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Tommy Wosch: "Paradebeispiel für wechselseitige Verführung"

Showrunner Tommy Wosch war es ein persönliches Anliegen, die Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher noch einmal neu und mit heutigem Blick zu erzählen. So wurde die RTL+-Serie "Faking Hitler", die am Samstag ihre Weltpremiere auf dem Film Festival Cologne feiert, moralischer und kantiger.

22.10.2021 12:18 • von Michael Müller
Tommy Wosch (l.) hat mit Markus Brunnemann "Faking Hitler" produziert. Die Drehbücher schrieb er mit Annika Cizek und Dominik Moser (Bild: UFA/Yves Sucksdorff, RTL/Martin Valentin Menke)

Showrunner Tommy Wosch war es ein persönliches Anliegen, die Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher noch einmal neu und mit heutigem Blick zu erzählen. So wurde die RTL+-Serie "Faking Hitler", die am Samstag ihre Weltpremiere auf dem Film Festival Cologne feiert, moralischer und kantiger. Ab dem 30. November startet "Faking Hitler" dann auf dem Streamingdienst RTL+.

Wie viel Mumm braucht es, nochmal die gleiche Geschichte anders erzählen zu wollen, die Helmut Dietl mit der Satire "Schtonk!" so kongenial Anfang der 90er-Jahren umsetzte?

TOMMY WOSCH: Ich selbst bin riesiger "Schtonk!"-Fan. Dieses Werk gehört zusammen mit "Das Boot" und den zwei Andreas-Dresen-Filmen "Sommer vorm Balkon" und "Gundermann" zu meinen liebsten deutschen Filmen. Es gab also großen Respekt vor diesem Film, gar keine Frage. Aber ein fiktionales Serienformat hat eine andere Möglichkeit, in die Tiefe zu gehen und anders zu erzählen. Ich begreife "Schtonk!" als Real-Satire, die für ihre komödiantische Wirkung auch Seiten des Stoffes ausblendet, die mir persönlich wahnsinnig wichtig sind.

Hätten Sie dafür ein Beispiel?

TOMMY WOSCH: Dafür, dass der Kunstfälscher Konrad Kujau in "Schtonk!" so gut wirkt, hat Dietl darauf verzichtet, die Schattenseiten dieser Figur zu beleuchten. Kujau hat, so wie er Hitler in seinen Tagebüchern sprechen lässt, nichts weniger als Geschichtsrevisionismus betrieben. Wenn das so in unsere Geschichtsbücher eingegangen wäre, dann würden wir heute alle Adolf Hitler als gemütlichen Mann von Nebenan sehen.

Die Miniserie heißt genauso wie ein mehrteiliger "Stern"-Podcast, der die Tondokumente zwischen Kujau und dem "Stern"-Journalisten Gerd Heidemann neu auswertete. Welche Rolle spielte diese Recherche für die Drehbucharbeit an "Faking Hitler"?

TOMMY WOSCH: Der Podcast hat uns, als bequeme Art und Weise, zu recherchieren geholfen. Das hat uns aber nicht davon befreit, trotzdem alle einschlägigen Bücher zu wälzen und alles zu verschlingen, was es dazu gibt. "Faking Hitler" ist angelehnt an den Podcast. Der Podcast hat einen dokumentarischen Anspruch, die Serie ist ein fiktionales künstlerisches Add-on.

Was meinen Sie damit genau?

TOMMY WOSCH: Wir haben die Serie bewusst unter ein Überthema gestellt, nämlich Verführung. Das war eine Möglichkeit, dieses Thema für jeden nicht nur theoretisch zugänglich zu machen, sondern auch tiefer zu empfinden. Verführung ist ein Thema, das uns alle sehr betrifft und bedroht. Die Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher ist ein Paradebeispiel dafür, wann man verführbar ist und wie wechselseitige Verführung funktioniert. Mal hat der "Stern" den Journalisten Heidemann verführt, mal hat Heidemann den "Stern" verführt, dann hat Kujau den Heidemann verführt und andersherum. Wir haben konkret herausgearbeitet, warum bei den unterschiedlichen Parteien Brandmauern eingerissen wurden, die man sich selbst einmal geschaffen hatte, um eben gefeit zu sein vor Verführung.

Ich habe dahingehend "Faking Hitler" auch als offensichtlich moralischer wahrgenommen. In der Miniserie gibt es eine "Stern"-Nachwuchsjournalistin, die als Karriere-Einstieg die NS-Vergangenheit von Horst Tappert zu recherchieren beginnt. Wie viel Fiktion und wie viel Realität steckt in dieser Figur?

TOMMY WOSCH: Ja, klar, "Faking Hitler" ist viel moralischer als "Schtonk!". Als Satire durfte es sich "Schtonk!" leisten, die moralischen Aspekte auszublenden. Wir wollten uns das nicht leisten. Ganz im Gegenteil, genau wegen dieser moralischen Fragen wollte ich diese Serie machen. Wie viel Nationalsozialismus gibt es in unserer Gesellschaft? Hat die Entnazifizierung nach dem Krieg wirklich gegriffen? Wie viel Nationalsozialismus gab es noch Anfang der 80er-Jahre in Deutschland? Gerade die letzte Frage hat mich als jungen Menschen sehr beschäftigt. Damals in Bayern als 13- und 14-Jähriger, gab es in der Gesellschaft gar keine Berührungsängste mit Nationalsozialismus oder den Nazis. Die Militärkasernen wurden benannt nach Nazi-Helden, im Wirtshaus hingen Fotos von SS-Männern. Darunter stand "Unsere Helden". Über-60-Jährige hießen mal gerne Adolf oder erzählten stolz von den Kriegsverbrechen, die sie begangen hatten. So sind wir groß geworden. Die CSU hatte über 50 Prozent. Diese Stimmung Anfang der 80er, wollte ich auch unbedingt in "Faking Hitler" transportieren. Auf der einen Seite sind es diese Altnazis und Sammler von NS-Devotionalien, die Kujaus Krempel ankaufen. Dann gibt es mit Heidemann den Star-Reporter des linksliberalen Magazins, der sich die Göring-Yacht gekauft und mit der Göring-Tochter geschlafen hat. Unsere fiktionale Heldin Elisabeth Stöckel, arbeitet an einer Reportage über Altnazis in Führungspositionen. Dass Nationalsozialismus in dieser Form Anfang der 80er omnipräsent war, wabert als Thema immer am Boden der Serie mit.

Das ist dann auch ein wichtiger Anteil, den Sie dem Stoff aus heutiger Perspektive mitgegeben haben. Wählten Sie mit der Nachwuchsjournalistin auch deshalb eine Identifikationsfigur, damit das jüngere Publikum leichter in die frühen 80er-Jahre der BRD eintauchen kann?

TOMMY WOSCH: Mir war wichtig zu erzählen, dass die Suche nach den Nazis unter uns auch vor der Familie keinen Halt gemacht hat. Man hat sich gefragt, was die Großeltern im Krieg gemacht haben, was für eine Uniform der Großonkel auf diesem alten Foto trägt. Dafür brauchten wir eine Figur, die diesen Aspekt in unserer Geschichte mit abbildet. Das ist eben die von Sinje Irslinger gespielte Figur, der Elisabeth Stöckel, die mit der Nazi-Vergangenheit ihres Vaters konfrontiert wird. Sie ist in dieser unmoralischen Männerwelt der "Stern"-Redaktion auch ein moralischer, feministischer Kompass.

Sie sind nicht nur Head-Autor, sondern auch Produzent der Miniserie. War das Ihre bislang herausforderndste Produktion?

