Kino

Zurich Summit: Die neue Vision für MGM

Beim diesjährigen Zurich Summit, der renommierten Industry-Konferenz im Rahmen des Zurich Film Festival, berichteten MGM-Chairman Michael de Luca und Studiopräsidentin Pamela Abdy, die vom ZFF mit dem Game Changer Award geehrt wurde, über ihre Motivation, das traditionsreiche Unternehmen wieder aufblühen zu lassen und das Augenmerk voll und ganz auf die Kinofilmproduktion zu lenken.

25.09.2021 21:46 • von Barbara Schuster
Roeg Sutherland im Gespräch mit Pamela Abdy und Michael de Luca (Bild: Josef Brunner for ZFF/Zurich Summit)

Beim diesjährigen Zurich Summit herrschte für kurze Zeit Schnappatmung unter den Teilnehmern: Michael de Luca, Chairman der MGM-Gruppe, saß auf dem Podium, gemeinsam mit seiner Studio-Präsidentin Pamela Abdy war er Stargast der wichtigen Industry Konferenz über den Dächern Zürichs im Dolder Grand. "Sorry guys, I have to tell you, that we had to postbone the new Bond to 2022". Der Mann hat Humor. Wo der berühmteste aller Agenten dieses Mal nicht nur die Aufgabe hat, irgendein Mädchen zu retten, sondern ganz nebenbei die ganze Film- und Kinoindustrie! Viele Branchenkenner sagen, "Keine Zeit zu sterben" werde zeigen, wohin die Reise geht, wie es um die Branche nach Monaten des Corona-Stillstands wirklich steht. Parallel zur Weltpremiere in London kommt auch das Publikum des ZFF in den Genuss, das neueste Bond-Abenteuer ein paar Tage vor offiziellem Kinostart zu sehen. Ebenfalls ein Grund, weshalb de Luca und Abdy in die Stadt an der Limmat gereist sind, wo Abdy zudem mit dem Game Changer Award geehrt wird.

Nach de Lucas kleinem Scherz ging es unter der Moderation von CAA-Co-Head Roeg Sutherland weiter: Abdy und de Luca durften zunächst ihre Karrierewege nachzeichnen - beide starteten als Praktikanten in der Filmbranche, Abdy bei der Produktionsfirma Jersey Films und Michael de Luca bei New Line -, bevor sie über ihre Vision von MGM zu sprechen kamen, nämlich ein "home for every kind of storyteller" zu sein bzw. zu werden. De Luca und Abdy hatten das Studio unmittelbar vor der Corona-Pandemie, im Frühjahr 2020 übernommen und mittlerweile auf Kurs gebracht. Trotz weltweiter Krise und den damit verbundenen Schwierigkeiten ist es ihnen gelungen, das zuletzt wieder einmal ins Strudeln geratene Traditionsunternehmen, zu dessen aktuell berühmtesten Assets via einer Auswertungsvereinbarung mit United Artists auch die Bond-Filme gehören, auf Vordermann zu bringen - mit einer klaren Zielvorgabe: Die beiden Studiomanager wollen mit den besten Filmemachern zusammenarbeiten und originäre, mit der Handschrift der Kreativen versehene Werke produzieren - fürs Kino, wohlgemerkt. De Luca erzählte in sehr mitreißender Art, wie er die Übernahme von MGM als große Chance begriff. "Gebt Gas, vergrößert das Line-up. Es muss nicht immer alles nur Franchise und Blockbuster sein. MGM steht für Originalität. Das war unsere Maßgabe." Das Erbe von MGM beruhe eben gerade auf "originality". Während der Coronapandemie galt es, die Zielvorgabe nicht aus den Augen zu verlieren. "Da wir unabhängig, kleiner sind und somit flexibler als etwa ein Major-Konzern, haben wir nicht alles auf Null gefahren. Wir wollten es anders machen: Wir haben gedreht, wir haben unsere Produktionen durchgezogen, damit wir Filme nach dem Lockdown parat haben", so de Luca. Abdy untermauerte: "Wo andere alles niederlegten, haben wir die Fahnen hochgehalten." 2020 konnte 15 Projekten grünes Licht gegeben werden, vier wurden gedreht.

Der Blick auf den Branchenwandel durch die immer massiver in den Markt dringenden Streaminganbieter, die auch das Preisgefüge bei Produktionen gehörig durcheinanderwirbeln und für eine angespannte Wettbewerbssituation sorgen, durfte beim Eingangspanel mit den beiden MGM-Bossen nicht fehlen. De Luca sieht das Ganze recht gelassen, denn auf "heavy sell pitches" sei MGM nicht angewiesen und mache bei diesem Spiel nicht mit. Die Filmemacher, mit denen MGM zusammenarbeitet und an denen das Studio auch in Zukunft interessiert ist, enge Bande zu knüpfen, seien alle tief im Kino verwurzelt. "Unsere Filmemacher kommen vom Kino und bevorzugen Kino", so de Luca. Pamela Abdy unterstrich, dass MGM mit einer "curating experience" ans Werk geht, ein durchdachtes Slate aufbaut, bei der die Zusammenarbeit mit den Filmemachern oberste Priorität genießt und bei denen es im Idealfall zu einer dauerhaften Verbindung kommt, sie zuzusagen ein Markenzeichen von MGM werden. De Luca und Abdy haben mit ihrem Antritt eine lange Liste an Filmemachern erstellt, mit denen sie gerne enger zusammenrücken wollen. "30 Prozent davon haben wir in unserem ersten Jahr bereits geschafft", so de Luca.

