Produktion

Todd Haynes zu "The Velvet Underground": "Ein Geschenk der kreativen Götter"

Beim Festival de Cannes war "The Velvet Underground" eine Sensation. Jetzt kann man Todd Haynes' außergewöhnlichen Dokumentarfilm bei Apple TV+ ansehen. Wir sprachen mit dem Filmemacher, wie er seinen Film um die legendäre Band formte.

18.10.2021 16:27 • von Thomas Schultze
Todd Haynes wollte neue Facetten der Velvet Underground zeigen (Bild: IMAGO / Independent Photo Agency Int.)

Beim Festival de Cannes war "The Velvet Underground" eine Sensation. Jetzt kann man Todd Haynes' außergewöhnlichen Dokumentarfilm bei Apple TV+ ansehen. Wir sprachen mit dem Filmemacher, wie er seinen Film um die legendäre Band formte.

Welcher Song fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie ein Lieblingslied der Velvet Underground benennen müssten?

TODD HAYNES: Den einen Song gibt es nicht. Ich könnte mehrere Songs anführen. Richtiger wäre es aber, das komplette erste Album zu nennen. Der Liederzirkel ist so kohärent und perfekt ausbalanciert, in allen Aspekten transzendent, dass es unmöglich erscheint, einen oder mehrere Tracks herauszugreifen.

War das erste Album auch die Platte, mit der Sie die Band kennengelernt haben?

TODD HAYNES: Ich habe die Velvet Underground so kennengelernt, wie es wohl den meisten gegangen ist. Freunde haben mir das erste Album gesteckt, als ich gerade aufs College gekommen war. Für mich war es so, als wäre jetzt meine Zeit gekommen, diese Musik zu entdecken, die die ganze Zeit schon auf mich gewartet hatte. Ich hörte bereits Bowie und Roxy Music und Punk Rock wie Patti Smith und musste erst einmal verdauen, dass all diese Lieblingsmusik nicht existieren würde, wenn es Velvet Underground nicht gegeben hätte. Das wurde mir mit einem Schlag bewusst, das war ein ganz schöner Hammer: Alles sollte auf diese eine Band hinauslaufen? Verrückt.

War Ihr persönlicher Zugang zu Velvet Underground auch der Ausgangspunkt für Ihren Film?

TODD HAYNES: Der Zugang zu meinem Film war es dahingehend, als dass die Velvet Underground ein Resultat der Gegenströmung all der kreativen Einflüsse und Aktivitäten waren, die in den Sechzigerjahren in den USA zusammenkamen, ganz besonders aber in New York, in der Factory, bei den Bandmitgliedern, was sie von allem anderen absetzte, was es in dieser Zeit sonst noch gab. Weil es eine Hybridbewegung war mit vielen verschiedenen Strängen in der bildenden Kunst, im Filmemachen, in Bereichen wie Musik, Performance, Poesie, entfaltet die Band eine ganz eigenartige Wirkung bei allen, die sie erst Jahre später entdecken. Die Beschäftigung mit der Gruppe an sich inspiriert eine kreative Reaktion. Eben auch bei mir. Weil ich mich so intensiv beschäftigt habe, um ihre Geschichte in meinem Film zu erzählen, kann ich aber auch benennen, warum das so ist.

Wie Sie bereits sagen, sind die Velvet Underground eine der einflussreichsten Rockbands aller Zeiten. Abseits von den Beatles und den Stones gibt es kaum eine Gruppe, die besser dokumentiert und intensiver diskutiert wurde, in Büchern, Filmen, Ausstellungen. Warum also noch ein Film? Wurde nicht schon alles gesagt?

TODD HAYNES: Ich stimme Ihnen zu: Alles wurde bereits gesagt. Das ist der Punkt. Ich wollte keinen Film machen darüber, was man über die Velvet Underground sagen kann. In einem Film muss es darum gehen, was man sieht und hört und was man fühlt. Auf keinen Fall wollte ich eine Doku machen, die sich um redende Köpfe dreht. Klar, wir sehen auch ein paar wirklich tolle Leute, die über die Zeit damals sprechen. Entscheidend für mich war, die richtige Balance zu finden. Ich wollte nur genau so viel Zeitzeugeninterviews als Rahmen einsetzen, damit die Bilder eine eigene Dynamik entfalten können. Der Film soll Augen und Ohren des Zuschauers öffnen, man soll die Velvet Underground begreifen, aber auch ganz ungeschminkt erleben können, wie man sie erlebt hätte, wenn man damals in New York gewesen wäre. Velvet Underground war ein Ereignis, das alle Sinne ansprach. Da war nicht nur die Musik. Es gab eben auch eine Lichtshow und Filme, die bei ihren Auftritten projiziert wurden. Die Gruppe war eng verbunden mit den Filmemachern und anderen Kreativen, die im Umfeld von Andy Warhol aktiv waren. Man muss begreifen, woher sie kamen und was sie erzielen wollten, wenn man verstehen will, woher die Velvet Underground kamen und was wiederum sie erzielen wollten.

Sie setzen Ihre Intention mit einem sehr kreativen Umgang mit der Musik des ersten Albums um, die Sie gleich zu Beginn des Films nach Belieben modifizieren.