TOMMY WOSCH: Ich sehe "Faking Hitler" auf einer Linie mit dem Kinofilm "Gott, du kannst ein Arsch sein!". Aber diese beiden Projekte sind sicherlich im Vergleich zu allem anderen, was ich bislang gemacht habe, nochmal eine andere Hausnummer. Bei "Faking Hitler" lag die besondere Herausforderung darin, den Stoff trotz zahlreicher Befindlichkeiten so zu erzählen, wie ich es für richtig gehalten habe. Dann hat sich aber eine Türe aufgetan und ich bin sehr dankbar, dass wir das Ganze unter dem Dach der Bertelsmann Content Alliance und mit unserem Partner RTL+ so erzählen durften.

Waren Sie Urheber der Idee, dass diese Geschichte noch einmal frisch und anders erzählt werden sollte?

TOMMY WOSCH: Ja, das war während eines Thailand-Urlaubes, als ich mit etwas Abstand auf unser wunderbares Deutschland schaute. Das Thema, wie viel Nationalsozialismus es in unserer Gesellschaft gibt, hat sich aus meiner Kindheit über die Jugend bis in die Studienzeit gezogen, die geprägt war von Mölln, Solingen, Rostock und Hoyerswerda. Es ging weiter mit den Republikanern und hörte bei der AfD auf, die in meinem Bezirk bei den letzten Wahlen mehr als 20 Prozent geholt hat. Die Geschichte um die gefälschten Hitler-Tagebücher war die perfekte Rampe, um dieses Thema fiktional abzuhandeln. Die Tatsache, dass ein linksliberales Magazin Geschichtsrevisionismus veröffentlicht hat, legt im Schluss nahe, dass Rechtsradikalismus immer und überall passieren kann.

Das ist auch dahingehend spannend bei der Frage, wie viel Humor eigentlich in "Faking Hitler" vorkommen sollte. Vergleicht man zum Beispiel ihren von Lars Eidinger gespielten "Stern"-Journalisten mit Dietls Figur, die Götz George überlebensgroß und zu Schreien komisch anlegte: Dagegen wirkt ihr Gerd Heidemann geradezu entrückt.

TOMMY WOSCH: Wir haben Lars eine richtig schwere Aufgabe mitgegeben, weil wir Heidemann nicht wirklich greifen konnten. Ich habe Heidemann persönlich kennengelernt und auch viel Zeit mit ihm verbracht. Aber ich konnte ihn nicht einordnen. Das macht ihn als Figur auch aus. Für einen Schauspieler ist diese in den Drehbüchern angelegt Indifferenz natürlich eine Herausforderung. Dann braucht man schon einen Ausnahmekönner wie Lars, der das dann für sich interpretiert und auf den Punkt bringt. Die Kujau-Figur ist da natürlich viel einfacher und hat auch mehr Komödiantisches und mehr Helden-Potenzial. Heidemann ist eigentlich von Anfang bis Ende der große Verlierer dieser Geschichte. Übrigens ist er auch der Einzige, der am Ende die Zeche zahlt. Er hat nicht nur sein Berufsleben drangegeben, sondern leidet heute noch unter dieser Geschichte.

Er wird bei Ihnen auch quasi schon als Verlierer eingeführt, wenn er am Anfang als Retter zweier entführter Kinder auftaucht, aber um die tatsächliche Sensationsgeschichte betrogen wird. Der ist schon sehr anders als Götz Georges Hermann Willié angelegt.

TOMMY WOSCH: Das war mir auch total wichtig. Ich finde es toll, wie Götz George das gemacht hat. Aber nehmen wir zum Beispiel mal die Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Tagebücher. Götz George steht auf dem Tisch, posiert, und präsentiert strahlend die Tagebücher. Das ist eine tolle Szene, aber es ist nicht Heidemann. Wenn man sich die Originalaufnahmen der Pressekonferenz anschaut, dann sieht man einen, geradezu verschüchterten, Heidemann, der genötigt wird, die Tagebücher hochzuhalten. Man hört Reporter rufen "Gerd, jetzt halt die Tagebücher doch mal hoch, du weißt doch wie man ein richtiges Foto macht!".

