fing am Dienstagnachmittag auf dem TV-Gipfel der Medientage in München damit an. Plötzlich war Liebe in der Luft. "Nur weil man etwas nicht hundertprozentig besitzt, kann man es hundertprozentig lieben", sagte er auf die Frage nach dem Joint Venture Joyn, das sich ProSiebenSat1 mit Discovery als Plattform teilt. Am Tag zuvor hatte der Discovery-CFO Gunnar Wiedenfels eher ausweichend zum Thema geantwortet.

Auf die Nachfrage, ob es für ProSiebenSat.1 denn interessant wäre, im Falle eines Ausstiegs von Discovery das Ganze auch hundertprozentig zu übernehmen, erwiderte Pabst in dieser für Medientage-Verhältnisse doch sehr launigen Podiumsdiskussion zum Oberthema "Neues Selbstbewusstsein der Sender": "Ich würde mich einfach nicht dazu äußern." Und dann noch: "An Joyn wird sich für uns nichts verändern."

Pabst hob den relativ breiten AVoD- und den kleineren SVoD-Bereich hervor und betonte, dass Streaming auch sehr wichtig für die Seven.One Entertainment Group sei. Wobei im Hause ProSiebenSat.1 seit zwei Jahren bei jedem einzelnen Programm genau geschaut werde, wo und wann und auf welcher Plattform es am besten und als erstes ausgespielt werde.

Auch SVP & General Manager Media (GSA), The Walt Disney Company, Eun-Kyung Park, war nach einer Liebesbekundung, als es, wie stets, wenn sie sich auf einem Panel befindet, um die Frage nach dem Disney Channel in Zeiten von Disney+ ging. "Es ist eine Entscheidung des Kunden, wo er seinen Content sehen will. Jeder Kunde hat seinen eigenen Life Circle", betonte Park im Hinblick auf die unterschiedlichen Typen und Gemütszustände von Konsumenten. "Da macht es keinen Sinn, vom linearen Sender wegzugehen." Sie gab ein ganz klares Bekenntnis zu allen Disney-Plattformen und Sendern in Deutschland ab: "Sie gehören uns alle, und wir haben sie alle lieb".

Park schwärmte auch ein wenig von den Möglichkeiten, die sich mit einem weltweiten Streamingdienst wie Disney+ für die Kreativen eröffnen. "Es ist eine super Chance, auf einmal unseren Content auf der ganzen Welt zu präsentieren. Wir glauben sehr stark daran, dass die Welt zusammengewachsen ist. Man will europäische Produktionen haben. Ich denke, da können wir schon einiges reißen."

Der stellvertretende ARD-Programmdirektor Oliver Köhr ließ auch aufhorchen, als er einmal augenzwinkernd von der "alten Tante ARD" sprach, die es in der Pandemie auch geschafft habe, in den Redaktionen zusammenzuwachsen. "Wir haben auch beide Ausspielwege lieb", konstatierte er bei den Fragen zur eigenen Programmreform und ob jetzt mehr die Mediathek im Mittelpunkt des Interesses stehen würde. "Das lineare Fernsehen ist finanziell deutlich besser ausgestattet als die Mediathek. Der Umbau und die Umschichtung der Programmreform ist auch dem geschuldet." Die ARD müsse eben auch dahin gehen, wo sich die jüngeren Menschen aufhielten.

Bei Genres wie Dokumentation oder Information besäße die ARD eine große Glaubwürdigkeit. "Da werden wir im Nonlinearen nochmal nachlegen." Es sei keine komplette Neuerfindung des Rades, sondern eine Erweiterung des Angebot-Portfolios. Information werde laut anderslautender Spekulationen nicht gekürzt, sondern ausgebaut. Er sieht den Konkurrenzkampf der einzelnen Sender um die beste Stage-Position in der Mediathek auch durchaus positiv. "Das tut den einzelnen Sendern gut, wenn sie darum kämpfen. In der besten aller Welten hat man die Qual der Wahl zwischen zwei, drei sehr guten Stücken am Tag."

Der zugeschaltete Geschäftsführer von RTL Televison und TVNow resp. RTL+, Henning Tewes, erzählte vom Umbau bei RTL Deutschland, um Streaming und TV aus einer Hand denken und steuern zu können. "Wir investieren deutlich mehr als eine Milliarde Euro in den Content unserer Gruppe", betonte er. Die Bequemlichkeit und die Reichhaltigkeit wecken in seinen Augen das größte Interesse der Kunden.

Über den etwas ruckeligen Start des neuen Nachrichtenformats "RTL Direkt" sagte Tewes: "Die Menschen haben eine höheres Bedürfnis nach Einordnung. Ja, wir haben radikal mit programmlichen Gewohnheiten durch 'RTL Direkt' gebrochen." Anfangs gestand er aus Quotensicht "schwierigere Zeiten" ein, sprach im gleichen Atemzug aber auch von aktuell besseren Zeiten, weil das Programmumfeld auch besser sei.

Elke Walthelm, Executive Vice President Content Sky Deutschland & Managing Director NBC Universal Global Networks Deutschland, hat eine höhere Zahlungsbereitschaft von Kunden in der Pandemie-Zeit festgestellt. Sky gehe es darum, den Kunden die Wahl zu lassen. "Wir wollten in Genres wie Comedy, Crime, True Crime und Dokumentation stärker investieren, weswegen wir vier Sendermarken gelauncht haben." Die Inhalte seien gleichzeitig linear und on demand zu schauen. "Damit fahren wir sehr gut, weil wir sehen, dass es beide Bedürfnisse gibt, die auch Tagesform-abhängig sind." Da der Kunde aber nicht nur mehr Inhalte, sondern auch einen Zugang will, der so einfach wie möglich gehalten ist, sieht Walthelm auch da eine Aufgabe von Sky.

Der Programmchef des Senders Bild von Axel Springer, Claus Strunz, sagte auf Tagesmarktanteile von 0,1 bis 0,2 Prozent angesprochen: "Ich bin bei Bild. Sie können mich mit Häme nicht erschrecken. Wo wir live sind, sind wir auch auf Augenhöhe." Als es um das Thema Julian Reichelt ging, schwenkte Strunz schnell auf einen Doku-Programmtipp vom eigenen Sender um.