Festival

55. Hofer Filmtage: "Wir werden lauter!"

Die heute startenden Hofer Filmtage bleiben sich treu als "Home of Films" und entwickeln sich doch rasend schnell weiter. Was die besonderen Herausforderungen für die 55. Ausgabe waren, berichten Thorsten Schaumann und Ana Radica.

26.10.2021 07:39 • von Barbara Schuster
Thorsten Schaumann und Ana Radica (Bild: Hofer Filmtage/Chris Hirschhäuser)

Die heute startenden Hofer Filmtage bleiben sich treu als "Home of Films" und entwickeln sich doch rasend schnell weiter. Was die besonderen Herausforderungen für die 55. Ausgabe waren, berichten Thorsten Schaumann, Künstlerischer Leiter des Festivals, und Ana Radica, Vorstsand des Trägervereins Cine Center e.V. Hof.

Hofer Filmtage 2021: Was hat sich geändert im Vergleich zur letztjährigen Ausgabe, kurz vor dem zweiten Lockdown?

THORSTEN SCHAUMANN: Veränderungen gibt es immer. Wir haben letztes Jahr sowohl im Kino als auch mit unserem digitalen Angebot Publikum und Zuschauer erreicht. Das war eine sehr gute Erfahrung. Die digitale Schiene haben wir übers Jahr weitergeführt mit der Vorführreihe "HoF Filmtage Rendezvous im virtuellen Central Kino Hof". Wir haben damit den Hofer Filmen Raum gegeben und den Kontakt zum Publikum gehalten. Das war wichtig und hat sich ausgezahlt, weil wir gemerkt haben: Ein Publikum für die Filme, die wir lieben und schätzen, existiert! Aber wir müssen mehr tun, um es zu erreichen. Dieses Jahr setzen wir deshalb erneut auf eine hybride Ausgabe, wobei der Nukleus, das Herz des Festivals natürlich die Präsentation der Filme im Kino bleibt. Dort beginnt alles. Die Weiterführung ist unsere On-Demand-Plattform "plus7stream­days", die das Festival virtuell bis 7. November verlängert und Filme aus dem Programm auf Abruf bereitstellt.

Muss man also als Festival in dieser Form mit der Zeit gehen?

THORSTEN SCHAUMANN: Mir ist wichtig, ein Auge darauf zu werfen, wo Kino stattfindet, wie es sich entwickelt und welche Möglichkeiten es bietet. Das sage ich gerade im Hinblick auf das doch schon stolze Alter des Festivals: Wir feiern dieses Jahr die 55. Runde! Meine Devise lautet: Alter schützt vor Scharfsinn nicht. Wir sind wendig. Das ist die Stärke der Hofer Filmtage. Egal wie, immer weitermachen. Im Jubiläumsjahr schauen wir aber auch ein bisschen zurück. Denn das ist gleichzeitig Inspiration als auch Motivation für die Filme, die wir dieses Jahr zeigen dürfen. Besonders freue ich mich über die Hommage zu Joachim Król...

ANA RADICA: Joachim Król ist für mich stark verbunden mit dem Aufbruch des deutschen Films der Neunzigerjahre. Die jungen Wilden waren damals u.a. Detlev Buck, Sönke Wortmann, Tom Tykwer, die anfingen Geschichten anders zu erzählen, als man es bisher aus Deutschland gewohnt war, skurrile Komödien, Dramen, etc . Król ist ein entscheidendes Gesicht dieser Generation. Wir haben viele dieser Filme in Hof gezeigt, und er war öfters Gast bei uns. Er ist bis heute in der deutschen Filmlandschaft präsent, hat sich aber nie in den Vordergrund gespielt. Ein bescheidener Schauspieler, der gut ist, der tolle Sachen macht, der sich nicht korrumpiert. Ein würdiger Kandidat für unsere Retrospektive!

Unter welchen Corona-Sicherheits­maßnahmen findet das diesjährige Festival statt?

THORSTEN SCHAUMANN: Wir haben uns für die 3G+-Regel entschieden, lassen pro Buchung in den Kinos einen Platz frei und empfehlen das Tragen der Maske im Saal. Ein Filmfestival mit überregionalen und mehr Gästen als sonst im Kino ist eine Sondersituation, die wir damit berücksichtigen. Mir geht es um einen respektvollen Umgang miteinander. Und vieles ist einfach schon gelernt. Wenn man bedenkt, dass 2020 nur eine 25-Prozent-Auslastung der Kinos möglich war und das Tragen der Maske Pflicht, sind wir dieses Jahr einen großen Schritt weiter.

ANA RADICA: 2020 war Hof zum Teil Hotspot Nummer 1 in Deutschland. Wir wollen dem ein wenig vorbauen, können zwar mehr Leute in die Kinos lassen, gewähren aber immer noch einen größeren Abstand mit dem freien Sitzplatz zwischen den einzelnen Plätzen. Das schafft ein größeres Vertrauen.

Sind Ihnen die Förderer, Unterstützer und Sponsoren in diesen schwierigen Zeiten treu geblieben?

