Kino

KOMMENTAR: Alle Zeit der Welt

Wie schreibt man eine Besprechung eines Films, wenn das eine Thema, über das man schreiben müsste, noch nicht einmal angeschnitten werden darf, weil man ja niemand die Entdeckung der Handlungswendungen von "Keine Zeit zu sterben" verderben will?

01.10.2021 07:28 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wie schreibt man eine Besprechung eines Films, wenn das eine Thema, über das man schreiben müsste, noch nicht einmal angeschnitten werden darf, weil man ja niemand die Entdeckung der Handlungswendungen von Keine Zeit zu sterben" verderben will? Es war gar nicht so einfach, ein ganz schönes Rumgeeier. Deshalb sei vorsichtshalber angemerkt, dass es ratsam ist, dieses Editorial erst weiterzulesen, wenn Sie den Film gesehen haben. Seien Sie versichert, dass ich vorsichtig formuliere und der Text hinter den Bezahlschranken nur unseren Abonnenten zugängig sein wird. Weil, und das muss man sagen dürfen, es eine Bombe ist, was die Gralshüter von Eon Productions da abgeworfen haben.

Ach was, Bombe. Atombombe. Wasserstoffbombe. Hoch zehn. Minimum. Ich könnte mich jedenfalls nicht erinnern, nach einer Pressevorführung um halb ein Uhr nachts von einem irritierten Kollegen angerufen zu werden, weil man sich erst einmal austauschen muss, um das gerade Gesehene zu verarbeiten. Haben die das wirklich gemacht? Habe ich das auch wirklich richtig gesehen? Und überhaupt: WHAT THE FUCK ist da denn los? Was wird das bedeuten? Welche Auswirkungen hat das?

Zwei Dinge im Vereinigten Königreich sind ewig, zumindest für Leute meiner Generation. Die Queen. Und Bond. Man hat die Briten die EU verlassen sehen, aber diese beiden Größen sind unantastbar. Und selbst bei der Königin wird man konstatieren: Sie ist sterblich. Menschen sterben. Aber Bond? Bond ist größer als die Queen. Weil er ein Symbol ist. Und in Zeiten, in denen alles angepasst sein muss, politisch korrekt, immer bedacht darauf, keinen Fehltritt zu machen, auch eine wertvolle Erinnerung daran, dass Menschen nicht perfekt sind. Er ist die letzte große Filmfi gur, die nicht perfekt sein muss, die sich immer an der Welt von heute reiben kann, wie ein Bär am Baum. Was würde es bedeuten, wenn diese Figur nicht mehr wäre?

In jedem Fall kann man schon einmal sagen, dass der nunmehr mit verblüffender Konsequenz abgeschlossene Zyklus mit Daniel Craig es nicht leicht machen wird, einen neuen Ansatz mit einem glaubhaften Bond zu finden. Schlechte Nachrichten also für Richard Madden, der als aussichtsreicher potenzieller Nachfolger gehandelt wurde. Und ein klarer Hinweis, warum Eon allen Angeboten der Streamer widerstanden hatte und "Keine Zeit zum sterben" unbedingt ins Kino bringen wollte. Der Film bedeutet eine Zeitenwende, ähnlich radikal wie verkürzte Kinofenster. Weil Bond eben immer da war, wenn es die Welt und das Kino zu retten galt. Was nachkommen wird nach der Ära Craig mit ihren vielen Höhepunkten, ist aktuell ungewiss. Alldieweil hat man alle Zeit der Welt, um über den Film zu reden.

Wenn man ihn gesehen hat, ist das dringend notwendig.

Thomas Schultze, Chefredakteur