Kino

Kino-Neustart: Goldener Oktober

Dank der hervorragenden Entwicklung vor allem der Kinder- und Familienfilme und starker Neustarts konnten am vergangenen Wochenende im deutschen Kinomarkt die zweitbesten Gesamtbesucherzahlen der Pandemie verzeichnet werden. Der Rückstand zum Vorjahr schrumpfte nach Umsatz auf unter 15 Prozent - in wenigen Wochen wird 2020 (endlich) überrundet sein.

25.10.2021 16:43 • von Marc Mensch
In der "Schule der magischen Tiere" wird weiter das Publikum verzaubert (Bild: Leonine)

Über 1,6 Millionen Kinobesucher und mehr als 15 Mio. Euro Boxoffice - das sind laut der Filmsource-Auswertung von Comscore die fabelhaften Eckdaten eines Kinowochenendes, das teils extrem stürmisch begann, zumindest im Süden des Landes aber noch einmal in einen grandios goldenen Herbsttag mündete - was das im Ländervergleich unterdurchschnittliche Abschneiden von Bayern und Baden-Württemberg zu einem Teil erklären mag. Das - und natürlich die Tatsache, dass in diesen beiden Bundesländern die Herbstferien erst in der kommenden Woche stattfinden.

Tatsächlich lässt sich der Effekt der Ferien ganz klar an den Ergebnissen dieser Titel ablesen. Die Schule der magischen Tiere" schrieb praktisch identische Zahlen gegenüber dem Startwochenende (knapp 247.000 Besucher), zählt bereits über 622.000 Besucher ohne (und über 680.000 Besucher mit) Previews, sollte im Lauf der kommenden Woche der zweite deutsche Besuchermillionär der Pandemie nach Kaiserschmarrndrama" werden - und kann ganz nebenbei das beste Elf-Tages-Ergebnis eines deutschen Films der 2020er Jahre vorweisen. Ein Hit.

Auch Boss Baby - Schluss mit Kindergarten" hielt sich mit einem Minus von weniger als sechs Prozent hervorragend, ohne Previews stehen schon mehr als 211.000 Besucher auf dem Zähler. Paw Patrol: Der Kinofilm" arbeitet sich beharrlich auf 1,5 Mio. Besucher zu - und verlor am zehnten Wochenende nur gut drei Prozent des Vorwochenpublikums. Auch die Drops von Die Pfefferkörner und der Schatz der Tiefsee" (knapp acht Prozent, die Marke von 200.000 Besuchern ist genommen) und Tom & Jerry" (nur 5,5 Prozent in der elften Woche, trotz Verfügbarkeit fürs Wohnzimmer, knapp 640.000 Besucher ohne Previews) sind einfach großartig.

Über einen Meilenstein kann sich zudem "Es ist nur ein Phase, Hase" freuen, denn dank eines herausragenden Holds (das Besucherminus belief sich auf gerade einmal 14,1 Prozent, den mit weitem Abstand niedrigsten Wert für einen nicht im Kindersegment angesiedelten Top-20-Film) sind auch ohne Zählung von Previews die 100.000 Besucher erreicht.

Platzhirsch ist weiterhin Keine Zeit zu sterben", dessen viertes Wochenende (rund 500.000 Besucher) für den zweitbesten Start seit dem Frühjahr 2020 ausgereicht hätte. Bereits am Freitag war die vierte Besuchermillion voll, insgesamt stehen knapp 4,4 Mio. Zuschauer zu Buche - und aktuell stellt sich die Frage, ob man den Platin-Bogey noch am kommenden Wochenende oder erst ein paar Tage später auf Hochglanz polieren muss. Sollte der Film sich auf dem aktuellen Niveau weiterentwickeln, wäre zudem der Stern zur Goldenen Leinwand in Reichweite. Ein Triumph für Verleih wie Kinos gleichermaßen.

Dass "Keine Zeit zu sterben" am vergangenen Wochenende mit einem Besucherminus von 29,9 Prozent den bislang größten (aber nach wie vor absolut soliden!) Drop seit dem Start hinlegte, liegt natürlich auch daran, dass "Bond" die eine oder andere Leinwand (zuletzt waren es noch 791 Locations gegenüber 836 in der Vorwoche) abgeben, bzw. teils in kleinere Auditorien ziehen musste - in der Regel zugunsten von Venom: Let there be Carnage", der in Deutschland (wo die FSK 12 erst am Vortag des Bundesstarts erteilt wurde; wir berichteten) mit rund 292.000 Besuchern ein richtig gutes Debüt (das fünftbeste der Pandemie) auf Platz 2 hinlegte, ohne dabei an die Sensationszahlen des US-Starts anknüpfen zu können. Immerhin: Lässt man Previews einmal außen vor, konnte das Sequel unter Pandemiebedingungen beinahe das Niveau des Vorgängers (310.000 Besucher) erreichen.

Anders sieht dies bei Halloween Kills" aus, bei dem die Schere zwischen dem US-Debüt und jenem in Deutschland noch deutlich weiter klafft. Gut 115.000 Besucher und ein Einstand auf Rang 4 sind ein immer noch solides Ergebnis auch wenn es der direkte Vorgänger auf fast 330.000 Besucher (ohne Previews) gebracht hatte.

