Produktion

Mitosfilm: Der besondere Blick

Seit vielen Jahren macht sich Mitosfilm stark für Themen, die sich mit kurdischer Identität aber auch Immigration in Deutschland befassen, produziert national wie international. Derzeit entstehen neue Projekte mit Ayse Polat, Soleen Yusef und Süheyla Schwenk. Unlängst war die Produktionsfirma mit "The Exam" im Wettbewerb des Karlovy Vary Filmfestivals.

22.09.2021 12:51 • von Barbara Schuster
"The Exam" lief in Karlovy Vary und wurde unlängst auch nach Busan eingeladen (Bild: Mitosfilm)

Mit Shawkat Amin Korkis jüngster Regiearbeit "The Exam" war Mitosfilm unlängst im Wettbewerb des Karlovy Vary International Film Festival vertreten. Mit dem kurdischen Regisseur und Autor hatte Mitosfilm bereits 2014 "Memories On Stone" auf den Weg gebracht, der seine Weltpremiere ebenfalls auf dem A-Festival in dem tschechischen Kurbad feiern konnte. Ungewöhnlich ist es nicht, dass die in Berlin beheimatete Produktionsfirma Filme (ko)produziert, die mit Filmemachern aus der Autonomen Region Kurdistan-Irak entstehen, im Nahen Osten, in Kurdistan, dem nicht genau begrenzten Gebiet Vorderasiens, in der Türkei, Iran oder Irak spielen oder Themen behandeln, in dem die kurdische Identität, politische wie gesellschaftliche Aspekte im engen oder weiteren Sinn eine Rolle spielen. Mitosfilm wurde 2004 von Mehmet Aktas gegründet. Aktas, als Kurde in Igdir geboren und in Istanbul aufgewachsen, arbeitete zunächst als Journalist in seiner Heimat, bevor er nach Deutschland kam und sich in der Filmbranche etablierte. Seine Wurzeln liegen ihm am Herzen, wobei Mitosfilm seine Philosophie breiter fasst. "Es stimmt, wir haben in den verschiedenen Ländern in Vorderasien ein gutes Netzwerk aufgebaut, es kommen immer Anfragen", so Aktas.

Auch mit in Deutschland ansässigen Filmemachern kurdischen Hintergrunds arbeitete Mitosfilm bereits zusammen. Aktas produzierte Soleen Yusefs "Haus ohne Dach", der 2016 etliche Preise abräumte, wie den Förderpreis Neues Deutsches Kino beim Filmfest München, den First Steps Award oder den Spezialpreis der Jury beim Montréal World Film Festival, und ist bei einem neuen Projekt des deutsch-kurdischen Nachwuchstalents, das an der Filmakademie Baden-Württemberg studierte, dabei; mit Hüseyin Tabak, mit dem Aktas in NRW die gemeinsame Produktionsfirma Epikfilm gegründet hat, entstand der Dokumentarfilm "Die Legende vom hässlichen König", und aktuell betätigt sich Mitosfilm als Koproduzent an Ayse Polats neuem Kinofilm "Im toten Winkel", der sich gerade in Postproduktion befindet. "Wir wollen besondere Geschichten, auch Geschichten, die es nicht so leicht haben, auf die Leinwand bringen", sagt Mehmet Aktas zu seinem Verständnis als Produzent. Seine Filme haben alle mit der Realität zu tun. Kurdistan ist dabei sicherlich ein Schwerpunkt, aber nicht der einzige. "Wir arbeiten zum Beispiel aktuell an verschiedenen Stoffen, die die Situation der Immigranten in Deutschland betreffen", erzählt Aktas. Dazu zählt unter anderem der Abschlussfilm von dffb-Studentin Süheyla Schwenk, "Zeit der Drachen", den der langjährige Mitosfilm-Mitarbeiter Roj Hajo betreut. Schwenk ist keine Novizin im Filmbereich, in Schweden geboren, in der Türkei aufgewachsen, hat sie schon viel Regieerfahrung gesammelt. Ihr Langspielfilm "Jiyan" und ihr Kurzfilm "Sevince" gewannen national wie international viele Preise.

Hajo ist Absolvent der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf" im Fach Produktion. Für ihn ist der Aspekt, dass Mitosfilm das kurdische Kino und kurdische Themen aus Deutschland heraus produziert und in die westliche Welt bringt, besonders spannend. Hajo ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, seine Eltern sind Kurden aus Syrien. "Durch Mitosfilm habe ich das kurdische Kino erstmals richtig erlebt. Für mich war es interessant zu sehen, dass wir sozialkritisches, politisches Kino machen, Geschichten aus dem Leben erzählen, von Menschen, teilweise einem ganzen Volk, das ein Schicksal erlebt, ein Volk, dem in der westlichen Welt eher wenig Anerkennung entgegengebracht wird. Dieses Volk wird durch die Filme, die wir machen, visualisiert. Man sieht diese Menschen, lernt sie kennen, nimmt die Geschichten, die Landschaften Kurdistans wahr." Beim Filmemachen ist ihm vor allem der Aspekt des Brückenschlagens wichtig. "Wir schaffen eine Verbindung von der Welt dort zu der Welt hier, arbeiten mit Talenten aus beiden Welten."

Auch in "The Exam", der aktuellen Mitosfilm-Produktion, die mit Unterstützung des Doha Film Institute, der Iraqi Cinema and Theater Foundation und dem Cultural Ministry of City of Culture Suleymaniya entstand, wird eine realistische, gesellschaftspolitische Geschichte verhandelt. Der Film erzählt von Emanzipation, dem Zusammenhalt zweier Schwestern, die sich gegen die traditionelle Verheiratung stellen, aber auch von Korruption. "Dass man im Bildungssektor auf korrupte Machenschaften trifft, gerade was Betrügereien bei Uniaufnahmeprüfungen betrifft, ist im Nahen Osten nichts Neues. In vielen arabischen Ländern kann man sogar Uni-Diplome kaufen", erzählt Aktas. Die kritische Beleuchtung der kurdischen Gesellschaft ist ihm wichtig. "Uns geht es nicht darum, das kurdische Volk zu loben, es Hollywood-reif zu feiern. Auch wenn es seit Jahrzehnten um seine Freiheit kämpft und im Irak harte Zeiten hinter sich hat", unterstreicht Aktas. Der Produzent will mit seinen Filmen Themen aufgreifen, die zum Nachdenken anregen, Krieg, patriarchale Strukturen hinterfragen. Leicht fallen die Finanzierungen der Projekte nicht. Es sei immer ein harter Kampf, so Aktas. Von den deutschen Förderern kommt wenig Unterstützung, wenn der deutsche Aspekt des Projekts fehlt oder auch die Besetzung keine hiesigen Schauspieler vorweist. "Das verstehen wir natürlich. Deshalb arbeiten wir mit kleinen Budgets und richten unseren Fokus auf eine internationale Finanzierung", erklärt der Produzent.

Die Länder, in denen Mitosfilm in der Vergangenheit gedreht hat, haben nur kleine Töpfe für die Filmförderung. In der Autonomen Region Kurdistan-Irak gibt es zum Beispiel keine wirkliche Filmindustrie. Die Dreharbeiten seien jedes Mal ein Abenteuer. Doch dank der langjährigen Erfahrung, kennt sich Mitosfilm in der Region aus und hat bereits auch anderen internationalen Filmproduktionen als Line Producer unter die Arme gegriffen. "Für mich war das eine Mega-Erfahrung, von Potsdam nach Duhok geschickt zu werden, um Dreharbeiten vorzubereiten und zu betreuen", erinnert sich Hajo, der ergänzt, dass, obwohl in der Region Kurdistan-Irak zwar keine Filmlandschaft in bekannter Weise vorhanden ist, man dennoch qualitativ hochwertige Filme herstellen kann. "Jeden Tag werden mehr Filmemacher in der Region aktiv, es gibt mittlerweile gute Equipment-Verleihs, Technik und Kamera müssen nicht mehr aus der Türkei oder Iran herangekarrt werden."

Die Produktionen von Mitosfilm werden auf Festivals auf der ganzen Welt eingeladen. Dennoch ist es nicht das Bestreben, Filme nur für Festivals herzustellen. Reguläre Kinostarts sind wünschenswert. Bei "The Exam" konnten die ersten Verkäufe in verschiedene europäische Länder abgeschlossen werden, auch ein VoD-Anbieter hat Interesse bekundet, um den Weltvertrieb kümmert sich Arthood. "Wir merken, dass das Kino diverser wird und unsere Filme entsprechend mehr Anklang finden. Gerade die VoD-Plattformen sind bemüht, in ihrem Bestreben, die Abonnenten-Zahl zu steigern, eine breite Themenpalette anzubieten." Für Mitosfilm ist der Diversitätsgedanke nicht neu. Viele springen jetzt auf diesen Zug. Platz ist da noch genug.

Barbara Schuster