ANA RADICA: Im Wesentlichen ja. Wir haben von allen Gremien wie dem FFF Bayern und der BKM wieder Förderung erhalten. Auch der Bezirk Oberfranken unterstützt uns weiterhin, die Stadt Hof hat sogar ihr Budget erhöht. Ein paar kleinere Sponsoren sind pandemiebedingt abgesprungen.

THORSTEN SCHAUMANN: Im Anzeigenverkauf unseres Katalogs, der sich re­daktionell über die reine Filminformation hinaus erweitert hat, lief es spannenderweise erstaunlich gut. Die Anstrengung vom letzten Jahr hat viele überzeugt. Unser mutiger Blick nach vorn und die Einstellung, dass man es nur gemeinsam stemmen kann, hatte und hat eine positive Signalwirkung. Das ist schön und gibt uns wiederum Ansporn weiterzumachen. Zudem vergrößert sich die Reichweite auch mit unserem digitalen Angebot.

Den Kern bildet das Programm, wie bei allen Festivals: Ist die Kuratierung leicht gefallen, worauf haben Sie ein Augenmerk gelegt bei der Zusammenstellung?

THORSTEN SCHAUMANN: Leicht fällt es nie. Ein Fokus liegt auf dem 55. Jubiläum, ein weiterer bildet die angesprochene Retrospektive. Mit "'8'16'35' Hof Classics auf Film" haben wir die Rückbesinnung auf das Kino als singuläres Erlebnis mit u.a. Nightmare on Elm Street" von Wes Craven, Stranger than Paradise" von Jim Jarmusch oder Doris Dörries Männer".

ANA RADICA: Diese Filme zeigen wir analog! Mit Projektor und einem Vorführer, der ihn noch bedienen kann. Das kennen die jungen Filmemacher wahrscheinlich gar nicht mehr. Ich bin sehr gespannt, wie das angenommen wird. Wir haben viel Mühe aufgewendet, um an Kopien ranzukommen. Es existieren fast keine mehr.

Was erwartet die Zuschauer beim neuen Programm? Auf was sind Sie besonders stolz?

THORSTEN SCHAUMANN: Wir sind natürlich auf das komplette Programm stolz. Aber hervorheben kann ich den Eröffnungsfilm, Peter Meisters Debütfilm Das schwarze Quadrat". Ich fand es erfrischend zu sagen, Kino muss auch Spaß machen dürfen: Schwarz, quadratisch, lustig sind keine Widersprüche, um es in eine Formel zu gießen. Nach einer so langen Kinodürrezeit kann man ruhig mit Vollgas und Ausgelassenheit in ein Festival reingehen. Ansonsten fällt mir auf, dass sich viele Filme mit dem Menschen und der Natur befassen. Der Mensch, der merkt, dass er nur bedingt seines Glückes Schmied ist in Anbetracht der sich mehrenden Naturkatastrophen. Denn die Veränderungen in der Natur wirken sich bspw. auf die Flüchtlings- oder Klassenkonflikte in allen Lebensbereichen aus. Zudem fällt mir auf, dass die Filmemacher verstärkt in Extremen arbeiten; entweder komplett unabhängig oder mit Produktionen, die schon mit Verleih und Sender ausgestattet sind. Das Extreme bezieht sich auch auf die Form des Geschichtenerzählens! Es gibt immer weniger dazwischen. Als Beispiel fällt mir der abgefahrene Alien-Film The Straw That Broke" ein, den der Künstler Valentin Hennig im Stop-Motion-Verfahren komplett unabhängig realisiert hat. Auf der anderen Seite gibt es Filme wie den Eröffnungsfilm oder Kida Khodr Ramadans sehr emotionales Familiendrama Égalité". Ein weiteres Thema sind persönliche Geschichten. Hierzu zählen etwa Rosa von Praunheims Die Nachtigall", die Kurzfilmkompilation "Isolation", für die auch Julia von Heinz einen sehr persönlichen Beitrag lieferte, "Gehirntattoo" von Lukas Röder oder Mika'Ela Fishers "Die Höhenluft". Dieses Thema, wie persönlich ist Film, wird auch auf einem unserer Panels mit Rosa von Praunheim zur Diskussion kommen.

ANA RADICA: Ich möchte noch auf die Weltpremiere von Asteris Kutulas' Liquid Staging Projekt "ELECTRA '21" mit Kompositionen von Mikis Theodorakis hinweisen. Das Liquid Staging umfasst alle Sparten der darstellenden Kunst, Film, Theater, Tanz, Musik. Kutulas, der in Hof auch eine Masterclass abhält, projiziert sein Werk dabei auf vier bewegliche Leinwände. Diese Art könnte als Weiterentwicklung im Bereich des Showbiz nicht uninteressant sein.

Mit welcher Besonderheit wartet Hof noch auf?