Gleichzeitig gehe es MGM nicht darum, nur mit Starregisseuren wie Ridley Scott, George Miller oder Paul Thomas Anderson zu arbeiten. Auch neue Stimmen, neue Talente zu entdecken und eine Chance zu geben stehe bei MGM ganz weit oben auf der Agenda, quasi Regisseuren eine Karriere zu ermöglichen, wie es Christopher Nolan zuletzt viele Jahre bei Warner getan hat (ohne jemals vertraglich an den Major gebunden gewesen zu sein). Als unabhängige Firma mit limitierten Ressourcen sei es manchmal einfach auch gar nicht möglich, die ganz großen Regisseure an Bord zu holen. Die Lust, neue Stimmen zu fördern sei jedoch bei weitem nicht zuvorderst an diese Tatsache geknüpft. Mit dem Engagement, einer neuen Generation an Filmemachern eine Tür zu öffnen, sei einfach doch die Möglichkeit gegeben, den neuen Steven Spielberg oder Guillermo del Toro zu entdecken und zu begleiten. "Diese Chance lieben wir. Dieses Denken hält die Industrie, hält uns frisch", so de Luca. Wenn nur noch Anwälte und Marketingfachleute in einer Kreativbranche das Sagen hätten, die die gleichen Produkte immer und immer wieder verkaufen, könne man einpacken. Denn die Zuschauer lassen sich nicht für blöd verkaufen, sie ziehen weiter, wenn sie immer nur den gleichen Einheitsbrei vorgesetzt bekommen. "Unsere Branche muss aufpassen, dass sie nicht bequem und faul wird."

Neue Talente zu entdecken, biete dem Publikum am Ende auch die Entdeckung neuer Geschichten. Kreativen, originalen Stimmen zu folgen, sei fest in der DNA von MGM verankert. Das locke auch die Menschen in die Kinos. Denn: "Wenn man wie wir Talente pflegt und aufbaut und entdeckt, weckt man automatisch das Interesse des Publikums. Wir brauchen wieder mehr Filme, die das Publikum auf gar keinen Fall verpassen will, die sozusagen ein gewisses 'FOMO-Feeling' evozieren. Die gab es immer, die wird es immer geben. Die brauchen wir. Fürs Kino", so de Luca. Die Tradition des Studios, das 1924 gegründet wurde, wird unter neuer Führung hochgehalten und neu gelebt. "Das MGM-Logo und das Signet vor jeder Produktion soll weiterhin Zeichen guter Kuratierung sein und für ein Versprechen bester Kinounterhaltung eintreten", so Abdy.

Im Zuge des Relaunch legte MGM sein Augenmerk jedoch nicht nur wieder verstärkt auf authentische Geschichten. Auch Diversität und Inklusion werden ernst genommen. Neu aufgezogen wurde deshalb bei MGM eine Abteilung für unterrepräsentierte Stimmen wie PIPoC oder LGBTQ+. Geleitet wird sie von Alana Mayo. Zu den ersten Produktionen zählen der noch unbetitelte Kinofilm von Billy Porter, "Women Talking" von Sarah Polley mit Rooney Mara, Jessie Buckley und Claire Foy sowie der von Whoopi Goldberg und Barbara Broccoli produzierte "Till" über den Afroamerikaner Emmett Louis Till, der 1955 in der Zeit der Rassentrennung als 14-Jähriger von einem Weißen aus rassistischen Motiven ermordet wurde, und dem Kampf seiner Mutter (gespielt von Goldberg) um Gerechtigkeit. Eine Quelle zu authentischen Geschichten von und über unterrepräsentierte(n) Menschen hat MGM durch die neue Partnerschaft mit Black List von Franklin Leonard aufgetan, der mit seiner Plattform seit 2005 jährlich die besten nicht verfilmten Drehbücher zusammenstellt und mittlerweile als "place to be" in Hollywood geschätzt wird. Laut Pamela Abdy sei es bereits gelungen, einen ersten Autor von der Black List unter Vertrag zu nehmen, der nun ein Projekt entwickelt und dabei "Joker"-Drehbuchautor Scott Silver als Mentor zur Seite gestellt bekommt.

Perspektivisch können sich Abdy und de Luca sogar vorstellen, die Fühler weiter auszustrecken, über den atlantischen Ozean hinüber. "Wir haben durchaus die Ambition, auch local language films anzugehen. Unsere Hauptaufgabe bestand erst einmal darin, die Studioaktivität wieder anzukurbeln und den Slate für 2021/22 zusammenzustellen. Dann sehen wir weiter. Wir würden es aber durchaus begrüßen, mehr internationale Koproduktionen einzugehen, lokale Produktionen außerhalb der USA mit auf den Weg zu bringen. Das könnte ein nächster Schritt sein", so de Luca, der auf die riesige MGM-Librabry verwies, in der etliche Filme liegen, die sich bestens für nicht-englischsprachige Remakes eignen würden. "Produzenten erhalten jederzeit Zugang zu unserer Library. Die Wege sind bei uns kurz. Wir sind für Gespräche offen."

Auf die interessanteste Frage, wie es um den Kauf von MGM durch Amazon stehe, gab de Luca verständlicherweise keine zufriedenstellende Antwort. Der Deal werde immer noch von der FTC geprüft. "Wir wissen nicht, wie eine mögliche Integration aussehen könnte", so Pamela Abdy.

 Barbara Schuster