Mit Qualität punktet Dune" weiter. Obwohl der Film die attraktivsten Säle leider viel zu schnell räumen musste, hält er sich hervorragend. Ein Besucherminus von rund 27 Prozent und knapp 71.000 weitere Besucher heben das Gesamtergebnis mit Previews auf über 1,5 Mio. verkaufte Tickets. Einen neuen Spitzenreiter der (weiter "Bond"-losen) Arthouse-Charts wird es morgen zu vermelden geben, denn The French Dispatch" starte auf Platz 7 mit starken 40.000 Besuchern in 117 Locations. Frischen Wind in die Top 20 brachten zudem die Event-Programmierungen "Digimon Adventure: Last Evolution" (knapp 8000 Besucher) , die aktuelle Übertragung aus der MET (knapp 2800 Besucher) und Wesele" (knapp 4000 Besucher). Wenig gnädig zeigte sich das Publikum mit The Last Duel", der nach schwachem Start zwar nahezu alle Locations behielt, aber in der zweiten Woche um fast 48 Prozent abbaute.

Wobei man sich in den USA solche Prozentwerte wünschen dürfte, wenn es um die Entwicklung der meisten Filme geht. "Halloween Kills" jedenfalls ist in den USA der nächste Film, der unmittelbar nach dem Debüt massiv abstürzt (um 71 Prozent) - und dabei der nächste, der zeitgleich zum Start in den Stream ging. "Venom: Let there be Carnage" konnte sich nach seinem Fall immerhin etwas berappeln, und verlor in Woche 4 nur 45 Prozent seiner Besucher. Noch einmal halbiert hat "Keine Zeit zu sterben" seine Zahlen gegenüber dem Vorwochenende, allerdings folgt er einer Entwicklung, die mit jener von Spectre" (der jedoch mit gut 70 Mio. Dollar besser gestartet war) absolut vergleichbar ist. Wie viel der Start von "Dune" wert ist, wird sich auch sehr schnell zeigen. Aktuell sehen die 40 Mio. Dollar, die der Film trotz des zeitgleichen HBO-Max-Debüts einfahren konnte, auch deshalb so gut aus, weil sie um rund 30 Prozent über konservativen Prognosen liegen. Immerhin kann sich Regisseur Denis Villeneuve schon mal über das beste US-Debüt seiner Karriere freuen. Ein klarer Flop ist hingegen Ron läuft schief", dessen Boxoffice von nur etwas mehr als sieben Mio. Dollar ein Schlaglicht auf die Probleme wirft, die Familienfilme in den USA nach wie vor haben. Ach ja: Während es der erfolgreichste Titel in den USA (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings") bislang auf gut 221 Mio. Dollar bringt, sind es in China für "The Battle at Lake Changjin" schon über 814 Mio. Dollar.

Damit zum kurzen Blick auf zwei Nachbarn: Auch in Österreich (knapp 163.000 Besucher) und den Niederlanden (gut 523.000 Zuschauer) war es ein Wochenende nach Maß, die Besucherzahlen kletterten dort um 16 bzw. ganze 36 Prozent. Beide Kinomärkte übersprangen nach Umsatz die so wichtige Benchmark des mittleren Wochenendes. Österreich zwar "nur" um acht Prozent (mit einer Lücke nach Besuchern um neun Prozent), die Niederlande dafür aber gleich um sagenhafte 58 Prozent.

Auch Deutschland ließ sich da nicht lumpen und nahm die Hürde zumindest knapp - um ein Prozent nach Besuchern und acht Prozent nach Boxoffice ging es in einem Markt darüber, der hartnäckig bei nur 86 Prozent an Wiedereröffnung steht. Zumindest nach Comscore-Zählung.

Ein wichtiger Punkt: Die Tatsache, dass es vom guten Vorwochenniveau nun sogar um neun Prozent nach Besuchern und sieben Prozent nach Umsatz nach oben ging, markiert eine deutlich bessere Entwicklung, als sie Analysten nach dem "Bond"-Startwochenende zunächst erwartet hatten. Das ist absolut erfreulich - darf aber natürlich nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen selbstverständlich noch Tag für Tag viele Besucher kosten.

Der Rückstand auf 2020 schrumpfte unterdessen auf 19,1 Prozent nach Besuchern und 14,9 Prozent nach Umsatz, im laufenden Jahr bewegt sich das Gesamtboxoffice (ohne Previews) bei gut 243 Mio. Euro, gezählt wurden bislang knapp 27,6 Mio. Besucher. Nachdem im vergangenen Jahr am 1. November für sämtlich Kinos (und für den Rest des Jahres) der Vorhang fiel, wird sich der Rückstand bald in einen Vorsprung gewandelt haben. Die Differenz zu einem "normalen" Jahr bleibt natürlich enorm.

Noch kurz eine Beobachtung am Rand: In Deutschland schafften es am vergangenen Wochenende immerhin ganze fünf Debütanten der Vorwoche, in den Top 20 zu verbleiben, drei sogar in den Top 10. In KW 41 war das keinem einzigen Neustart der KW 40 gelungen... Während übrigens diese Woche nur einer der zehn "stärksten" Neustarts mit dreistelligen Besucherzahlen unterging, darf man gespannt auf die kommende Woche blicken, wenn fast 20 neue Filme und Event-Einsätze auf die Leinwände losgelassen werden. Durchsetzen sollte sich aber jedenfalls Contra"...