Der Kunstfälscher Kujau ist im Osten geboren, dann in die Gegend von Stuttgart gezogen. Was ist das überhaupt für ein Dialekt, den Moritz Bleibtreu da spricht? Es klingt fast mannheimerisch.

TOMMY WOSCH: In der Realität hatte Kujau einen sehr speziellen Dialekt, weil er aus Sachsen stammt, aber lange Zeit in Württemberg gelebt hat. Moritz hat diesen Mischdialekt großartig getroffen und trotz alledem, kann es natürlich passieren, dass entweder Sachsen oder Schwaben, die die Biografie von Kujau nicht kennen, sich, bzw. ihren Dialekt, falsch dargestellt sehen. Aber damit können wir leben.

Moritz Bleibtreu als Kujau trägt auf jeden Fall in einer teilweise auch ziemlich ernsten Angelegenheit als Unterhaltungsanker, aus seiner Badewanne heraus, durch die Miniserie.

TOMMY WOSCH: Das Überthema für "Faking Hitler" war das Thema Verführung. Konzeptionell wollten wir, dass Kujau in den ersten beiden Folgen der Serie den Zuschauer verführt, dass er so sympathisch und unterhaltsam ist, dass der Zuschauer über all seine offensichtlichen Schwächen hinwegschaut. Gerade zum Ende der Staffel wird dann aber klar, dass Kujau nicht zum Helden taugt. Kujau hat, egal ob aus seiner eigenen Haltung oder aus einer gewissen zeitlichen Dringlichkeit heraus, sich selbst zu Hitler gemacht, oder Hitler zu Kujau. Und diesen Hitlerkujau hat er unglaublich zynische und menschenverachtende Dinge sagen lassen. Ich bin Moritz sehr dankbar dafür, dass er diese Kujau-Reise so brillant umgesetzt hat.

Würden Sie denn sagen, dass das in der heutigen Zeit so viel anders laufen würde, wenn ein ähnlich gelagerter spektakulärer Fall auftreten würde und vor allem die Moral der Medien gefragt ist?

TOMMY WOSCH: Ich glaube, dass es heute exakt genauso laufen würde. Das ist natürlich nichts, was man gerne so hört. Aber wir haben immer noch denselben Anteil an Ausländerfeinden und Rechtsradikalen. Ich glaube auch, dass ein Hitler-Tagebuch immer noch dieselbe Faszination auslösen würde. Und ich glaube auch, dass Journalist*innen für solch einen Coup und ihre eigene Karriere über sehr viele rote Ampeln fahren würden. Ich würde sogar sagen, dass die journalistischen Kontrollmechanismen heute geringer sind als damals. Gerade durch den Druck, den soziale Netzwerke aktuell ausüben, nämlich ohne Kontrollmechanismen und ohne einen bremsenden Moment veröffentlichen zu können. Wirtschaftliche Not bei publizierenden Medien besorgt dann den Rest.

Sie sind seit 2015 Leiter der Comedy-Unit der UFA Fiction, wovon "Faking Hitler" jetzt eines der Aushängeschilder ist. Wie sehen Sie die Entwicklung der Einheit und was planen Sie demnächst?

TOMMY WOSCH: Die Unit darf, dank meiner Geschäftsführer, sehr weit streuen. Letztes Jahr eine Tragikomödie fürs Kino, dieses Jahr "Faking Hitler". Aber auch "Faking Hitler" hat natürlich stark komische Momente. Allein der Fakt, dass auf der Kladde nicht "A.H.", sondern "F.H." draufstand - das kann man nicht schreiben. Wir haben natürlich all diese komischen Momente auch in die Serie mitgenommen. Aktuell arbeite ich an zwei komödiantischen Stoffen, für zwei beliebte deutsche Comedians. Auch bei diesen beiden Projekten, wird es um die Kombination von Tragik und Komik gehen.

Das Interview führte Michael Müller