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KOMMENTAR: Man muss auch gönnen können

The only way is up! Streaming-Gigant Netflix hat sich im dritten Quartal selbst übertroffen und die Erwartungen der Analysten. Aber der wachsende weltweite Zuspruch geht auch mit steigender Verantwortung einher. Das zeigt die Aufregung um die verletzenden Späße von Vorzeigekomiker Dave Chappelle.

21.10.2021 07:30 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

The only way is up! Streaming-Gigant Netflix hat sich im dritten Quartal selbst übertroffen und die Erwartungen der Analysten. Aber der wachsende weltweite Zuspruch geht auch mit steigender Verantwortung einher. Das zeigt die Aufregung um die verletzenden Späße von Vorzeigekomiker Dave Chappelle. 214 Mio. Abonnenten in aller Welt, und bis Ende des Jahres sollen es 222 Mio. sein: Die ehrgeizigen Ziele des Game-Changers im Medienbereich werden auch nach der Pandemie abgehakt. Analysten und Investoren staunen, und die vollmundige Equity Story des "Direktübertragungsanbieters", wie ihn jetzt deutschnationale Politiker genannt wissen wollen, nimmt trotz Höchstverschuldung weiter keinen Schaden. Im Gegenteil: Die 142 Mio. Haushalte, die in die dystopische Serie aus Südkorea, Squid Game", rund um den Globus zumindest einen zwei Minuten langen Blick geworfen haben, sind vielleicht nur die Speerspitze für ähnliche Erfolge, die aus allen Teilen der Erde folgen werden.

Erstaunlich, wie sehr Netflix die Spielregeln verändert hat. Weltumspannende Hits gab es auch früher, aber die meisten entstammten den Produktionsschmieden Hollywoods. Auf der Streaming-Plattform begeistern Programme aus aller Herren Länder ein Weltpublikum, ungeachtet des Sprach- und Kulturkreises, aus dem sie stammen. Netflix' Content Chief Ted Sarandos nennt dabei mit Blood Red Sky" auch einen deutschen Titel, dem so ein globaler Hit gelungen ist.

Sie sind Frucht der Anstrengungen auf lokaler Ebene: Auch deutschen Produzenten bietet sich eine Chance, die Welt zu unterhalten. Immer reichweitenstärkere Inhalte bedeuten für Netflix und Sarandos aber auch die Verpflichtung, mehr Verantwortung übernehmen zu müssen, um nicht in anderen Kulturkreisen Verstörungen auszulösen. Im eigenen Kulturkreis hat Netflix' Standup-Comedian Dave Chappelle für Empörung bei der LGBTQ+- und vornehmlich der Trans-Community mit Späßen auf ihre Kosten gesorgt. Dass Sarandos dem Künstler beigesprungen ist und nicht das Programm von der Plattform genommen hat, hat die Betroffenen sehr erbost. Ihre Forderungen wiegen schwer vor dem Hintergrund der schwierigen Situation der Trans-Gemeinde in vielen US-Staaten, so schwer wie der Grundsatz der Freiheit der Kunst. Aufregungen wie diese schlagen inzwischen weltweit Wellen. Wenn Sarandos die Konkurrenz von Netflix benennen soll, dann fallen ihm das lineare Fernsehen, Bücher, TikTok und das Game Fortnite ein. Vom Kino ist da nicht die Rede.

Dort werden gerade die schönsten Zahlen mit dem neuen Bond geschrieben. Bald sind vier Mio. Besucher in Deutschland auf der Uhr und auch ein Platin-Bogey für fünf Mio. ist in Reichweite. Ein schöner eigenständiger Erfolg und ein starkes Zeichen für das Comeback des Kinos! Ansonsten gilt: Man muss auch gönnen können.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur