Kino

KOMMENTAR: Die Karawane zieht weiter... und weiter...

Mittlerweile macht der kleine In-Joke die Runde, Todd Haynes' (im übrigen großartiger) Dokumentarfilm "The Velvet Underground" habe vor seinem aktuellen offiziellen Start bei Apple TV+ am 15. Oktober eine größere Europatournee hinter sich als die legendäre Band von Lou Reed und John Cale selbst.

14.10.2021 07:43 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Mittlerweile macht der kleine In-Joke die Runde, Todd Haynes' (im übrigen großartiger) Dokumentarfilm The Velvet Underground" habe vor seinem aktuellen offiziellen Start bei Apple TV+ am 15. Oktober eine größere Europatournee hinter sich als die legendäre Band von Lou Reed und John Cale selbst. Was, auch das muss gesagt werden, kein Kunststück ist, da die Velvet Underground in den wenigen Jahren ihrer Existenz nie außerhalb der USA gespielt haben. Was nichts daran ändert, dass sich der Regisseur und seine Produzentin Christine Vachon von Killer Films T-Shirts mit Tourdaten drucken lassen könnten: Nach der Weltpremiere in Cannes im Juli machte der Film die Runde in San Sebastian, Zürich, Hamburg und schließlich in London.

Eine Karriere, die in diesem Jahr eine ganze Reihe von Filmen gemacht haben, in erster Linie ausgehend von ihren Premieren in Cannes, Locarno oder Venedig: Titane", The French Dispatch", "Die Hand Gottes" oder The Power of the Dog" haben allesamt multiple Stops im Festival-Circuit hinter sich, bevor sie nun, sofern es sich nicht um Titel eines Streamers handelt, nach und nach regulär in den Kinos gestartet werden. Das mag in diesem Jahr besonders auffallen, wo die Termine aufgrund des bis Juli anhaltenden Covid-Lockdowns so irre dicht gedrängt sind. Aber schon im letzten Jahr konnte man bemerken, dass die einstige Maßgabe, seinen Film nur auf ausgewählten Festivals exklusiv zu zeigen und sich eher rar zu machen, einer neuen Philosophie der flächendeckenden Festivalabdeckung gewichen war. Das war scho auch dem Umstand geschuldet, dass niemand so recht wusste, ob und wie die Filme während der Pandemie regulär ausgewertet werden können, rührt aber auch vom Eifer der Streamer her, ihre Prestigefilme mit den großen Namen auch standesgemäß auf der großen Leinwand zu zeigen, um die Macher zu besänftigen, die ihren ehedem ehernen Standpunkt, ihre Filme müssten unbedingt im Kino gezeigt werden, dann doch recht schnell gegen die große kreative Freiheit, die von den Streamern eingeräumt wird, eintauschen.

So ist in den letzten zwei oder drei Jahren eine regelmäßige Karawane entstanden, die durch die namhaften Festivals tingelt und allein mit Auftritten dort auf eine beachtliche Zuschauerzahl kommt - nur dass die Einnahmen nicht mit den Verleihern abgerechnet werden. Je mehr sich Touren durch die Festivals als eigene Auswertungsform etablieren und auch für eine ganz neue Form des Festivalfilms sorgen, desto mehr rätselt man von Verleiher- und Kinobetreiberseite, wie sich die Begeisterung, die diese Produktionen im Eventrahmen eines Festivals entfachen, auf die kommerzielle Auswertung übertragen lassen, wo Filme, um die sich gerade noch die Menschen geprügelt hatten, um sie sehen zu können, dann oftmals vor auffallend leeren Sälen spielen.

Thomas Schultze, Chefredakteur