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Lancelot von Naso: "War manchmal wie Sudoku spielen"

Lancelot von Naso ist einer der Regisseure und Drehbuchautoren des großen Serien-Prestigeprojekts "Blackout" von Joyn und Sat.1 über einen europaweiten Stromausfall. Er erzählt, wie schwierig es war, dass die Menschen für die heute startende Serie einfach mal das Licht ausmachten.

14.10.2021 07:26 • von Michael Müller
Mit Kai-Uwe Hasenheit hat Lancelot von Naso "Blackout" geschrieben, die Regie teilte er sich mit Oliver Rihs (Bild: Reiner Pfisterer)

Lancelot von Naso ist einer der Regisseure und Drehbuchautoren des großen Serien-Prestigeprojekts "Blackout" von Joyn und Sat1 über einen europaweiten Stromausfall, das am heutigen Donnerstag bei Joyn Plus+ startet. Von Naso erzählt, wie schwierig es war, dass die Menschen für die Serienproduktion einfach mal das Licht ausmachten.

Wie sind Sie als Regisseur und Drehbuchautor zu dem Prestige-Projekt "Blackout" von Joyn und Sat.1 gekommen?

LANCELOT VON NASO: Max Wiedemann und Quirin Berg besaßen schon länger die Verfilmungsrechte von Marc Elsbergs Bestseller. Sie wagten dann nochmal einen neuen Ansatz und fragten dafür mich und Kai-Uwe Hasenheit, ob wir dieses neue Konzept machen wollten. Wir begannen, das Drehbuch zu schreiben. So wurde ich am Ende auch gemeinsam mit Oliver Rihs Regisseur bei diesem Projekt. Kai-Uwe Hasenheit und ich haben bei der Adaption ein paar Dinge nochmal neu gedacht. Der Roman ist großartig, aber auch mehr als 800 Seiten lang. Uns ging es darum, unserer Charaktere noch persönlicher in die Geschichte, den Blackout, zu involvieren. Die Rückblenden um Moritz Bleibtreus Protagonisten und dessen Vergangenheit in Genua gibt es so zum Beispiel nicht in der Vorlage. Gleichzeitig war es uns wichtig, die Essenz des Romans zu erhalten. Der Pitch kam sehr gut an. Dann fingen wir an zu arbeiten und haben eigentlich zwei Jahre nicht mehr aufgehört.

Über das Figurenpersonal hinaus: War es schwierig, den Roman als Miniserie umzusetzen?

LANCELOT VON NASO: Es ist schon eine komplexe, vielschichtige Geschichte. Das in eine dramaturgische Form zu bringen, war schon eine Herausforderung. Vor allem der Buch-Aspekt, dass gewisse Szenen nur nachts spielen konnten, machte es von der Kontinuität schwieriger. Man konnte nicht einfach Szenen verlegen, weil bei eingeschaltetem Licht manche Momente gar nicht funktionierten. Durch die Mechanik der Katastrophe war vorgegeben, dass bestimmte Dinge auch nur zu bestimmten Zeiten geschehen konnten. Die Leute konnten nicht schon nach zwei Tagen hungern, weil das Essen erst nach drei Tagen ausgeht. Die Aufgabe war es, dass wir eine spannende, filmische und serielle Struktur finden und gleichzeitig die realen Fakten, die ein solcher Blackout beinhaltet, respektieren. Das war manchmal wie Sudoku spielen.

"Blackout" hat eine bemerkenswerte Produktionsgröße mit internationalem Cast, vielen Drehorten, Actionszenen und digitalen Effekten. War das Ihre bislang anspruchsvollste Produktion?

LANCELOT VON NASO: Bestimmt. Gut war, dass ich für alle Elemente, die ich jetzt brauchte, schon ein wenig Übung hatte. Actionszenen hatte ich schon in anderen Filmen gemacht oder zum Beispiel auch Kinder inszeniert. Aber in der Summe war das schon eine große Herausforderung und gleichzeitig toll, weil es einem die komplette Klaviatur des Regieführens abverlangte, wenn Massenszenen gedreht wurden oder wir Bilder für den Blackout kreieren mussten. Ich finde, das ist auch das Tolle an der Serie, dass sie so abwechslungsreich geworden ist. Emotionale Szenen, die dicht an den Figuren sind, stehen neben Szenen, die auch die politische und gesamtgesellschaftliche Tragweite eines solchen Stromausfalls zeigen. Ich habe schon sehr geliebt, das machen zu dürfen. Als ich begann, Filme zu machen, war es immer schon mal das Ziel, genau so etwas eines Tages machen zu können: Einen spannenden unterhaltsamen Thriller zu erzählen, der aber auch etwas über unsere heutige Welt aussagt.

"Blackout" fühlt sich als Serie sehr zeitgeistig an, obwohl die Vorlage aus dem Jahr 2012 stammt. Wie sehr sehen Sie selbst unsere Zeit mit dem zunehmenden Klimawandel und Themen wie Nord Stream 2 getroffen?

LANCELOT VON NASO: Das Buch war wirklich vor dem Zeitgeist und natürlich auch noch viel detaillierter in den Zusammenhängen, als wir das jetzt in der Serie behandeln können. Mich faszinierte an dem Thema Energie, wie abhängig die Gesellschaft davon ist. Alles, was wir tun, funktioniert ohne Energie nicht mehr, weil mittlerweile selbst die Stromzähler digital sind. Das ist zugleich faszinierend und erschreckend. Mir war zum Beispiel auch nicht klar, welche Lieferketten daran hängen, weil es kaum mehr Vorratsspeicherung von Dingen gibt. Bei zwei Tagen Blackout gibt es dann plötzlich gar nichts mehr - und nicht nur wie während Corona kein Klopapier.

Sie haben die Miniserie unter Pandemie-Bedingungen gedreht. Wie viel schwieriger wurden so zusätzlich die Dreharbeiten?

LANCELOT VON NASO: Unter den Pandemie-Bedingungen Massenszenen zu drehen, war schon teils mühsam, etwa wenn regelmäßig in Räumen gelüftet werden musste. Das ging dann auch von der Drehzeit ab, die für solch eine Produktion auch nicht üppig war. In Südtirol wollten wir eigentlich einen großen Teil der Serie drehen, hatten die Locations ausgesucht, mussten dann aber aus Pandemie-Gründen vieles davon absagen, weil es einfach nicht ging. Diese Locations haben wir dann wiederum woanders gesucht, sind aber natürlich trotzdem nach Südtirol gefahren, um zumindest die großen Totalen zu drehen. Da haben wir im Nachhinein auch viel digital ergänzt. Das war schon eine essentielle Frage: Wie bekommen wir das, was wir mit diesem Stoff erzählen wollen, auch unter Pandemie-Bedingungen so umgesetzt, ohne dass man es am Ende merkt? Plötzlich hatten wir auch Probleme mit der Deutschen Bahn, die aus Corona-Gründen nicht mehr wollte, dass wir dort drehten. Denn wir hatten eigentlich Szenen am Hauptbahnhof mit vollem Betrieb, wo man dann auch nicht schnell eine andere passende Location findet. Das haben wir dann im Studio nachgebaut.

Durch das Hin- und Hergespringe zwischen den einzelnen Gruppen in der Serie, die vom Stromausfall betroffen sind, kommt ein Roland-Emmerich-Katastrophenfilm-Gefühl auf. Wie war es, einen Stromausfall als Apokalypse zu inszenieren?

LANCELOT VON NASO: Wirklich anspruchsvoll war, das Licht in den Städten aus zu bekommen. Wenn man einen Straßenzug in Berlin mit jeweils 10 Häusern auf der rechten und linken Straßenseite hat, ist das noch keine richtig große Totale. In jedem Haus sind vielleicht vier Wohnungen drin. Das bedeutet: Man muss 80 Familien davon überzeugen, dass sie für eine Stunde Dreh den Strom ausschalten. Dann hat man aber auch erst eine Totale gedreht. Für die Close-ups schauten wir dann, dass wir das anders hinbekommen. Teilweise haben wir uns schon in den Drehbüchern Gedanken gemacht, manche Szenen deswegen von großen in kleinere Städte wie zum Beispiel Merseburg gelegt. Dort war es einfach leichter, die Bevölkerung zu überzeugen, das Licht auszumachen. Wenn man in Berlin-Kreuzberg da eher auf Unverständnis stößt, freuen sich die Menschen in Kleinstädten eher über Dreharbeiten. Ein Großteil unserer digitalen Effekte war, dass wir im Nachhinein zum Beispiel Lichter auspinselten, die noch an waren. Stromausfälle gibt es ja immer wieder in Deutschland, wenn auch deutschlandweit nicht so lange und großflächig wie bei uns in der Serie. Aber das ist schon spannend, was das mit den Menschen macht. Wie sie sich dann mit Taschenlampen und Kerzen aushelfen. Eine Stadt bekommt dadurch eine eigene Magie. Das für die Zuschauer*innen erlebbar zu machen, war eine wichtige Aufgabe.

Das hat dann schon etwas von einem sanften Untergang mit Taschenlampen und Kerzen - fast poetisch.

