Kino

Drittes Kinoquartal in Deutschland auf Vor-Pandemie-Niveau

Comscore hat seine vorläufigen Zahlen für das dritte Kinoquartal 2021 vorgelegt - und die Umsätze liegen sogar knapp über jenen aus 2018. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum konnten sie nahezu verdreifacht werden.

07.10.2021 13:11 • von Marc Mensch
"Fast & Furious 9" ist bislang der erfolgreichste Film des Jahres - wird aber in wenigen Tagen von "Keine Zeit zu sterben" überrundet worden sein (Bild: Universal)

Zugegeben: 2018 war hierzulande ein vergleichsweise schwaches Kinojahr, bei dem das Geschäft zum Einstieg in das dritte Quartal zusätzlich unter der Fußball-WM litt. Aber hält man die Rahmenbedingungen im laufenden Jahr - allen voran die Kapazitätsbeschränkungen; aber auch Testerfordernisse, Maskenpflicht und Streaming-Boom seien an dieser Stelle genannt - dagegen, so kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass es nachgerade erstaunlich ist, auf welches Niveau die deutschen Kinos bereits wieder zurückkehren konnten. Auf Zahlen, wie sie unter normalen Bedingungen, wie sie vor der Pandemie geschrieben wurden. Schwaches Vergleichsjahr (gegenüber dem sehr guten Zeitraum 2019 fehlen dann doch rund 28 Prozent) hin oder her.

Einen bis auf Nachkommastellen exakten Vergleich erlauben die nun vorgelegten Zahlen von Comscore noch nicht. Denn zum einen hinken die Vergleiche aufgrund der Abstellung auf volle Spielwochen und der damit verbundenen Schwankungen stets minimal - in diesem Fall etwa ist die komplette Startwoche von Keine Zeit zu sterben" Teil der bis 6. Oktober reichenden Betrachtung. Zum anderen handelt es sich derzeit noch um vorläufige Zahlen; wobei eine Korrektur eher nach oben als nach unten zu erwarten wäre.

Allerdings geht es unter dem Strich im Grunde nur um Nuancen, um Nachkommastellen - und auch wenn Comscore das dritte Quartal noch nicht gesondert aufgeschlüsselt, sondern nur den vollen Zeitraum der ersten drei Quartale ausgewiesen hat, erlaubt der Vergleich mit der Halbjahresbilanz natürlich die Aussage: Mit rund 175,4 Mio. Euro Umsatz zwischen 8. Juli und 6. Oktober lagen die deutschen Kinos sogar um einen Hauch vor den Ergebnissen des dritten Quartals 2018, die sich auf 175,2 Mio. Euro beliefen.

Glasklar ist zudem, wie viel besser der Neustart 2021 gelang als jener im Jahr 2020, als nur wenige große Filme an den Start gingen - wir sprechen von einer knappen Verdreifachung des Boxoffice, 2020 waren es im dritten Quartal nur rund 60 Mio. Euro gewesen.

Dass man, betrachtet man den kompletten Neun-Monats-Zeitraum, mit insgesamt gut 188 Mio. Euro Umsatz noch um 26,4 Prozent hinter dem Vorjahr zurücklag: Beinahe geschenkt, ist dieses Minus doch zwangsläufige Folge der Tatsache, dass es im ersten Quartal 2020 wenigstens noch zweieinhalb reguläre Kinomonate gab, während sich der im November vergangenen Jahres gestartete Wellenbrecher-Lockdown mal eben munter ins zweite Quartal 2021 zog.

Indes illustriert der Vergleich mit den Vorjahren doch klar, wie viele Filme in wie kurzer Zeit in diesem Jahr auf die Leinwand drängten. So zählte Comscore bis Anfang Oktober 2021 ganze 257 Neustarts und 407 insgesamt in Auswertung befindliche Filme. 2019, im letzten komplett regulären Jahr, waren es im selben Zeitraum zwar 519 Neustarts und 646 eingesetzte Filme - allerdings war damals der effektive Zeitraum, in dem Kinos bundesweit geöffnet waren, auch drei Mal so lang...

Die Comscore-Bilanz unterstreicht auch noch einmal glasklar: Der enorm starke Anstieg, den der deutsche Film 2020 beim Marktanteil erlebte, war selbstverständlich der Tatsache geschuldet, dass nur vergleichsweise wenige große US-Filme überhaupt ins Rennen um das Publikum gingen. Über die ersten neun Monate 2021 hinweg lag der Besucheranteil deutscher Filme mit knapp 4,5 Mio. verkauften Tickets bei 20,6 Prozent und damit über dem Niveau der Jahre 2017 und 2019, aber unter jenem von 2018 und vor allem 2020, als der Anteil auf 29,8 Prozent geschnellt war.

Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang: Laut Comscore hatte der quantitative Anteil deutscher Filme sowohl an den Neustarts, wie auch an den insgesamt ausgewerteten Titeln im Jahr 2020 nicht nur niedriger (!) gelegen als in den Vorjahren, sondern vor allem deutlich niedriger als im laufenden Jahr, bei den Neustarts etwa lautet das Verhältnis 33,0 Prozent (2020) zu 37,7 Prozent (2021). Masse ist nicht gleich Klasse? Noch deutlicher kann eine Quartalsbilanz das kaum ausdrücken...

Klar wird aber auch, dass es gerade bei den US-Produktionen aufgrund der Verschiebungen erhebliche Nachholeffekte bei den Neustarts gab. Denn während zwischen dem ersten und dritten Quartal des laufenden Jahres 16 deutsche Filme weniger (insgesamt 97) gestartet wurden als im Vorjahreszeitraum, blieb die Zahl der US-Starts mit 85 exakt gleich.

Marktführer im Zeitraum bis zum Ende des dritten Quartals ist Universal mit einem Besucheranteil von 25,1 und einem Umsatzanteil von 27,3 Prozent und insgesamt knapp 5,5 Mio. Besuchern. Silber geht an Warner (20,0 und 20,7 Prozent), Bronze an Walt Disney (12,5 und 13,3 Prozent). Erfolgreichster Independent ist die Constantin (11,2 und 10,5 Prozent), die Top 5 rundet Paramount (6,8 und 5,7 Prozent) ab. Dass dort der Umsatzanteil so auffällig niedriger als der Besucheranteil ist, liegt natürlich daran, dass der Löwenanteil des Ergebnisses auf einen Kinderfilm entfiel: Paw Patrol: Der Kinofilm", der nach Besuchern (knapp 1,3 Mio.) sogar der bislang dritterfolgreichste Titel des Jahres wäre und der in Deutschland frühere Paramount-Erfolge wie Sonic the Hedgehog", Mission: Impossible - Fallout" oder Transformers: The Last Knight" nach verkauften Tickets abgehängt hat...

Besuchermillionäre zählt Comscore im laufenden Jahr insgesamt fünf, die erfolgreichsten Titel (nach Umsatzreihung) waren Fast & Furious 9", "Keine Zeit zu sterben", Dune" und Kaiserschmarrndrama", letzterer derzeit noch der einzige deutsche Besuchermillionär. Dass Black Widow" - trotz Day&Date-Starts und des damit verbundenen Verzichts zahlreicher großer Kinos auf einen Einsatz - mit über 760.000 Besuchern und knapp 7,16 Mio. Euro Boxoffice noch auf Platz 7 hinter Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings" (mit gut 728.000 Zuschauern, aber rund 7,2 Mio. Euro Umsatz) landete, ist sicherlich erwähnenswert, zumal "Black Widow" den mit Abstand kleinsten Start (266 Locations) innerhalb der Top 20 hatte, sieht man einmal von Nomadland" ab, den Walt Disney schon frühzeitig für die ersten beiden wieder bespielten Leinwände freigab.

Den mit Abstand breitesten Start (830 Locations) hatte natürlich "Keine Zeit zu sterben", der sich in den nächsten Tagen als erster Pandemie-Start den Bogey in Silber für zwei Mio. Besucher binnen 20 Tagen sichern wird; bis 6. Oktober stand er schon bei über 1,6 Mio. Zuschauern. "Fast & Furious 9" kratzt noch an der zweiten Million, nach Comscore-Zählung fehlen weniger als 40.000 Besucher...

Noch kurz zu den Ticketpreisen: Diese näherten sich mit 8,65 Euro wieder dem Vor-Pandemie-Niveau von 8,72; wobei auch die 8,48 Euro aus dem Vorjahr weniger Ausdruck flächendeckender Verramschung des Kinoerlebnisses waren, sondern eher des eklatanten Mangels an 3D-Filmen, von denen sich diesmal wieder fünf alleine in den Top Ten tummeln. Noch deutlicher wird dies übrigens beim separaten Blick auf den deutschen Film. Denn hier hatten sich laut Comscore die durchschnittlichen Eintrittspreise von 2019 auf 2020 sogar um satte 20 Cent auf 7,85 Euro erhöht (tatsächlich war 3D im vergangenen Jahr gerade bei großen deutschen Filmen ein Faktor) - und auf diesem Niveau blieben sie bislang auch in 2021.