THORSTEN SCHAUMANN: Wir werden auf alle Fälle lauter. Mit einem Streamingkanal und vielen interaktiven Live-Formaten in Präsenz sowie digital bieten wir viel Fläche für unsere Filmschaffenden, sich zu präsentieren. Und dann kommt der Filmemacher Matthias Ditscherlein mit seinem Kinobus zu uns. Der wird in der Nähe des Central Kinos stehen und für Kleingruppen bis zu vier Zuschauer Kurzfilme zeigen, nach dem Motto: Das Kino kommt zum Publikum.

ANA RADICA: Das hat fast etwas von Zirkus, von den Anfängen des Kinos. Früher sind die Leute auch auf Marktplätze gegangen, um sich unterhalten zu lassen, um zu staunen und einzutauchen in andere Welten. Dieses Jahr vereinen wir sehr viele Elemente.

Es gibt dieses Jahr auch zwei neue, mit je 2500 Euro dotierte Kurzfilmpreise...

THORSTEN SCHAUMANN: Kurzfilm ist der Ursprung der Hofer Filmtage. Auf ihn legen wir seit jeher einen Fokus, allein dadurch, dass vor der Vorführung eines Langfilms immer erst ein Kurzfilm zu sehen ist. Das Besondere an Hof ist auch, dass alle Gäste, egal ob mit Kurz- oder Langfilm, gleichgestellt sind, den gleichen Status haben. Der Kurzfilmpreis der Stadt Hof wird von einer dreiköpfigen Jury aus Filmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt. Für den Publikums-Kurzfilm-Preis werden alle Kurzfilme berücksichtigt. Das Publikum kann dann auch digital abstimmen.

ANA RADICA: Kurzfilme sind oft die ersten Signaturen von Filmschaffenden. In ihnen kann man schon früh Talente erkennen. Unsere Kurzfilme bewegen sich dieses Jahr quer durch alle Genres. Wir haben den diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme, "All the Crows in the World" von Tang Yi im Programm, oder auch den ersten Kurzfilm von Schauspielerin Anke Sevenich oder Filme aus Sundance wie die Komödie "We Are Not Animals" oder den Studentenoscar-Gewinner "Night" von Ahmed Saleh. Es gibt gerade im Kurzfilmbereich vieles zu entdecken.

Durch den zweiten Lockdown mussten viele Festivals später starten, angefangen bei Cannes. Jetzt steht man einem schieren Konvolut an Festivals im Herbst gegenüber. Hatte das Auswirkungen auf die Programmauswahl für Hof? Und erleben Sie den Trend, dass Filme vermehrt auf Festival-Tour geschickt werden und gar nicht mehr unbedingt singuläre Ereignisse eines bestimmten Festivals sind?

THORSTEN SCHAUMANN: Dieses Jahr sind Entscheidungen einfach oft später gefallen. Wenn man unter normalen Umständen Filme in Cannes auswählt, ist es gerade mal Mai. Weil wir mit unserer Einreichdeadline aber auch später dran waren, war es ok. Klar verliert man den ein oder anderen Film, aber das hat man jedes Jahr. Und ja, den sogenannten "Festival-Film" gibt es. Festivals sind sicherlich ein Teil der Distributionskette geworden - im positiven Sinn! Festivals leisten viel für den Film. Im Verbund eines Festivals, durch die Kuratierung, mit Gästen zum Anfassen, dem direkten Austausch finden Filme ihr Publikum. Auch der Austausch unter Festivals ist größer geworden, frei nach dem Motto »Gemeinsam für Film!«. Dass man sich mit anderen, zeitgleich stattfindenden Festivals abspricht, gab es in der Vergangenheit aber auch schon.

ANA RADICA: Die Hofer Filmtage stehen seit jeher in engem Austausch mit anderen Festivals wie auch z.B. mit der Viennale, die oft zeitgleich stattgefunden hat. Da hat man sich Kopien ausgetauscht oder Reisekosten geteilt. Nicht unterschätzen darf man, dass Festivals auch wichtige Netzwerk-Plattformen sind, was gerade für junge Filmemacher, wie wir sie in Hof einladen, sehr wichtig ist. Zudem nutzen viele Produzenten und Redakteure Festivals dazu, um neue Talente zu entdecken.

THORSTEN SCHAUMANN: Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass sich Festivals im Sinne der Filme auch weiterentwickeln. Ich möchte Geburtshelfer und Förderer der Filme sein. Das Kino ist für uns der Lieblingsort dafür. Aber wir müssen akzeptieren, dass es bei den Menschen draußen eben nur ein Raum von vielen ist, in denen man Film sehen kann. Die Zukunft des Films findet auf mehreren Plattformen statt. Damit schafft man auch Diversität.

Auf was freuen Sie sich bei der 55. Jubiläumsrunde am meisten?

ANA RADICA: Ich freue mich am meisten auf die Begegnungen mit den Filmemachern. Sowohl mit den alten Freunden, die kommen, als auch mit den jungen, mit denen ich in den letzten Wochen in Kontakt war.

THORSTEN SCHAUMANN: Das unterschreibe ich zu 100 Prozent. Ich fiebere dem großen Familientreffen entgegen.

Das Gespräch führten Barbara Schuster & Thomas Schultze