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Eva Sangiorgi zur 59. Viennale: "Die richtige Balance zu finden"

Heute startet die 59. Edition der Viennale. Das größte österreichische Filmfestival kehrt unter strengen Auflagen zu einer 100-prozentigen Auslastung zurück. Die Organisation war dennoch ein Kraftakt, nicht allein deshalb, weil das Programm über elf anstatt der üblichen 14 Tage gestaltet werden musste. Eva Sangiorgi, Künstlerische Leiterin der Viennale, ist dennoch sehr stolz, wie sie im Interview erzählt.

21.10.2021 08:40 • von Barbara Schuster
Eva Sangiorgi lädt ab heute ein zur 59. Viennale (Bild: Alexi Pelekanos)

Heute startet die 59. Edition der Viennale. Das größte österreichische Filmfestival kehrt unter strengen Auflagen zu einer 100-prozentigen Auslastung zurück. Die Organisation war dennoch ein Kraftakt, nicht allein deshalb, weil das Programm über elf anstatt der üblichen 14 Tage gestaltet werden musste. Eva Sangiorgi, Künstlerische Leiterin der Viennale, ist dennoch sehr stolz.

Vergangenes Jahr war die Viennale eines der wenigen Events, die in Österreich live, unter entsprechenden Corona-Auflagen, stattfinden konnten. Gab es für die 59. Runde in diesem Jahr immer noch besondere Herausforderungen?

EVA SANGIORGI: Die Herausforderung ist immer noch, dass wir als Festival auf die Situation reagieren müssen. Es ist nicht so, dass die Vorgaben der Regierung bezüglich der Corona-Bestimmungen fix sind. Bei der Organisation der diesjährigen Runde gab es immer noch Verunsicherungen in vielen Aspekten, vor allem im Hinblick auf die Logistik. Wie sieht es mit der Auslastung der Kinos aus, wie können wir den Einlass so organisieren, dass sich keine Menschenansammlungen vor den Kinos bilden, welche Technik benötigen wir, um die Impfnachweise bzw. Tests via QR-Code zu kontrollieren? Immerhin können wir unter Auflagen unsere Festivalkinos zu 100 Prozent füllen, im Gartenbaukino unter der 2G-Regel, in den anderen Lichtspielhäusern kommt die 3G+-Regel zur Anwendung. Die Auflagen der Stadt Wien sind strenger als in den anderen österreichischen Bundesländern.

Zudem ist die Viennale etwas kürzer als üblich...

EVA SANGIORGI: Ja, wir finden nur an elf anstatt der üblichen 14 Tage statt. Das heißt, wir mussten den Zeitplan des Programms umgestalten, etwas anders aufplanen als sonst. Das Programming war eher work-in-flow, auch weil viele der Festivals davor zu anderen Terminen stattfanden und sich unser Arbeitsschwerpunkt auf das Ende des Sommers verdichtete, etwas geballter war als üblich.

Die Viennale ist in der bequemen Position, als Festival am Jahresende auch ein "best of the best" der A-Festivals nach Wien einzuladen. Wie haben Sie den Wettbewerbs-Jahrgang in Berlin, Cannes, Venedig oder Locarno aus Sicht einer Programmerin erlebt?

EVA SANGIORGI: Es war allgemein ein sehr gutes Jahr! Man hatte den Eindruck, viele Filme warteten richtig darauf, bei einem der großen Festivals endlich das Licht der Welt erblicken zu können. Die Sélection officielle in Cannes, nicht nur der Wettbewerb, war ein gutes Beispiel: so prall gefüllt, dass man kaum hinterherkam mit dem Anschauen, Journalisten gar nicht in der Lage waren, alle Filme zu besprechen, ihnen die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Die neue Reihe Cannes Premiere war extrem gut bestückt mit Werken etablierter Filmemacher. Auch wir haben uns hier bedient, u.a. Mathieu Amalric mit Serre moi fort" eingeladen oder Andrea Arnold mit "Cow". Es war insgesamt ein wirklich reiches Jahr. Durch unseren enger gesteckten Zeitrahmen konnte ich leider nicht alle Filme aufnehmen, die ich gerne zeigen wollte.