LANCELOT VON NASO: Die Szene, die bei uns am Hauptbahnhof spielt und die wir letztlich auf dem Messegelände in Leipzig drehten und den Bahnhof digital einfügten, war spannend, weil wir dort wirklich schalten und walten konnten, wie wir wollten. Der Moment, als wirklich das Licht ausgeht und alle ihre Handys einschalteten, war dann fast wie in einem Popkonzert. Gleichzeitig ist solch ein Blackout auch etwas total Brutales. Anfangs noch nicht. Aber das funktioniert wie eine Lawine. Es beginnt langsam und rollt irgendwann unaufhaltsam und macht alles kaputt. Darauf haben wir auch dramaturgisch geachtet, von Anfang an Spannung in der Serie zu haben, obwohl der Blackout in den ersten zwei Tagen noch nicht so schlimm ist. Aber irgendwann haben die Menschen nichts mehr zu essen, Wasser geht nicht mehr wegen den ausgefallenen Pumpen, tanken geht auch nicht mehr. Dann fangen auch die Seuchen an und der Notstrom in den Krankenhäusern funktioniert nicht mehr.

Verspüren Sie einen gewissen Druck, weil "Blackout" nicht nur ein großes Projekt, sondern sowohl für die Streaming-Plattform Joyn als auch für den Sender Sat.1 ziemlich wichtig ist?

LANCELOT VON NASO: Ich glaube, ich bin da der falsche Ansprechpartner. Unser Teil bei dem Projekt ist ein anderer, nämlich das bestmögliche und spannendste Produkt zu machen. Dann hoffen wir, dass es funktioniert. Ich bin aber auch ganz zuversichtlich, weil es für eine deutsche Serie wirklich etwas Besonderes ist.

Sie haben bislang in Ihrer Karriere viel Fernsehen gemacht. "Blackout" ist Ihr erstes Streaming-Projekt. Reizt Sie dieser Bereich auch weiter?

LANCELOT VON NASO: Auf jeden Fall. Bei "Blackout" kam auch hinzu, dass man das als Stoff mit solch einer Komplexität niemals als Film hätte erzählen können. Selbst Roland Emmerich hätte das nicht gekonnt, weil man einfach diese viereinhalb Stunden Zeit braucht, um die Geschichte überhaupt adäquat erzählen zu können. Das ist auch ein Grund, warum der Roman vorher nicht gemacht wurde. Als Geschichtenerzähler ist es natürlich wahnsinnig spannend, das jetzt auch so umsetzen zu können. Ich hätte schon Lust, das wieder zu machen, aber ich mache auch gerne als Nächstes einen kleinen Film. Das Thema steht bei mir im Vordergrund.

Weil "Blackout" wirklich viele deutsche Stars für den Cast gewinnen konnte: Haben Sie als Produktion eigentlich alle Schauspieler*innen bekommen, die Sie auch gerne wollten?

LANCELOT VON NASO: Wir haben einfach auch wahnsinnig viel Glück gehabt, dass wir so viele tolle Schauspieler*innen gefunden haben. Das lag letztlich an den Drehbüchern. Jemand wie Barry Atsma sagte mir, dass er eigentlich für solch eine kleine Rolle nicht zugesagt hätte. Aber er habe die Bücher einfach so stark gefunden, dass er dabei sein wollte. So war es wohl auch an vielen Stellen, dass wir jetzt solch einen Cast haben. Für mich war es toll, auch in Nebenrollen oder auch kleineren Rollen fantastische Leute zu haben, die solch eine Geschichte auch tragen. Gerade auch bei den jungen Darsteller*innen wie Lea van Acken oder Lena Klenke, die schon sehr gut spielen. Suse Marquart hat da als Casterin einen fantastischen Job gemacht.

Wie hat die Zusammenarbeit mit W&B Television als Produzenten funktioniert?

LANCELOT VON NASO: Das war toll. Ich habe ja lustigerweise mit Max und Quirin zusammen an der HFF studiert, bislang aber noch nicht mit ihnen gearbeitet. Und auch Kerstin Nommsen, die für Wiedemann & Berg neben Quirin die Projektverantwortliche war, kannte ich schon von früher. Man muss klar sagen, wenn der Dreh nicht auf diese Art so gut organisiert gewesen wäre, wären wir bei den Corona-Bedingungen und den Außendrehs untergegangen. Wir hatten wirklich teils verrückte Tage. Als zum Beispiel die Achterbahn in der Serie stehen bleibt: Das haben wir an einem Vormittag mit vier Kameras und sechs Stunt-Leuten und vielen Komparsen an der Achterbahn gedreht. Und nachmittags stand dann der Hauptbahnhof mit Licht aus und auch über 100 Komparsen an. Das geht nur, wenn eine Produktionsfirma das richtig gut organisiert. Auch in der Entwicklung des Stoffes fühlten wir uns bei unserer Vision wirklich super unterstützt.

Das Interview führte Michael Müller