Kino

"Immer mehr Geld ist nicht die Antwort"

Während die Karten in der Bundespolitik demnächst neu gemischt werden dürften, schreitet die Arbeit an einer großen Novelle des FFG für die Jahre ab 2024 voran. Dass es der Quadratur des Kreises entsprechen würde, die seit vielen Jahren erhobenen Forderungen umzusetzen, machte die filmpolitische Debatte der Filmkunstmesse erneut mehr als deutlich. Allerdings steht diesmal ein Faktor im Raum, der tatsächlich weitgehendere Reformen befördern könnte.

22.09.2021 11:01 • von Marc Mensch
Jan-Ole Püschel, Moderator Patrick von Sychowski, Svenja Böttger, Torsten Frehse, Christian Bräuer, Bettina Brokemper und Björn Böhning bestritten das zentrale filmpolitische Panel der Filmkunstmesse (Bild: Rainer Justen/AG Kino-Gilde)

Wäre man zynisch, man könnte mit Blick auf die zentrale filmpolitische Debatte der Filmkunstmesse Leipzig von einem großen Deja Vu sprechen. Denn tatsächlich weckten die dort aufgeworfenen Forderungen an ein zukunftsträchtiges Fördersystem mehr als lebhafte Erinnerungen an diverse Debatten, die in den vergangenen Jahren zu diesem Anlass in der Alten Handelsbörse geführt wurden. Kinovertreter beklagen ein Übermaß an geförderten Filmen, Produzent*innen sehen das Problem primär auf Ebene der Herausbringungsverpflichtungen, bei zu langen Finanzierungszeiten und festgefahrenen Strukturen, Festivals sehen ihre Rolle unterschätzt und den Nachwuchs im Stich gelassen - und die Politik zeigt sich in jeglicher Richtung verständig, verweist aber darauf, dass es eben nicht so einfach sei, die Interessen unter einen Hut zu bringen. Und darauf, dass Förderaufstockungen auch endlich seien.

Im Prinzip sprechen wir von einer Debatte, wie sie mit ein und denselben Argumenten schon x-fach geführt wurde. Vielleicht noch mit dem Unterschied, dass die Pandemie nun ein besonderes Schlaglicht auf das eine oder andere schwelende - und in deren Zuge geradezu aufgeflammte - Problem wirft. Dass die Diskussion vor diesem Hintergrund mitunter ein wenig schärfer, emotionaler geführt wird: Davon legte nicht nur der Anwurf Zeugnis ab, schon die Veröffentlichung jener schmalen Informationen, die zum Abschneiden von Streamingtiteln überhaupt verfügbar sind, sei "Propaganda" im Sinne von Netflix - sondern auch die Tatsache, dass einer solchen Haltung nicht schon auf dem Panel selbst klar widersprochen wurde. Die Nerven liegen, das wurde an dieser Stelle klar, angesichts der massiven Umwälzungen, die aktuell stattfinden, bei einzelnen Marktteilnehmer*innen durchaus blank.

Nachvollziehbar macht solche Emotionalität indes schon der Blick auf die wöchentlichen Charts. Denn die Tatsache, dass der deutsche Kinomarkt im Juli auch laut FFA-Zählung Zahlen sogar minimal über dem Niveau von 2018 schrieb, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass zuletzt Woche für Woche eine erkleckliche Anzahl an Neustarts in der Versenkung verschwand, Besucherzahlen jenseits der Vierstelligkeit oft schon die große Ausnahme waren. Nicht dass es nicht große Erfolge zu feiern gegeben hätte, nicht dass die Ergebnisse unter dem Strich (und insbesondere angesichts der Restriktionen) nicht bemerkenswert wären - aber aktuell erweist sich der Markt als absolut erbarmungslos, was nur zu einem Teil auf Kapazitätsbeschränkungen zurückgeführt werden kann.

Oder um es mit den Worten des Vorstandsvorsitzenden der AG Kino-Gilde zu sagen: "Sich mit Mittelware durchmogeln zu wollen, ist endgültig vorbei, das Publikum ist - erst recht nach dieser Pandemie - gnadenlos." Christian Bräuers klare Ansage: Das aktuelle Fördersystem sei zu produktionsfokussiert, mindestens ein Drittel, besser die Hälfte der Mittel müsse in die Herausbringung gehen. Laut Bräuer fehlt es an der qualitativen Spitze, eine große Strukturreform der Förderung sei endgültig überfällig.

Wo aber soll diese Strukturreform greifen? Produzentin Bettina Brokemper (Heimatfilm) jedenfalls widersprach der Ansicht, es gebe zu viele Filme, klar - wenngleich mit der Einschränkung, dass auch ihrer Ansicht nach womöglich zu viele Produktionen tatsächlich ins Kino kämen. Direkt für Streamer zu arbeiten, lehnte sie auf dem Panel für sich jedoch überdeutlich ab - ihr zufolge gebe man bei der Arbeit für Oligopole nicht nur seine Rechte, sondern (allen Ernstes) sogar "seine Gesinnung" ab. Brokemper jedenfalls hält die Vielfalt der Produktionen schon deshalb für unabdingbar, weil es unmöglich sei, eine Voraussage über potenziellen Erfolg zu treffen.

Wie aber soll sich - auch dies eine weidlich diskutierte Frage - Erfolg definieren? Svenja Böttger, Geschäftsführerin des Filmfestivals Max Ophüls Preis würde - insbesondere was Nachwuchsprojekte anbelangt - gerne weiter von einer zahlenfokussierten Betrachtungsweise abrücken, denn es könne "doch nicht immer nur um Geld gehen". Was, das machte sie im Verlauf des Gesprächs klar, kein Plädoyer für eine völlige Abkehr von Besucherzahlen als Messlatte ist - allerdings müsse man je nach Projekt stärker differenzieren. Was Erinnerungen an die diesmal nicht explizit thematisierte Forderung nach einer Betrachtung des "relativen Erfolges" - also einem Blick auf Besucherzahlen in Relation zum Budget - weckte. Vor allem aber beklagte Böttger eine unzureichende Nachwuchsförderung in Deutschland. Die an sich vorhandene Breite des Talents gelange schlicht nicht in den Markt.

Unterdessen rieb sich Torsten Frehse (Neue Visionen) auf dem Panel jenseits des Problems von Herausbringungsverpflichtungen diesmal weniger an Schwächen des Fördersystems per se, sondern vielmehr an anderen Phänomenen: An einer "Kriminalisierung von Kulturorten" durch Corona-Verordnungen, die Veranstaltungen zeitweise nur dann erlaubten, wenn sie unter den Begriff "Gottesdienste" fielen, etwa. Oder (vor allem) auch an einem Rückzug etlicher Medien von einer nennenswerten Berichterstattung über Kinofilme. Seiner Ansicht nach sei die Tatsache, dass aktuell "nur Brands und zwei bis drei Oscar-Titel" funktionierten, auch Folge dessen, dass Kino im Feuilleton kaum noch stattfinde.

Einig waren sich die bislang genannten Panelist*innen jedenfalls im Prinzip bei der Einschätzung, dass die Zeit für eine grundlegende Reform der Filmförderung überreif ist. Gemeint ist damit beileibe nicht nur jene nach dem FFG, dessen große Novelle für die Jahre ab 2024 ansteht, wozu es auf Einladung der BKM kommende Woche einen großen Runden Tisch geben wird - mit wenigen Minuten Redezeit für jeden Beteiligten... Es ist nicht zuletzt der Wunsch nach einer Förderung "aus einem Guss", der in Leipzig erneut klar zutage trat. Doch wie stehen die Perspektiven für eine tatsächlich grundlegende Reform, wie sie immer und immer wieder an Partikularinteressen gescheitert ist?

BKM-Vertreter Jan-Ole Püschel jedenfalls gab sich erst gar keine Mühe, die Schwierigkeit der Suche nach der sprichwörtlichen Quadratur des Kreises in irgendeiner Form zu beschönigen: "Filmförderung aus einem Guss hört sich ja gut an - aber das ist leichter gesagt als getan, schließlich müssen wir viele unterschiedliche Interessen bedienen", so Püschel, der ergänzte, man sei absolut dankbar für Vorschläge, wie man es besser machen könne. Er persönlich könne sich eine Reform ohne Kompromisse jedenfalls nicht vorstellen. Die Lösung habe potenziell ihren Preis, so Püschel, "immer mehr Geld ist nicht die Antwort". Das von Dieter Kosslick wenige Stunden zuvor beschworene Problem eines Legitimationsdrucks auf die Kulturförderung sieht Püschel aber ausdrücklich nicht.

Björn Böhning, mittlerweile Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, blieb in seiner Positionierung zwar ein wenig schwammig, ließ aber doch durchblicken, dass ein Kurs, Filme fördern zu wollen, die explizit nicht marktorientiert seien, anstatt das Zuschauerinteresse stärker in den Fokus zu stellen, seine Sympathien eher nicht genießt. Böhning betonte nicht zuletzt die Herausforderung durch große internationale Player und deren "Monopolstellung", die nach "Monopol-brechenden Strategien" wie Investitionsverpflichtungen verlange. Gleichzeitig müsse noch etwas mehr für den Erhalt der Kulturlandschaft - also insbesondere den Ort Kino - geschehen. Vor allem aber müsse man Instrumente besser verzahnen, denn die Frage, warum man immer mehr Geld in die Förderung stecke, ohne dass sich die Besucherzahlen verbesserten, stelle sich nun einmal.

Rückblickend hätte man sich an dieser Stelle womöglich MDM-Geschäftsführer Claas Danielsen auf die Bühne gewünscht. Denn seine klare Ansage bei der Vergabe der Kinoprogrammpreise, es müssten künftig zwangsläufig weniger Filme gefördert werden, hätte der Diskussion an diesem Punkt sicherlich noch einmal Schwung verliehen...

Christian Bräuer jedenfalls unterstrich, dass es schlicht darum gehe, sich in einer neuen Welt zurechtzufinden, in der man Manches "nicht wiederbekommen" würde. Dass man schon grundsätzlich nicht immer auf Augenhöhe mit großen Marktteilnehmern verhandeln könne und überdies weiterhin geschwächt sei, sei nun einmal so. Allerdings befände man sich gerade jetzt in einer Situation, in der sich für die Konzerne wieder klar zeige, dass man mit Kino Geld verdienen könne. Gleichzeitig verwies er erneut auf jahrelange Appelle, sich mit den Streamern zu arrangieren. Mit seiner deutlichen Kritik an einem brancheninternen Verdrängungswettbewerb über Preisdumping konnte er indes zumindest bei Püschel und Böhning nicht punkten. Insbesondere Püschel sprach von "normalen Marktmechanismen" und einer "wenig hilfreichen Debatte" und lenkte die Aufmerksamkeit an dieser Stelle auf andere Herausforderungen - namentlich die Notwendigkeit, Filmeinsätze flexibler gestalten zu können, außerhalb des mitunter doch sehr engen Korsetts der von den großen Verleihern vorgegebenen Einsatzbedingungen.

Nun aber noch einmal zur entscheidenden Frage nach den Chancen für eine tatsächlich entschiedene Strukturreform, den großen Wurf, die bessere Verzahnung der Förderinstrumente, der bislang nicht zuletzt der Föderalismus (Stichwort: Regionaleffekt) im Wege stand: Nun, am Ende stehen diese womöglich etwas besser, als es dieses Panel zu vermitteln mochte. Denn was nicht auf der Bühne zur Sprache kam, aber selbstverständlich in den an die Podiumsdiskussion anschließenden Gesprächen: Nachhaltiges Filmschaffen, wie es derzeit auf allen Förderebenen in den Fokus genommen wird, ist mit der bislang notwendigen Praxis eines Fördertourismus schlicht nicht vereinbar. "Green Shooting" könnte - so die Erwartung etlicher Experten - ein entscheidender Hebel werden, um tatsächlich weitreichendere Reformen anzustoßen.

Warten wir es ab - zunächst geht es ja ohnehin um die Frage, wer das Heft bei der Förderreform in ein paar Monaten in die Hand nehmen wird. Wobei sich vermutlich schon eines sagen lässt: Einen wirklich gravierenden Unterschied wird die Besetzung im Kanzleramt nach derzeitigem Stand wohl eher nicht machen.