Kino

Drehbuchautorin Dinah Marte Golch: "Ein tolles Spielfeld für uns Autoren"

Drehbuchautorin Dinah Marte Golch spricht über ein Drehbuchcamp der FFF Film Commission Bayern, das ins Allgäu führte, das Arbeiten für die Königsklasse "Tatort" und die Bewegung, die durch die Streamer in den Markt gekommen ist.

14.10.2021 13:40 • von Barbara Schuster
Dinah Marte Golch (Bild: Florian Froschmayer)

Drehbuchautorin Dinah Marte Golch spricht über ein Drehbuchcamp der Film Commission Bayern, das ins Allgäu führte, das Arbeiten für die Königsklasse "Tatort" und die Bewegung, die durch die Streamer in den Markt gekommen ist.

Wie wichtig ist es für Sie als Drehbuchautorin, an Angeboten wie dem der Film Commission Bayern teilzunehmen? Was konnten Sie aus dem Allgäu "mitnehmen"?

DINAH MARTE GOLCH: Für mich war dieses Angebot eine reizvolle, neue Herangehensweise an interessante Stoffe. Natürlich war es schön, diesen Teil Bayerns in seiner Vielfältigkeit zu erleben, inspirierend waren aber vor allem die Menschen, die wir kennen lernen durften und mit ihnen ungewöhnliche Lebensgeschichten und Schicksale. Die Leidenschaft, mit der die Menschen ihre Haltungen und Nischen leben, erinnerte uns Autor*innen oft an unser eigenes Herzblut im kreativen Schreibprozess - und wir haben diverse Ideen für Stoffe mitgenommen.

Sie sind fest verwurzelt im deutschen Fernsehen, arbeiteten für verschiedene Formate. Zudem schrieben Sie bereits fünf "Tatorte", der gemeinhin als Königsklasse gilt. Ist das Arbeiten am "Tatort" ein komfortableres Arbeiten im Vergleich zu anderen Formaten oder ist der Druck nur größer?

DINAH MARTE GOLCH: Ich glaube, man kann das nicht verallgemeinern. Nur weil pro Ermittler-Team zwei oder drei Tatorte im Jahr gedreht werden und damit bestimmte Drehzeiten gehalten werden müssen, heißt das nicht, dass dadurch eine Geschichte oder eine Zusammenarbeit mit Regie, Produktion und Redaktion besser oder leichter wird. Letztendlich kommt es doch immer darauf an, ob die Figuren und Dilemmata eines Stoffes uns berühren können, etwas in uns anstoßen, nachhallen. Das gilt für einen Tatort genauso wie für ein Einzelstück, für ein Dauer-Serienformat ebenso wie für Mini-Serie. "Komfortabler" würde ich generell für mich umdefinierten: Berührt mich meine Idee so nachhaltig, dass ich ein Jahr mit meinen Figuren in sie hinein tauchen will? Und habe ich Partner an meiner Seite, von Produzent*in über Redakteur*in bis Regisseur*in, mit denen ich zum einen menschlich gut arbeiten kann (was nicht heißt, dass man immer einer Meinung ist), und mit denen zum anderen die Geschichte wachsen kann?

Wie entwickelt sich der Markt für Sie/für Drehbuchautoren allgemein unter dem Einfluss neuer Player?

DINAH MARTE GOLCH: Nach meinem Empfinden, wird ein Großteil der Filmschaffenden, auch Sender, mutiger, verlassen das Bewährte, probieren mehr Neues aus. Das ist für uns Autoren ein tolles Spielfeld. Das heißt aber nicht, dass "neu" automatisch gut ist und es heißt auch nicht, dass Streaming-Dienste genauer wissen, was sie wollen oder wo sie in einem Jahr sein werden. Was mir gut gefällt, ist, dass den Autor*innen (zumindest meistens) ganz selbstverständlich großes Gewicht beigemessen wird. Natürlich hat durch die neuen Player jeder Kreative Zugang zu den unendlich vielen Formaten bekommen, die man sich früher eher langwierig organisieren musste oder die man nur auf einem exklusiven Filmfestival im Ausland zu sehen bekam. Dadurch sind sicher viele Köpfe, Blickwinkel und Türen geöffnet worden.

Merken Sie, dass sich auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern etwas ändert, was Inhalte betrifft, was größere Freiheiten für Autoren betrifft?

DINAH MARTE GOLCH: Die Streamer haben dazu beigetragen, dass die Serie eine ganz neue Belebung erfährt, es gibt inzwischen so viele Möglichkeiten, solche Formate auch für die Mediatheken zu entwickeln. Dadurch werden Stoffe auch mutiger, finde ich. Sender gucken nicht mehr nur auf die Quote der Ausstrahlung, sondern eben auch darauf, wen die Filme und Serien über die Mediatheken erreichen.

Sie sind seit 2015 im Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren. Was steht dort auf der Agenda? Welche Themen bewegen Sie und Ihre Kollegen?

DINAH MARTE GOLCH: Ich habe vor Kurzem aus Zeitgründen vom Vorstand in den Beirat gewechselt. Ich habe in den letzten sechs Jahren neben dem Schreiben ein Nachwuchsförderprogramm im VDD aufgebaut, was sehr zeitintensiv (und erfüllend) war. Als Beirat werde ich mich weiter für den Nachwuchs engagieren. Was immer Thema im VDD war und wofür die Kollegen weiterhin kämpfen, ist die Sichtbarkeit der Autor*innen, sind angemessene Honorare, gute Verträge. Ich bin seit zwanzig Jahren im Verband und auch wenn der VDD in dieser Zeit sehr viel erreicht hat, diese Themen waren schon damals Themen. Die Palette unserer Anliegen ist bunt und groß, vielleicht kann man sie in Kürze auf den Punkt bringen: "Ohne Drehbuch kein Film. Eat this."

Derzeit arbeiten Sie an Ihrem ersten Kinoprojekt. Was ist "Das verf...lixte 15 1/2te Jahr" für eine Geschichte? Wie ist der Stand der Dinge und wie unterscheidet sich die Arbeit im Vergleich zum Fernsehen? Gibt es schon Partner?

DINAH MARTE GOLCH: Es ist eine Familien-Komödie, der auch viel Drama zugrunde liegt. Ich habe für diesen Stoff eine Drehbuchförderung bekommen und dadurch konnte ich die Geschichte erst mal ganz für mich entwickeln, viel ausprobieren, schreiben ohne Zeitdruck. Das Drehbuch gibt es jetzt in einer Fassung, mit der ich ins kreative Gespräch gehen will, das heißt, ich treffe jetzt Produzenten:innen und gucke, mit wem ich den Film gerne realisieren möchte.