Kino

Kino-Neustart: Zauberhaftes Debüt

Auch am dritten Wochenende konnte "Keine Zeit zu sterben" mit hervorragender Besucherentwicklung glänzen, gleiches gilt für "Dune". Erwartungsgemäß schafften es diesmal gleich mehrere Neustarts in die Top 10 - darunter der stärkste deutsche Debütant seit dem Frühjahr 2020. Zwar gab es erneut einige Enttäuschungen, aber die Zahlen am ersten Kinowochenende seit weitgehender Abschaffung kostenloser Tests waren unter dem Strich richtig gut.

18.10.2021 15:04 • von Marc Mensch
Das Top-Debüt für einen deutschen Film während der Corona-Zeit gelang "Die Schule der magischen Tiere" (Bild: Leonine)

Das Neustart-Sterben der Vorwoche hat sich am vergangenen Wochenende erwartungsgemäß nicht wiederholt - natürlich auch deshalb nicht, weil diesmal deutlich hochkarätigere Projekte ins Rennen geschickt wurden, als zum ersten Wochenende nach dem "Bond"-Start. Fünf Debütanten schafften es in die Top Ten, zwei weitere immerhin noch in die Top 20. Und obwohl das Boxoffice in den deutschen Kinos gegenüber der Vorwoche um rund 2,8 Prozent abbaute, waren 5,8 Prozent mehr Besuche zu verzeichnen. Eine Diskrepanz, die natürlich auf die Stärke der Kinder- bzw. Familienfilme zurückzuführen ist - denen es durch kurzfristig beschlossene Testpflichten für Schüler*innen in einzelnen Bundesländern (darunter ausgerechnet dem bevölkerungsreichsten) aber leider verwehrt bliebt, ihr volles Potenzial auszuspielen.

Zunächst einmal generell zu den Zahlen, die sich bei der FilmSource-Auswertung von Comscore stets ohne Previews verstehen: Mit gut 1,47 Mio. Besuchern und fast 14,1 Mio. Euro Umsatz konnten die deutschen Kinos das sehr gute Niveau der Vorwoche halten. Obwohl die deutschen Kinos offenbar immer noch nicht wenigstens annähernd zu 100 Prozent wieder am Start sind (der von Comscore erfasste Anteil lag zuletzt bei 86 Prozent der regulären Kinos; die auf das Vorwochen-Ergebnis aufgeschlagenen Nachmeldungen beliefen sich zuletzt nur noch auf etwa 5000 Besucher), lag der Gesamtmarkt erneut (wenngleich nur um ein Prozent nach Ticketumsatz) über der so wichtigen Benchmark des "mittleren Wochenendes" der vergangenen fünf Jahre, nach Besuchern fehlten lediglich sieben Prozent. Der Rückstand auf das Jahr 2020 nimmt natürlich weiter ab, zuletzt lag er bei 23,9 Prozent nach Besuchern und 20,4 Prozent nach Umsatz. Insgesamt stehen für 2021 (wohlgemerkt: ohne Previews) bislang rund 25,3 Mio. Besucher zu Buche, Gower Street prognostizierte zu Beginn des dritten Quartals 47,1 Mio. Besucher bis zum Ende des Jahres.

Die Zahlen sind natürlich umso erfreulicher, als das vergangene Kinowochenende das erste war, seit Corona-Tests für Impfunwillige kostenpflichtig wurden. Eine Situation, der mehrere Kinos mit dem Angebot von "Selbsttests unter Aufsicht" zum Selbstkostenpreis begegneten.

Dass es erneut gute Zahlen zu feiern gibt, liegt natürlich nicht zuletzt an Keine Zeit zu sterben" und seiner Standfestigkeit. Nachdem der Blockbuster am zweiten Wochenende nur um 21 Prozent nach Besuchern abgebaut hatte, und schon zu Beginn des dritten Wochenendes die mit einem Bogey in Gold gekrönte Marke von drei Millionen Kinobesuchern in Deutschland im Sturm genommen hatte, ging es diesmal auch nur um knapp 23 Prozent zurück. 712.000 Besucher hätten vor dem Start des vierten Quartals noch das mit Abstand beste Debüt der Corona-Zeit markiert, für "Bond" war es "nur" das dritte Wochenende. Aktuell steht der Film bei fast 3,7 Mio. Besuchern, die vierte Million wird also in dieser Woche fällig. Wenn es bei dieser Entwicklung bleiben sollte, wird "Keine Zeit zu sterben" das Gesamtergebnis des letzten ganz großen Hits vor der Pandemie, Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers", schlagen können.

Richtig gute Nachrichten gibt es von Platz 2 - leider nicht ohne ein kleines "Aber". Denn Die Schule der magischen Tiere" zählte selbstverständlich zu den Filmen, denen die Entscheidung einzelner Bundesländer, Schüler*innen in den Ferien einer Testpflicht zu unterwerfen, deutlich geschadet haben dürfte. Umso schwerer wiegt der Erfolg, den Leonine erzielen konnte: 246.222 Besucher markieren das beste Debüt eines deutschen Films seit dem Frühjahr 2020, insgesamt war es der sechstbeste Corona-Start überhaupt. Hinzu kommen noch hervorragende Preview-Zahlen (die nicht Teil der Filmsource-Auswertung sind), die das Gesamtergebnis der Bestselleradaption auf rund 308.000 Besucher nach dem ersten Wochenende schrauben.

Solide Debüts gelangen zudem Boss Baby - Schluss mit Kindergarten" (den ebenfalls die Testproblematik traf) mit gut 85.000 Besuchern auf Rang 4 und Es ist nur eine Phase, Hase" mit gut 41.000 Besuchern auf Rang 5. Mit The Last Duel" (Platz 7, knapp 21.000 Besucher) und The Ice Road" (Platz 9, knapp 19.000 Besuchern) schafften noch zwei weitere Neustarts den Einstieg in die Top Ten, wobei wenigstens das Resultat des Films von Ridley Scott mit Adam Driver, Jodie Comer und Matt Damon eher unter "Enttäuschung" verbucht werden muss - allerdings ging der Film in den USA mit einem Debüt unterhalb der fünf Mio. Dollar ebenfalls unter.

Apropos USA: Auch wenn Halloween Kills" nicht an die sensationellen Zahlen des Vorgängers (über 76 Mio. Dollar) aus dem Jahr 2018 anknüpfen konnte, ist ein Debüt von über 50,4 Mio. Dollar ein absoluter Triumph - umso mehr, als der Film zeitgleich auf dem Streaming-Dienst Peacock veröffentlicht wurde und die Besucherbewertungen nicht übermäßig positiv ausfielen. Klare Argumente gegen Day&Date-Starts lieferte dieses Debüt jedenfalls nicht - auch wenn Peacock zu den gegenüber den Platzhirschen aktuell noch sehr klar abgehängten Diensten zählt.

Dass "Halloween Kills" zum Start nur etwa sechs Mio. Dollar weniger einspielte, als dies "Keine Zeit zu sterben" (ohne Berücksichtigung des Feiertags am Montag) gelungen war, unterstreicht aber auch, wie wenig herausragend das "Bond"-Debüt in den USA tatsächlich war. Zumal sich der Film nun am zweiten Wochenende auch nicht übermäßig gut hielt - ein Minus von 57 Prozent nach Besuchern bedeuteten aber zumindest keinen Absturz in Venom"-Regionen. Venom: Let there be Carnage" konnte sich mit einem Minus von diesmal nur 48 Prozent immerhin berappeln und steht vor allem dank des sensationellen Debüts bei großartigen 168 Mio. Dollar, während "Bond" in den USA heute die 100 Millionen voll macht.

Zurück zum deutschen Markt und den weiteren Neustarts: Tatsächlich gab es unter den Top Ten der Debütanten diesmal nur einen mit lediglich dreistelligen Besucherzahlen: die Event-Programmierung "Salzburg im Kino 2021" sahen 749 Gäste. Fünfstellige Zahlen schrieben hingegen noch Fly" (Platz 16, gut 8100 Besucher), Supernova" (gut 6700 Besucher), Resistance - Widerstand" (Platz 23, gut 3800 Besucher) und "Auf Alles, was uns glücklich macht" (Platz 26, knapp 3100 Besucher). Dennoch zeigt sich erneut, was seit dem bundesweiten Neustart gilt: Es kommen deutlich mehr Filme auf die Leinwände, als der Markt aufnehmen kann, herbe Enttäuschungen gibt es auch bei größeren Projekten, viele kleinere gehen völlig unter. Dass sich in den Top 20 dieser Woche kein Neustart der Vorwoche mehr findet, unterstreicht dies nur.

Absolut erwähnenswert bleibt unterdessen in seiner fünften Woche Dune". Obwohl er die attraktivsten Leinwände schon zwei Wochen nach Start an "Bond" abgeben musste, hält sich das Meisterwerk von Denis Villeneuve meisterhaft - auch am letzten Wochenende baute er um weniger als 24 Prozent nach Besuchern ab und ist mit über 1,4 Mio. Besuchern in Deutschland bereits der vierterfolgreichste Film der Pandemie.

Generell entwickelten sich etliche Filme weiterhin gut. Das Phänomen Paw Patrol: Der Kinofilm" verlor dank der Schulferien in mehreren Bundesländern nur etwas mehr als vier Prozent seiner Besucher und zählte über 33.000 weitere Zuschauer. "Schachnovelle" gab um weniger als 15 Prozent nach und steht nun bei mehr als 100.000 verkauften Tickets. Tom & Jerry" - längst für das Wohnzimmer erhältlich - brachte es mit einem Minus von gut 20 Prozent auf fast 13.000 weitere Besucher und auch "Die Unbeugsamen" baute um weniger als 12 Prozent ab.

Die deutlichsten Rückgänge in den Top 20 erlebten After Love" mit 60 Prozent Minus, "Beckenrand Sheriff" mit knapp 53 Prozent Rückgang und Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings", der ohne Previews bei knapp 800.000 Besuchern steht und um 51,5 Prozent abbaute, allerdings auch überproportionale viele Locations hatte abgeben müssen. Dazu nur eine Randbemerkung: Glaubt man Reviews auf Google und Facebook, gab es das eine oder andere Kino, in dem es versäumt wurde, die Untertitel zu den ausführlichen Passagen einzublenden, die auch in der deutschen Fassung in chinesischer Sprache ablaufen. Fehler, wie sie schon generell nicht passieren sollten - umso weniger aber, wenn es Menschen nach einer Pandemie wieder für das Kino zu begeistern gilt...

Interessant ist einmal mehr der Blick auf die einzelnen Bundesländer. Dort steht Nordrhein-Westfalen tatsächlich leicht überdurchschnittlich dar. Die dort geöffneten regulären Kinos erzielten Besucherzahlen, die um 275 Prozent über der unteren Benchmark des schlechtesten Ergebnisses der fünf Jahre vor Corona lagen, der bundesweite Schnitt der wiedereröffneten Kinos lag bei 263 Prozent. Vergleichsweise schlecht schneidet wieder das Bundesland mit der niedrigsten Impfquote ab: Sachsen brachte es nur auf 190 Prozent. Ganz anders die Situation in Schleswig-Holstein, das mit 450 Prozent glänzte.

Noch kurz der Blick nach Österreich, wo sich der Markt mittlerweile schwächer zeigt als jener in Deutschland. Obwohl der Anteil der geöffneten Kinos die 100 Prozent laut Comscore dank einiger Open-Air-Veranstaltungen und der Neueröffnung des Cineplexx Weiz Ende September die 100 Prozent mittlerweile sogar überschritten hat, blieb der Markt relativ deutlich hinter dem mittleren Vergleichswochenende zurück, um sechs Prozent nach Umsatz und sogar um 22 Prozent nach Besuchern. Anders das Bild in den Niederlanden, wo man die Hürde nach Umsatz um satte 20 Prozent übersprang und sie nach Besuchern um sieben Prozent verpasste. Gegenüber dem Vorwochenende legten die Niederlande nach Besuchern um sieben Prozent zu.

Kommende Woche gibt es erneut gut ein Dutzend Neustarts - darunter die in den USA so überaus stark gestarteten Filme "Venom: Let there be Carnage" und "Halloween Kills". In den Arthouse-Kinos (wo derzeit natürlich auch "Bond" den Ton angibt) wird sich die Aufmerksamkeit auf The French Dispatch" richten.