Kino

Programmkinos kamen besser durch das Pandemiejahr 2020

Betrachtet man die Auswirkungen der Pandemie, wurden Programmkinos im Vergleich zum Gesamtmarkt etwas weniger hart getroffen, was Einbrüche bei Besuchern und Umsatz anbelangt. Eine Ausnahme stellt allerdings ausgerechnet die Bestandsentwicklung dar - wobei von einem echten Kinosterben natürlich keine Rede sein kann. Noch am schwächsten stand hier Baden-Württemberg da.

22.09.2021 20:46 • von Marc Mensch
Frank Völkert stellte in Leipzig Kernpunkte der Programmkinostudie für 2020 vor - und warf auch einen Blick auf aktuelle Entwicklungen (Bild: Rainer Justen)

Wenn die FFA feststellt, dass "kein Kino im eigentlichen Sinne 'gut' durch die Krise gekommen" sei, dann ist damit natürlich erst einmal nur die eigentliche Geschäftsentwicklung gemeint. Denn berücksichtigt man Hilfszahlungen und Investitionszuschüsse, stellt sich ein gänzlich anderes Bild dar - zumal bei den Programmkinos. "Gott Sei Dank!" muss man natürlich sagen, denn nur das Konzert der diversen Maßnahmen konnte verhindern, dass es zu einem Kinosterben auf breiter Front kam. Noch ist die Krise zwar nicht durchgestanden, aber auch jetzt, kurz vor Beginn des vierten Quartals 2021, lässt sich klar feststellen, dass zumindest das Schlimmste bislang absolut erfolgreich abgewendet werden konnte.

Zwar hat sich das Bild im Laufe des ersten Halbjahres 2021 ein klein wenig verdüstert - aber doch wenigstens nicht signifikant. Die Betrachtung der Bestandsentwicklung in 2020, wie sie die heute veröffentlichte Programmkinostudie der FFA vornimmt, muss also nicht sofort ad acta gelegt werden.

Zunächst einmal grundsätzlich: Programmkinos haben im Verlauf des ersten Pandemiejahres prozentual weniger Besucher und Umsatz verloren als Multiplexe und herkömmliche Kinos. Denn während letztere 71 bzw. 69 Prozent ihrer Besucher und 72 bzw. 71 Prozent ihrer Ticketumsätze verloren, waren es bei den Programmkinos "nur" 64 und 63 Prozent. Dementsprechend stieg der Besucheranteil der Programmkinos auch von 14 auf zuletzt 16 Prozent - ausgehend von einer immens niedrigeren Gesamtheit, versteht sich.

Auffällig ist jedoch: Während reine Programmkinos nur 63 Prozent ihrer Besucher verloren, waren es bei Kinos mit einzelnen Arthouse-Leinwänden und ansonsten gemischtem Programm 69 Prozent. Der Hauptgrund liegt auf der Hand: die über Monate mangelnde Filmversorgung gerade durch die Studios.

Deutlich besser als die Programmkinos stehen mit Blick auf 2020 nur die Sonderformen da - was natürlich vor allem am lediglich temporären Autokino-Boom des vergangenen Jahres liegt. Insofern sind die Rückgänge von gerade einmal 26 bzw. neun Prozent nur bedingt aussagekräftig. Zwar wurden viele dieser temporären Installationen von regulären Kinobetreibern (mit-)verantwortet, allerdings stehen den darüber generierten Einnahmen auch erhebliche Kosten gegenüber.

Obwohl die Programmkinos also eigentlich minimal weniger hart von Lockdowns, Restriktionen und ausbleibenden Starts getroffen wurden als der Rest des Marktes (ohne die Sonderformen), sieht das Bild bei der Bestandsentwicklung in 2020 etwas anders aus. So gingen dem Gesamtmarkt im vergangenen Jahr laut der FFA-Studie unter dem Strich sechs von zuvor 1734 Spielstätten verloren (ein Minus von unter einem Prozent); bei Programmkinos bzw. Kinos mit Programmkinosälen ging es jedoch von 585 auf 577, also um acht Spielstätten, nach unten. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, der sich natürlich über parallel stattgefundene Neu- bzw. Wiedereröffnungen erklärt. Insgesamt gab der Programmkinobestand nach Spielstätten lediglich um rund ein Prozent nach. Was angesichts der Umstände beruhigend und auch nach den Worten der FFA eine "stabile Entwicklung" ist. Der minimale Rückgang jedenfalls verteilt sich auf reine Programmkinos und auf Kinos mit einzelnen Programmkino-Leinwänden gleichermaßen.

Blickt man auf die einzelnen Bundesländer, so war der Bestand in elf von 16 mit jeweils plus/minus null Prozent sogar komplett stabil, Rückgänge gab es nur in Baden-Württemberg (minus fünf Prozent), Bayern (minus ein Prozent), Hessen (minus drei Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (minus vier Prozent) und Nordrhein-Westfalen (minus ein Prozent). Auf die Säle heruntergebrochen, ist die Entwicklung ähnlich, wenngleich sich die Zahl der Programmkinoleinwände in Sachsen-Anhalt und Hamburg von Ende 2019 bis Ende 2020 sogar minimal erhöhte. Eine interessante Entwicklung gibt es bei der Altersstruktur der Kinobesucher. Denn während das Durchschnittsalter im Gesamtmarkt von 39,5 auf 40,8 Jahre stieg, fiel es im Arthouse-Segment von 49,3 auf 48,0 Jahre. Erstaunlicherweise stieg der Anteil der Zielgruppe 60+ im Gesamtmarkt von 15 auf 17 Prozent, Sank in den Programmkinos jedoch von 32 auf 31 Prozent.

Auch erwähnenswert: Der Anteil an Besuchern, die im Kino nichts verzehrt haben, stieg im Gesamtmarkt von 39 auf 41 Prozent, im Arthouse von 52 auf 54 Prozent. Nun gab es zwar in einzelnen Bundesländern durchaus kurze Phasen, in denen der Verzehr im Saal schlicht nicht gestattet war; allerdings hatte man durchaus angenommen, dass der Verzehr als gesetzlich zulässige Ausnahme von einer ansonsten geltenden Maskenpflicht auch am Sitzplatz den Run auf die Concessions-Umsätze beflügeln könnte. Offenbar war dies jedoch eher nicht der Fall.

Übrigens sind die Programmkinos nach den bundesweiten Wiedereröffnungen auch wieder stärker gestartet und können sich nun über stabilere Angaben zum künftigen Besuchsverhalten freuen, wie Frank Völkert in Leipzig ergänzend zum Blick auf das Jahr 2020 ausführte. Den entsprechenden Artikel finden Sie bei uns hier, die gesamte Studie zum Download hier.

Zum Abschluss noch Ehre, wem Ehre gebührt: Bestbenoteter Arthouse-Film 2020 war mit einer Durchschnittsnote von 1,4 "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".