Bleiben wir gleich beim Programm der 59. Viennale. Was ist das Besondere und was macht Sie besonders stolz?

EVA SANGIORGI: Da gibt es viele Aspekte, vom historischen Programm hin zur zeitgenössischen Auswahl... Das historische Programm mit seinen zwei Fokussen ist dieses Jahr ganz besonders und könnte auf den ersten Blick vielleicht etwas stutzig machen. Zum einen haben wir eine Monografie über das Werk von Terence Davies zusammengestellt, eines sehr bekannten Filmemachers; auf der anderen Seite steht mit Fabrizio Ferraro ein eher unbekannter Filmemacher, der für sehr anspruchsvolles, forderndes Kino steht. Die historische Schiene strahlt in meinen Augen eine wichtige Botschaft aus: Denn auch das Werk von Terence Davies steht für Kino mit Qualität, das leider nur eine Randnotiz spielt im big business des Filmgeschäfts. Es sind tolle Filme mit bekannten Schauspielern, bekannten Crewmitgliedern, die kommerziell durchs Raster fallen. Obwohl Terence Davies, der mit fast 80 immer noch aktiv ist, ein so angesehener Filmemacher ist, hat er große Schwierigkeiten, seine Filme finanziert zu bekommen. Seinen letzten drei Filmen haben wir auf der Viennale eine Plattform gegeben, weil sie keinen Verleih gefunden haben. Das ist auch die Verantwortung von Festivals. Denn obwohl es Filmmuseen und Kinematheken gibt - es sind einfach zu wenige Plätze, um die Stimme solcher Autorenfilmer gebührend zu feiern. Fabrizio Ferraro ist in gleicher Weise ein bei Cineasten gefeierter Filmemacher, der völlig unabhängig abseits eingetretener Wege arbeitet und in seinen Arbeiten immer auf der Suche ist nach neuen ästhetischen Formen. Seine beiden letzten Filme wurden in Rotterdam bzw. Berlin uraufgeführt. Wir zeigen sieben seiner Arbeiten, weil ich denke, dass man ihn besser fassen und begreifen kann, wenn man sein Schaffen in einem größeren Zusammenhang betrachtet. Und was kann ich sagen: Mit dem aktuellen Programm bin ich dieses Jahr extrem glücklich. Auch die Filme aus heimischer Produktion sind wirklich exzellent!

Die Viennale lädt dieses Jahr zu einem Panel, auf dem Sie sich mit anderen Festivaldirektoren wie Carlo Chatrian, Giona A Nazzaro oder Paolo Moretti über die Aufgabe und Verantwortung von Filmfestivals in einem sich ändernden Markt Gedanken machen. Was ist Ihre Meinung dazu?

EVA SANGIORGI: Ich denke, die Aufgabe von Festivals liegt darin, einerseits auf die Filmhistorie aufmerksam zu machen, andererseits aber auch neue Strömungen aufzugreifen und Verbindungen aufzuzeigen: Filmgeschichte ist ein fortwährender, sich befruchtender Prozess. Wir haben das große Glück, sehr frei in unserer Gestaltung des Festivals zu sein. Unsere Verantwortung gilt einer besonderen Art von Kino, Autor und Filmemacher. Gleichzeitig darf auch ein Festival wie das unsere den Zuschauer nicht außer Acht lassen, weshalb wir ebenso Filme programmieren, die ein größeres Publikum ansprechen. Unsere Aufgabe ist es, die richtige Balance zu finden. Es geht um die Kunst und das Handwerk. Ich gebe zu, das ist nur eine sehr oberflächliche Aussage. Tatsächlich gehen wir viel mehr in die Tiefe, analysieren sehr genau die Zahlen und Details und sehen uns an, was wir machen in Referenz zu den Festivals in San Sebastian, Locarno, Berlin oder auch Cannes. Natürlich ist es wichtig, Diversität und Inklusion den nötigen Platz einzuräumen, aber am Ende sollten wir uns gemeinsam der Kunst verpflichtet fühlen und nicht der Einhaltung von Quoten.

