Kino

Verhaltene Prognose für viertes Kinoquartal in Deutschland

Die Präsentation aktueller Marktzahlen bei der Filmkunstmesse war ein etwas zweischneidiges Schwert - denn obwohl im Sommer äußert erfreuliche Zahlen auf dem Niveau von 2018 geschrieben wurden, wird man daran im vierten Quartal nach Prognosen von Comscore/Gower Street nicht ganz anknüpfen können. Diese Einschätzung stützt auch eine aktuelle GfK-Umfrage, die vor allem für Mainstream-Kinos wenig erbaulich ausfällt.

22.09.2021 19:16 • von Marc Mensch
Bernd Zickert von Comscore präsentierte die Gower-Street-Prognose für das zweite Halbjahr 2021 (Bild: BF)

Mit welchem Besucheraufkommen können die deutschen Kinobetreiber für den Rest des Jahres und damit das gesamte zweite Halbjahr 2021 rechnen? Folgt auf den erwarteten Peak im Umfeld des Starts von Keine Zeit zu sterben" erst einmal Ernüchterung im Kinomarkt? Bevor wir zu einer (sehr) konkreten Zahl kommen, kurz ein Blick zurück.

Wie Comscore bereits bei der Filmmesse Köln bilanzierte, konnten seit 1. Juli im wesentlichen Besucherzahlen auf dem Niveau des WM-Jahres 2018 geschrieben werden. Bei der Filmkunstmesse Leipzig unterfütterte die FFA diese Einschätzung noch mit brandneuen Zahlen für den Juli dieses Jahres. Demnach wurden in diesem Monat mit dem Verkauf von rund 6,7 Mio. Tickets 57.510.552 Euro in den deutschen Kinos umgesetzt - ein Wert, der (sehr) knapp über den 57.463.384 Euro aus dem Vergleichszeitraum 2018 liegt. Gegenüber dem Juli 2020 gingen die Zahlen um 304 Prozent nach oben, gleichzeitig waren Tickets zuletzt im Schnitt um 15 Prozent teurer als im vergangenen Jahr.

Was aber ist für das gesamte zweite Halbjahr noch zu erwarten? Auf Basis eines Prognosemodells hat Comscore-Partner Gower Street für den Zeitraum Juli bis Dezember 2021 eine Gesamtbesucherzahl von 47,1 Mio. errechnet. Dies wäre ein Wert, der um rund 13,4 Prozent unter jenem für das zweite Halbjahr 2018 und um ganze 27,4 Prozent unter jenen des Vergleichszeitraums 2019 liegen würde. Bernd Zickert von Comscore verwies darauf, dass diese Schätzung "konservativ" sei, allerdings habe Gower Street mit Prognosen für die zurückliegenden Monate des bundesweiten Kinobetriebs sehr treffsicher gelegen.

Dass man eher konservativ gestimmt auf die vor den Kinos liegenden Monate blicken darf, wurde von einer aktuellen GfK-Umfrage untermauert, die seitens der FFA in Leipzig vorgestellt wurde. Die Studie, die die dritte ihrer Art zu Veränderungen im Besuchsverhalten ist, zeigt leider ein deutlich anderes Bild, als man es noch Mitte Mai beim virtuellen Filmtheaterkongress hoffen wollte.

Dazu kurz der Blick zurück: Im Juli 2020 und im Januar 2021 hatte die GfK im Auftrag der FFA mittels einer Ad-Hoc-Studie im Konsumentenpanel analysiert, wie sich die Pandemie auf das Besuchsverhalten auswirken könnte. Demnach hatten im Sommer vergangenen Jahres 49 Prozent der Befragten erklärt, innerhalb der nächsten sechs Monate wieder "ganz normal" ins Kino zu gehen (dass das dann tatsächlich nur drei Monate lang möglich war, steht auf einem anderen Blatt...); zwei Prozent hatten sogar angegeben, häufiger das Leinwanderlebnis suchen zu wollen. Ganze 28 Prozent der Befragten hatten indes ihre Absicht kundgetan, zumindest vorerst ganz auf den Kinobesuch zu verzichten.

Werte, die sich bis Anfang dieses Jahres erheblich verbesserten. Die Umfrage aus dem Januar, deren Ergebnisse Frank Völkert im Mai vorstellte, zeigte einen Anteil von 71 Prozent der Befragten, die ihr normales Besuchsverhalten wieder aufnehmen (64 Prozent) oder sogar steigern (ganze sieben Prozent) wollten. Der Anteil jener, die noch den Verzicht im Auge hatten, war auf 15 Prozent gesunken. Damals hatte Völkert seiner Zuversicht Ausdruck verliehen, dass sich die Werte bis zum Sommer noch weiter verbessern würden, auch wenn der Anteil von 91 Prozent an Befragten mit normalem bzw. ausgebautem Besuchsverhalten von seiner Seite durchaus augenzwinkernd optimistisch in den Raum gestellt worden war.

Nun aber die Ernüchterung: Bei einer Befragung im Juli stieg der Anteil jener, die vorerst auf das Kino verzichten wollen, auf 24 Prozent, während die Gruppe jener die wieder normal (54 Prozent) oder sogar häufiger (drei Prozent) vor die Leinwand wollen, deutlich schrumpfte. Die Annahme, dass insbesondere die kommende Kostenpflichtigkeit von Tests oder die Umstellung auf 2G erheblichen Einfluss auf die Veränderung der Werte hatten, liegt nahe, Völkert nannte als mögliche andere Gründe für die negative Entwicklung unter anderem weiter bestehende Vorbehalte gegen die Teilnahme an Veranstaltungen mit hohem Publikumsverkehr oder aber auch eine zunehmende Abwanderung von potenziellen Kinobesuchern hin zum reinen Online-Konsum von Filmen.

Fallen die Werte schon insgesamt ernüchternd genug aus, trifft die Veränderung Mainstream-Häuser offenbar deutlich härter als Arthouse-Kinos. Denn bei diesen liegt der kumulierte Anteil jener, die ihr normales Besuchsverhalten beibehalten oder dieses sogar ausbauen wollen, bei 65 Prozent. Dazu passt, dass laut Frank Völkert 24 Prozent der Arthouse-Kinogänger im Juli und August schon wenigstens ein Mal vor die Leinwand zurückgekehrt waren, während sich der bundesweite Schnitt auf nur 16 Prozent belief. Arthouse-Kinos sind damit nicht nur (etwas) besser durch das erste Pandemie-Jahr gekommen, wie die heute veröffentlichte Programmkinostudie der FFA belegt - sie finden offenbar auch ihr Publikum etwas schneller wieder.

Die Präsentation von Frank Völkert zur Filmkunstmesse finden Sie hier zum Download.