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29. Filmfest Hamburg eröffnet

Mit der Deutschlandpremiere der österreichisch-deutschen Koproduktion "Große Freiheit" von Sebastian Meise wurde das 29. Filmfest Hamburg offiziell eröffnet. Davor gab es politisch geladene Reden von Carsten Brosda, dem Kultursenator Hamburgs, und Festivalleiter Albert Wiederspiel, dem unter Applaus die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille für Verdienste im kulturellen und künstlerischen Bereich überreicht.

30.09.2021 22:30 • von Thomas Schultze
Perfekter Auftaktfilm in Hamburg: "Große Freiheit" (Bild: Piffl)

Mit der Deutschlandpremiere der österreichisch-deutschen Koproduktion "Große Freiheit" von Sebastian Meise wurde das 29. Filmfest Hamburg offiziell eröffnet. Doch bevor es "Film ab" heißen konnte hieß Festivalleiter Albert Wiederspiel erst einmal die anwesenden Gäste in den Sälen 1, 2 und 3 des Cinemaxx am Dammtor willkommen. Die Veranstaltung fand unter 3G-Regularien statt - so saß das Publikum im Schachmuster bei 50-prozentiger Auslastung, immerhin schon wieder ein Schritt nach vorn im Vergleich zum Vorjahr. Dennoch wäre Wiederspiel, wie er gestand, 2G lieber gewesen: "Aber dafür haben wir 110 F zu bieten - 110 Filme - und 360 G - 360 Gäste!", um danach wie gewohnt politisch zu werden.

Vor allem die Geschehnisse in Afghanistan hatten Wiederspiel sichtlich erschüttert, der den Betroffenen in Afghanistan seine Solidarität aussprach und auch mit Taten ein Zeichen setze: Das Geld, das üblicherweise für Blumen für die Gäste ausgegeben wird, gehe in diesem Jahr an den Afghanischen Frauenverein. Zutiefst betroffen zeigte sich Wiederspiel auch von der Nachricht, dass ein antisemitischer Übergriff in Berlin vor zwei Wochen von einem 16-jährigen Jungen begangen worden sei, der in Kornél Mundruczós "Evolution" in einer kleinen Rolle zu sehen ist. Der Film soll morgen dennoch im Rahmen des Filmfests Hamburg gezeigt werden. Albert Wiederspiel verwies auf ein gemeinsames Statement von Mundruczó, seiner Drehbuchautorin Kata Wéber und des deutschen Verleihs, in dem die Filmemacher betonen: ""Wir sind schockiert und traurig über die Nachricht und fühlen mit dem Opfer dieses abscheulichen und schamlosen Angriffs. Wir haben den Film gemacht, weil Antisemitismus und Rassismus jeden Tag vorkommen. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemand, der mit uns an diesem Film gearbeitet hat, gegen die Idee des Films handeln könnte."

Weil der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher kurzfristig verhindert war, sprang von politischer Seite der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda ein und betonte in einer eloquenten Rede seinerseits den politischen Charakter des Filmfests, ließ aber auch die entbehrungsreiche und weitgehend kulturfreie Zeit während der Corona-Lockdowns hin: Umso wichtiger sei es nun, dass die Menschen in großen Kulturveranstaltungen wie dem Filmfest endlich wieder zusammenkommen und sich austauschen könnten. Im Anschluss überreichte Brosda dem Festivalleiter Wiederspiel unter großem Applaus die Senator-Biermann-Ratjen-Medaille für Verdienste im kulturellen und künstlerischen Bereich. Den Eröffnungsfilm kündigte Wiederspiel nunmehr als echtes Highlight an, das politische Botschaft und humanistischen Ansatz verbinde. Nachdem er die Weltpremiere von "Große Freiheit" in Cannes gesehen hatte, habe für ihn festgestanden, dass er das 29. Filmfest Hamburg mit dem Film eröffnen wollte. Seine Begeisterung teilt er mit Blickpunkt:Film. Im Folgenden lesen Sie noch einmal unsere euphorische Besprechung aus Cannes. Und ach ja, das Filmfest Hamburg ist eröffnet!

Der zweite Spielfilm von Sebastian Meise beginnt mit hartem Sex auf dem Männerklo, festgehalten von einer versteckten Super-8-Kamera, also körnige, etwas zu helle Bilder, die einfach nur zeigen, was passiert: Immer wieder derselbe Mann, Hans Hoffmann, wie wir gleich erfahren werden, der sich anderen Männern nähert, sie masturbiert, Oral- oder Analverkehr mit ihnen hat, so offenkundig, dass man meinen möchte, er wird gern dabei gefilmt, wenn er etwas tut, was 1968 in West-Deutschland noch strafbar war und mit bis zu sechs Jahren Gefängnis geahndet werden konnte, gemäß Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der so genannte Schwulenparagraph, der im Dritten Reich noch einmal verschärft worden war und im westlichen Nachkriegsdeutschland in dieser Fassung und unverändert 24 weitere Jahre gegolten hatte. Nach Ansicht der Filmaufnahmen vor Gericht ist die Beweislage klar: Hans muss ins Gefängnis, 24 Monate. Wie er seine Haft antritt, jeder Aufforderung Folge leistet, bevor sie überhaupt ausgesprochen werden kann, wie er im Nähraum von einem anderen Häftling, dem bulligen, tätowierten Viktor, mit einem erstaunten Blick des Erkennens registriert wird, legt die Vermutung nahe, dass er nicht zum ersten Mal eingebuchtet wird.

Man liegt richtig mit dieser Annahme: Nachdem Hans einem anderen "175er", wie die Männer, die wegen homosexueller Vergehen einsitzen, von den anderen Sträflingen verächtlich genannt werden, harte Hunde, die teilweise bestialische Verbrechen begangen haben, aber nichts mit den "Perversen" zu tun haben wollen, Hackordnung im Knast, auf dem Hof zur Hilfe eilt, wird er ins Loch gesteckt - Einzelhaft, vollkommen nackt und in absoluter Dunkelheit. Als das Licht wieder angeht und Hans abgeholt wird, schreiben wir das Jahr 1945. Jetzt sitzt Hoffmann zum ersten Mal ein, ist direkt vom Konzentrationslager, aus dem er gerettet wurde, ins Gefängnis gewandert, durfte kein einziges Mal über Los gehen, und sitzt nun die letzten vier Monate einer 14-monatigen Strafe ab. Hier begegnet er erstmals Viktor Bix, von dem wir zwar nicht wissen, was er gemacht hat, der sich aber keinen Illusionen hingibt, so schnell wieder in Freiheit entlassen zu werden. Sie sind Zellengenossen, und Viktor macht keinen Hehl aus seinem Abscheu für Hans und dessen Neigungen. Erst als er die Zahlen-Tätowierung auf seinem Arm sieht, wird er milder. KZ, das hat keiner verdient. Und er bietet Hans an, ihm eine größere Tätowierung über die alte zu stechen. Als sie dabei geschnappt werden, wandern beide ins Loch. Als Hans diesmal herauskommt, ist es 1957: Er ist mit seiner großen Liebe geschnappt und wieder eingebuchtet worden. Obwohl zwölf Jahre vergangen sind, hat sich für ihn als homosexueller Mann nichts geändert. Und auch 1968 ist für ihn die Welt noch, wie sie 1945 gewesen war: geächtet, gebrandmarkt, ausgestoßen. Und immer noch ist er, der gespielt wird von Franz Rogowski in seiner bislang besten Darstellung, ein Geheimnis, ein Enigma, ein Fragezeichen, weil man sich nicht erklären kann, warum ihn das Schicksal nicht gebrochen, warum er immer noch Kraft besitzt und Optimismus hinter seinen wachen, immer aufmerksam beobachtenden Augen.

Eines ist schließlich anders 1968. Diesmal muss Viktor nicht Hans helfen, Hans muss Viktor helfen, der nach mehr als 20 Jahren Knastaufenthalt drogenabhängig geworden ist, Heroin, und kurz vor seiner dritten Anhörung steht, vielleicht endlich doch noch entlassen werden. Man merkt es kaum, aber jetzt wechselt der Film seinen Fokus. Erzählte er bisher von Hans und dessen Schicksal in einem Land, das ihn nicht anerkennt, wie er ist, wird nun Viktor die zentrale Figur. Georg Friedrich ist wunderbar als dieser Bulle von Mann, der sich in sein Schicksal gefügt hat, aber gerade in seiner Extremsituation lernt, was Deutschland auch mehr als zwei Jahrzehnte nach den Nazis noch nicht gelungen ist: Er springt über seinen riesigen Schatten, er akzeptiert Hans. Doch damit ist "Große Freiheit", so heißt ein Schwulenclub, den Hans nach seiner letzten Entlassung im letzten Akt des Films besucht, noch nicht zu Ende. Was begonnen hat als unerbittlicher Knastfilm, als Geschichte des Überlebens in einer feindseligen Umwelt, in der man Kompromisse machen muss, will man nicht untergehen, offenbart sich als Jahrzehnte überspannendes Epos einer Sehnsucht, kein Stück weniger atemberaubend als ein "Der englische Patient" oder "Jenseits von Afrika" oder wie sie sonst heißen mögen, die großen Liebesgeschichten der Filmgeschichte. Dem Österreicher Sebastian Meise ist mit seinem zweiten Spielfilm nach "Stillleben" vor zehn Jahren ein kleines Wunder gelungen, ein Männerfilm über eine exklusive Männerwelt, der so zärtlich und zerbrechlich ist, so genau beobachtet und virtuos erzählt, dass man nicht glauben kann, dass er nur in einer Nebenreihe der Sélection officielle gelandet ist. Die ganz große Leinwand im Salle Lumière wäre gerade groß genug gewesen.

Thomas Schultze