TODD HAYNES: Ganz am Anfang hört man Splitter der elektrisch amplifizierten Viola von John Cale und Lou Reeds Gitarre, die wir "Heroin" entnommen haben. Danach kommt der "I've Got a Secret"-Clip, und nach einem Countdown setzt dann ein Loop des Drones von ¿Venus in Furs¿ ohne Gesang ein, den wir im Verlauf der ersten Stunde des Films immer wieder spielen, ein bisschen, wie man in einem Spielfilm den Score verwenden würde, um die Spannung zu steigern. Die Velvet Underground sollten keine abstrakte Größe sein. Es geht darum, diese Band erfahrbar zu machen, wir wollen Lust auf sie machen. Wer sie bereits kennt, soll sie noch einmal neu entdecken. Wenn dann nach einer Stunde "Venus in Furs" so erklingt, wie man den Song in Erinnerung hat, hört man ihn ganz anders, weil man ganz anders auf ihn eingestimmt wurde. Man soll sich in die Musik hüllen wie in eine Decke. Das war das Ziel.

Sie sprechen Entdeckungen an. Gab es auch für Sie Entdeckungen, während Sie den Film gemacht haben?

TODD HAYNES: Egal, wie gut ich auch vorbereitet gewesen sein mag, gerade bei den Interviews mit den Zeitzeugen ergaben sich immer noch neue Aspekte und Details, die mir nicht bewusst gewesen waren. Das ist aber nicht wirklich relevant. Wichtig für mich war, dass mich die Gespräche ermutigten, eingetretene Pfade zu verlassen und Dinge einfach auszuprobieren, Experimente zu machen. Wie wäre es, wenn man Andy Warhols "Screen Test" mit Lou Reed in voller Länge zeigen würde? Diese Aufnahmen kannte man bislang nur als Schlaglichter oder kurze Clips. Aber einen ganzen Test hatte ich noch nie gesehen. Wie würde er wirken, wenn man ihn konterkariert mit Ausschnitten aus anderen experimentellen Filmen der Zeit? Es entwickelte eine ganz eigene Power, ihnen zuzusehen, Figuren aus Fleisch und Blut, wie sie fast regungslos direkt in die Kamera blicken. Ich wusste, dass es cool aussehen würde. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass die Wirkung so profund und bewegend sein würde.

Sie schlagen auch eine interessante Brücke von der Experimentalmusik der Zeit zu den Arbeiten des filmischen Untergrunds.

TODD HAYNES: Wichtig war mir, dass man als Zuschauer die Bedeutung des Drones begreift, mit dem LaMonte Young damals für Aufsehen sorgte. Nachdem er eine von LaMonte Youngs Shows besucht hatte, nahm er die Arbeit an seinen Langfilmen "Kiss", "Sleep" und "Empire" auf. Aber erst wenn man die Drone-Musik hört und dazu Szenen der Filme sieht, stellt man selbst diese Verbindung her.

Eine treibende Kraft des Films ist John Cale, der Ihnen für Interviews bereitwillig zur Verfügung stand und sich als bezaubernder Erzähler erwies. Hatten Sie bereits vor dem Film gewusst, dass sein Material so unterhaltsam sein würde?

TODD HAYNES: Ich hatte ihn nur einmal vor Jahren kurz auf einem Filmfestival getroffen. Er hatte mit meiner Produzentin Christine Vachon an den Scores von "I Shot Andy Warhol" und anderen Filmen gearbeitet. Für die Doku lernten wir uns erst richtig kennen. Es war eine Ehre. Ihm war es wichtig, dass der Film in die Tiefe geht, nicht nur über Sex und Drogen und Tratsch erzählt. Er nahm sich Zeit, er war gut gelaunt. Er war unwiderstehlich. Mir ist bewusst, dass der Eindruck entstehen könnte, dass Lou Reed im Vergleich zu ihm zu kurz kommt. Gleichzeitig finde ich aber, dass sich im Lauf der Jahrzehnte zu sehr das Bewusstsein durchgesetzt hat, die Velvet Underground seien nur Reeds Band gewesen. Die Gruppe ist deshalb zeitlos, weil diese beiden gegensätzlichen, widersprüchlichen Typen aufeinandertrafen und sich gegenseitig kreativ befruchteten. Und die Beiträge der anderen Mitglieder, Sterling Morrison und Mo Tucker, darf man auch nicht unterschätzen.

Wie viel Zeit haben Sie in "The Velvet Underground" investiert?

TODD HAYNES: Ich habe immer wieder einmal an dem Film gearbeitet. 2018 hatten wir die Interviews im Kasten, zudem hatten wir eine riesige Datenbank mit den Archivaufnahmen und Avantgardefilmen aufgebaut. Während ich loszog, um im Herbst des Jahres "Vergiftete Wahrheit" zu drehen und mit meinem Editor Affonso Gonçalvez fertigzustellen, setzte sich unser anderer Editor, Adam Kurnitz, schon einmal daran, das Material zu sortieren. Ende 2019 stießen wir wieder dazu. Fonsie und ich waren in Los Angeles, Adam saß in New York.

Und dann kam Covid?

TODD HAYNES: Dann kam Covid. Wir waren zunächst nicht sicher, was passieren würde. Dann realisierten wir, dass uns dieses Projekt durch die Pandemie tragen würde. Fonsie und ich waren ohnehin schon in einem Raum zusammen gewesen, also begaben wir uns zusammen in Quarantäne und tauchten ein in die Velvet Underground. Es war wie ein Geschenk der kreativen Götter. Wir brauchten nicht mehr, wir hatten alles vor uns. Kann man es besser treffen, als von dieser unglaublichen Ära gerettet zu werden, die uns jeden Tag zur freien Verfügung stand?

Das Gespräch führte Thomas Schultze.