Produktion

Bären-Gewinnerin Ildikó Enyedi: "Muster der Kommunikation"

Die Berlinale-Gewinnerin Ildikó Enyedi feierte mit "Die Geschichte meiner Frau" Premiere in Cannes. Wir sprachen mit ihr über das kunstvollen Liebesepos, das auch eine europäische Erfolgsgeschichte und ein Aufruf zum Diskurs ist. Es startet nächste Woche in den Kinos.

29.10.2021 07:51 • von Heike Angermaier
Ildiko Enyedi (Bild: Hanna Csata)

Die Berlinale-Gewinnerin Ildikó Enyedi feierte mit Die Geschichte meiner Frau" Premiere in Cannes. Wir sprachen mit ihr über das kunstvollen Liebesepos, das auch eine europäische Erfolgsgeschichte und ein Aufruf zum Diskurs ist. Alamode startet es nächste Woche in den Kinos.

Warum wollten Sie Milan Füsts "Die Geschichte meiner Frau" adaptieren? Der Autor ist in Ungarn so etwas wie ein nationales Heiligtum - was ist das Buch für Sie?

ILDIKO ENYEDI: Viele meinen, es sei eine Geschichte über Eifersucht. Für mich nicht. Zwar ist die Leidenschaft präsent, aber der Kern, das, was es so besonders macht und warum ich Jahre meines Lebens damit verbracht habe, darum zu kämpfen, sie zu verfilmen, ist verbunden mit etwas Allgemeingültigerem. Auch wenn der Plot handlungsgetrieben ist, erzählt er doch vor allem von den Mustern der Kommunikation, darüber, wie wir uns auf eine andere Person beziehen, auf uns selbst und die Welt um uns herum. Ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt, Füsts Roman auf die Leinwand zu bringen und über seine Ideen zu diskutieren.

Sie schrieben auch das Drehbuch, es ist Ihre erste Adaption - war es schwierig für Sie, sich in eine männliche Hauptfigur zu versetzen?

ILDIKO ENYEDI: Das tue ich nicht. Das ist ein Unterschied zwischen Buch und Film. Ich begleite Jakob, folge ihm, ich nehme auch nicht die Perspektive seiner Frau Lizzy ein. Das Buch ist ein einziger innerer Monolog von Jakob. Beim Film ist diese Distanz entscheidend: Ich beobachte ihn mit einem weiblichen Blick. Ich blicke nicht auf den Menschen, sondern auf den Mann, darauf, was es heißt, ein Mann zu sein. Welche Zwänge und Muster definieren ihn, wie kämpft er, um sich von ihnen zu befreien?

Anders als im Roman gliedert sich Ihre Geschichte in sieben Kapitel. Bestand die größte Herausforderung in der Adaption der Sprache?

ILDIKO ENYEDI: Das habe ich nicht gemacht. Der Roman ist sehr stark, aber alles, auch die Beschreibungen sind durch Jakobs Stimme gefiltert. Es gab zwei Wege, das direkt in Filmsprache zu übertragen. Entweder musste ich ganz offensichtlich erzählen, mit dem Zaunpfahl winken, oder die Literatur imitieren und den inneren Monolog beibehalten. Damit hätte ich nur eine vereinfachte Version der Vielschichtigkeit und Schönheit des Originals liefern können. Beide Wege kamen für mich nicht in Frage. Deshalb habe ich den Kniff angewandt, mit Jakob, aber nicht in seinem Inneren zu sein. Das gab mir eine große Freiheit in der kinematografischen Umsetzung.

Es geht nicht nur um die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern darum, was es heißt, Mensch zu seinund darum, dass die Unterschiede im Verhalten zwischen den Geschlechtern gar nicht so groß sind?

ILDIKO ENYEDI: Das stimmt, es geht um die Umstände des Menschsein generell. Wir haben 2019 gedreht und wollten auf die Kommunikationsstrukturen zwischen Mann und Frau heute reagieren, das Rewriting des Codes sozusagen. Ich dachte, es wäre ein guter Moment, vielleicht etwas zu früh, um durch die Augen eines männlichen Protagonisten nicht nur die condition humaine allgemein zu betrachten, sondern vor allem die spezielle des Mannes. Was heißt es, ein Mann zu sein? Genauso machen es männliche Filmemacher und Autoren, wenn sie durch weibliche Charaktere nicht nur über allgemein Menschliches, sondern die besondere weibliche Wahrnehmung des Lebens erzählen. Ich habe das Konzept umgekehrt.

Ist "Die Geschichte meiner Frau" ein neues Kapitel von Körper und Seele", eine Fortschreibung?

ILDIKO ENYEDI: Das Ziel oder der Effekt, den ich mir wünsche, sind sehr ähnlich. Ich hoffe, dass die Zuschauer von der Geschichte Jakobs berührt werden. Die Me-Too-Bewegung passiert zu einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr zuhören, nicht mehr diskutieren, nicht mit Argumenten kämpfen, sondern sich anschreien. In den sozialen Medien oder in der Politik ist das Niveau der Kommunikation sehr niedrig und zielt nur darauf ab, Gefühle und starke Reaktionen auszulösen.

Die Buchvorlage von 1942 ist in den 1920er Jahren angesiedelt und zeigt ein Europa, das wilder, lebendiger, durchlässiger erscheint. Gab es damals mehr Möglichkeiten? Was sagt uns der Stoff heute?

ILDIKO ENYEDI: Zum ersten Mal in meiner Karriere folge ich hier dem Beispiel des Autors. Um das, was mir besonders wichtig ist, zu erzählen, gehe ich auf Distanz zur Gegenwart. Wie Milan Füst es tat. Während seine Freiheiten als Jude in Budapest in den späten 1930ern immer mehr eingeschränkt wurden und sein Leben während des Zweiten Weltkriegs in Gefahr war, schrieb er dieses große Abenteuer menschlicher Beziehungen. Ich fand es ein mutiges Statement, dass seine Geschichte nicht als Spiegel seiner Zeit fungieren sollte. Er wählte eine andere Zeit, um etwas viel Elementareres zu erzählen. Mein erster Film Mein 20. Jahrhundert spielte auch zu einer Zeitenwende, dem Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Es ging mir damals nicht um eine Rückkehr in die gute alte Zeit, sondern um brennende Fragen, die mich Ende der 1980er interessierten, um Dinge wie traditionelles männliches Denken. Das ist auch heute noch aktuell und lässt sich eindrücklich anhand der Figur von Jakob zeigen.

"Die Geschichte meiner Frau" ist eine europäische Koproduktion von u.a. Komplizen Film. Wie war der Finanzierungsprozess, wie hoch Ihr Budget?

ILDIKO ENYEDI: Die Hälfte des Budgets von zehn Mio. Euro kam aus Ungarn, der Rest aus Deutschland und Italien, ein kleiner Prozentsatz aus Frankreich. Die Produktion war die beste Erfahrung meines Lebens, nicht nur, weil all die Koproduzenten sehr klug und effizient waren, sondern auch Leute mit gutem Geschmack und wundervolle Menschen. Ich bekam nicht nur viel Unterstützung, sondern auch untereinander herrschte große Solidarität. Ohne Vertrauen unter den Partnern wäre der Film nicht möglich gewesen.

Das ungarische Filminstitut förderte den Film. Wie würden Sie die Arbeitsbedingungen in Ihrem Land beschreiben?

ILDIKO ENYEDI: Im Moment würde ich wohl keine Unterstützung bekommen. So war das Timing des Projekts nach dem Gewinn des Goldenen Bären perfekt.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarsteller gefunden? Léa Seydoux ist großartig in einer sehr komplexen Rolle.

ILDIKO ENYEDI: Ich hatte das Gefühl, dass ich Léa etwas anbieten kann, das sie bisher nicht zeigen konnte, aber in sich hat. Sie war dem Projekt sehr verbunden. Gijs Naber als Jakob ist eine Entdeckung, ich hoffe, er wird auch in Zukunft Rollen bekommen, die sein Talent zeigen. Den deutschen Schauspielern bin ich sehr dankbar. Sie waren sehr engagiert, auch wenn sie nur einen Drehtag hatten. Ihre Rollen mögen klein sein, sind aber wichtig, um die Geschichte zu verstehen. Da braucht es exzellente Schauspieler, um auch in der Kürze viel rüberzubringen.

Als Zuschauer fragt man sich, ob Jakob vielleicht besser dran gewesen wäre, wenn er nicht geheiratet hätte. Oder lernt er durch seine Frau eine entscheidende Lektion?

ILDIKO ENYEDI: Die Heirat ist die Chance für ihn, Lebenslektionen zu lernen, durch Leid, durch den Verlust des festen Rahmens seines Lebens. Am Ende des Films und der Reise, die er unternimmt, ist er fähig, sich zu öffnen, sich wirklich lebendig zu fühlen in seinem Leben.

Sie drehen in langen, ruhigen Ein­stellungen, geben den Figuren Zeit. Was ist das ästhetische Konzept?

ILDIKO ENYEDI: Mein Kameramann Marcell Rév war mein Student an der Filmschule, wir haben zum ersten Mal zusammengearbeitet. Seine Art zu denken ist meiner sehr ähnlich. Für den Ton war Noemi Hampel von Berlin Sounddesign zuständig, das Szenenbild schuf Imola Láng, den Schnitt besorgte Károly Szalai. Uns allen ging es darum, dass wir dem Zuschauer nicht eine bestimmte Lesart aufzwingen, sondern ihm Zeit und Raum geben wollten, um eigene Gedanken beim Schauen entstehen zu lassen. Die visuelle Sprache sollte nicht im Vordergrund stehen.

Wie lief die Produktion unter Coronabedingungen?

ILDIKO ENYEDI: Wir haben erst in Hamburg, dann den größten Teil in Budapest und schließlich auf Malta gedreht, 58 Tage lang, was nicht viel für eine so komplexe Produktion ist. Wir konnten den Dreh noch vor der Pandemie beenden. Die Postproduktion dauerte durch die Pandemie etwas länger und war komplizierter. Ich saß in Berlin beim Grading in einem Studio, mein Kameramann Marcell in Los Angeles in einem anderen, weil er nicht reisen konnte. Das zusammenzuführen war eine sehr große Aufgabe. Aber die Postproduktionskollegen in Deutschland haben alles möglich gemacht.

Sie leben in Budapest und Nordrhein-Westfalen, wo Ihr Ehemann herkommt. Würden Sie sagen, das verhilft Ihnen zu einer spezifisch deutschen Perspektive?

ILDIKO ENYEDI: Ich bin ein Einzelkind aus Budapest, mein Mann kommt aus einer großen Familie, die seit Generationen im selben Dorf lebt und Vieh gezüchtet hat. Ich lernte viel über sie und ihre Art zu leben, und dabei auch über mich. Ich ziehe mich oft zum Schreiben dorthin zurück. Meine Schwiegermutter war eine echte Matriarchin, Königin des großen Haushalts, die mit ruhiger, natürlicher Autorität die Familie führte und zeigte, was wirklich wichtig ist im Leben und was nicht. Für mich mit meinem kleinen hektischen Leben war es eine tolle Erfahrung, ein Geschenk, sie kennenzulernen.

Das Interview führte Marga Boehle