Viele Filmfestivals haben während der Pandemie versucht, Filme zum Publikum zu bringen, sei es in hybrider Version oder auch rein online. Muss man sich Ihrer Ansicht nach den digitalen Möglichkeiten öffnen, um als Festival zeitgemäß zu sein?

EVA SANGIORGI: Für die Viennale kommt das gar nicht in Frage. Ich verurteile die anderen nicht, die das gemacht haben. Es ist einfach eine andere Sichtweise und Definition. Die Viennale ist ein Publikumsfestival, lebt vom Event vor Ort, in der Stadt. Ein Online-Angebot wäre Selbstmord. Wenn man das nur für die Sponsoren tut, wäre das ein schlechtes Zeichen. Es wäre zu kurz gedacht. Ich hatte die Diskussion mit dem Vorstand, weil gerade das Sehverhalten bei den Jugendlichen ganz anders ist, wie wir alle wissen. Ich habe nichts gegen die verschiedenen neuen Ausspielmöglichkeiten, auch ich schaue Filme auf dem Fernseher an, via Streaming und dergleichen. Aber Festival ist Festival. Vor allem im internationalen Licht ist ein Online-Festival konträr zu meiner Philosophie, weil es ein Festival schmälert, kleiner macht.

2019 wurde Ihr Vertrag bereits bis 2026 verlängert. Gibt es mittelfristige Ziele, die Sie erreichen möchten und freuen Sie sich auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Geschäftsführer, Paolo Calamita, der Ende des Jahres die langjährige Kollegin Eva Rotter beerbt?

EVA SANGIORGI: Ich bin sehr glücklich über die Verlängerung und das Vertrauen, das man in mich setzt. Die Viennale hat eine Tradition, der ich mich verpflichtet fühle. Natürlich habe ich leichte Änderungen vorgenommen. Diese sind nicht unbedingt nach außen sichtbar, weil sie vor allem die Struktur, die Kommunikationsebene innerhalb des Festivals betreffen.

Auf die Zusammenarbeit mit Paolo freue ich mich sehr. Er ist ein Urgestein der Viennale, schon über 20 Jahre dabei. Wir arbeiten ohnehin bereits Hand in Hand, künftig einfach in anderer Funktion. Es macht großes Vergnügen, er ist voller Energie, gehört meiner Generation an. Und obwohl auch er sich dem Erbe der Viennale verpflichtet fühlt, hat er viele neue Ideen, die wir gemeinsam angehen wollen.

Das frisch renovierte Gartenbaukino kam bereits zur Sprache. Welchen Stellenwert spielen Festivals allgemein für Kinos, gerade zu Zeiten, in denen normaler Spielbetrieb nicht möglich war oder ist?

EVA SANGIORGI: Sie sind sehr wichtig. Letztes Jahr, als wir nur ein sehr limitiertes Platzangebot hatten, konnten wir in mehr als den üblichen fünf Festivalkinos in Wien spielen. Wir haben in Wien den Luxus, dass sich die Administration sehr um den Erhalt der Kinos als Ort der Kultur einsetzt. Zur Aufgabe der Festivals gehört es, Menschen im Kino zusammenzubringen, an diesem Ort Diskussionen anzustoßen, Reflexionen über das Gesehene. Dieses Jahr sind wir zurück in den fünf Kernkinos, weil mehr angesichts der Situation einfach nicht möglich gewesen wäre. Aber die Idee steht im Raum, die Viennale künftig wieder für mehr Kinos in Wien zu öffnen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster